Türkischer Taxifahrer mit Tattoo (Quelle: rbb)
Video: rbb reporter | 15.07.2017 | Nadya Luer und Cem Dalaman

Interview zur Reportage "Zwischen zwei Welten" - "Viele Berliner Türken sind gekränkt und frustriert"

Der Putsch-Versuch gegen Erdogan ist ein Jahr her. Die Politik des türkischen Präsidenten und seine Haltung spaltet nicht nur sein Land, sondern auch in Berlin lebende Deutsch-Türken. Zwei Autoren haben viele von ihnen für ihren Film "Zwischen zwei Welten" getroffen.

Wie fühlen sich deutsch-türkische Berliner nach den politischen Veränderungen in der Türkei? Was hat sich verändert? Wie beeinflusst das ein Zusammenleben mit den Deutschen? Die Autoren Nadya Luer und Cem Dalaman haben sich für ihren rbb-Film "Zwischen zwei Welten"  (in der Mediathek ein Jahr lang zum Nachschauen) mit vielen Berliner Deutsch-Türken getroffen und sehr unterschiedliche Lebenswelten kennengelernt. Im Interview erzählen sie, welchen Einfluss die Politik in der Türkei auch auf das Leben hier hat.

rbb|24: Sie haben, wenn ich richtig informiert bin, beide einen türkischen Hintergrund und leben seit langem in Deutschland.

Nadya Luer: Ich bin hier geboren.

Cem Dalaman: Ich nicht, ich habe die ersten 15 Jahre meines Lebens in Istanbul verbracht. Aber ich lebe inzwischen so lange hier, dass ich mich als Berliner bezeichne.

rbb Reporter Cem Dalaman (links) und Nadya Luer (Quelle: rbb)
rbb-Reporter Cem Dalaman und Nadya Luer

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Frage 'Woher kommst Du' gestellt bekommen? Haben Sie darauf eine Standardantwort?

Cem Dalaman: Ja. Meine Antwort ist meistens als Trotzreaktion gemeint. Wenn ich von zuhause komme, sage ich: 'Ich komme von zuhause.' Die nächste Stufe ist, dass ich die Straße sage, in der ich wohne, oder, dass ich aus Wilmersdorf komme. Es ist ein Thema, das nervt. Denn wenn man 38 Jahre in einer Stadt lebt, und sich als Teil von dieser definiert, dann möchte man nicht unbedingt sofort auf seine Herkunft reduziert werden. Wobei mir meine Herkunft natürlich auch wichtig ist. Also versuche ich die Frage mit süffisanten Antworten etwas zu entkräften.

Nadya Luer: Mir wird diese Frage nicht gestellt, weil man meistens nicht vermutet, dass ich eine türkische Herkunft habe. Und damit geht es mir, ehrlich gesagt, auch sehr gut. Denn die Menschen, die wissen, dass ich türkischstämmig bin, unterstellen mir - oft im Zusammenhang mit der Türkei-Politik – manchmal Dinge, bei denen ich mich wirklich frage, wie sie darauf kommen. Zum Beispiel wurde mir die Frage gestellt: 'Was machen denn Deine Türken da?' Das finde ich mitunter sehr verletzend. Denn ich spreche die deutsche Sprache wie alle, bin integriert, habe studiert und promoviert. Doch unbewusst wird immer wieder eine Barriere gesetzt.

'Zwischen zwei Welten' heißt Ihre gemeinsame Reportage über Deutsch-Türken in Berlin, die am Samstag im rbb Fernsehen läuft. Sind es denn wirklich 'nur' zwei Welten?

Cem Dalaman: Mit dem Thema beschäftige ich mich schon beinahe seit Jahrzehnten. Immer wieder muss man auch als Journalist gegen Behauptungen und Verallgemeinerungen ankämpfen. Weil es eben nicht den Türken oder den Muslim gibt. Türkischstämmige Menschen sind sehr heterogen. Das haben wir auch bei unserer Reportage festgestellt. Und inzwischen hat sich das sogar multipliziert. Es gibt schwule türkische Berliner, es gibt extrem konservative türkische Berliner, es gibt welche, die an Erdogan glauben und ihn anhimmeln, und es gibt auch Leute, die sich überhaupt nicht für die Türkei interessieren. Es gibt arbeitslose und extrem reiche türkische Berliner. Das ist eine Vielfalt, die leider oft nicht erkannt wird. Es gibt bestimmte Klischeebilder, in die ein Türke passen muss. Wir haben mit unserem Film versucht, eine Bandbreite zu zeigen. Diese Vielfalt, die auch Berlin bereichert.

Nadya Luer: Der Titel einer Dokumentation ist immer eine Zuspitzung. Es geht natürlich nicht nur um zwei Welten. Wenn man umgekehrt einen Film über Deutsche in Deutschland machen würde, wo würde man da anfangen? Bei den Bayern in Lederhosen? Bei den Ostfriesen mit ihrem Dialekt? Bei den Berlinern – wo man nicht weiß, wer zugezogen ist und wer nicht? Natürlich sind die Menschen aus einem Land unterschiedlich und vielfältig. Das gilt doch für alle Menschen überall auf der Welt.

Zu den Dreharbeiten: waren die Menschen Ihnen Gegenüber offen? Wollten sie Reden? Oder sind viele durch Erdogans Haltung der Presse gegenüber skeptisch?

Cem Dalaman: Wir haben im letzten Jahr erlebt, wie sich die Lage zwischen der Türkei und Deutschland zugespitzt hat - fast bis zum Zusammenbruch der diplomatischen Beziehungen. Viele Türken in Berlin und in Deutschland machen die deutschen Medien mitverantwortlich dafür. Vor allem auch dafür, dass sie selbst in diese zwischenstaatlichen Debatten hineingezogen werden - von beiden Seiten, aber besonders von deutschen Medien. Da sind viele Abzieh- und Klischeebilder über Türken zu finden, wie: 'Jeder Türke ist für Erdogan. Jeder Türke ist ein gläubiger Muslim.' Sie finden, dass keine Differenzierung stattfindet und sind deswegen misstrauisch gegenüber der Presse. Erstaunlicherweise haben wir mehrfach das Stichwort Lügenpresse, das aus der Pegida- und der AfD-Ecke kommt, im türkischen Kontext gehört. Die Deutsch-Türken sprechen auch von der Lügenpresse, die über sie Sachen verbreite, die nicht stimmen. Ich glaube, Nadyas und meine Stärke war, dass wir die Leute überzeugen konnten, dass wir als türkischstämmige Journalisten nicht mit irgendwelchen Erwartungen oder Vorurteilen kommen, sondern auf Augenhöhe mit unserem Gegenüber sprechen. Denn wir teilen viele Erfahrungen, die sie selber gemacht haben. Deshalb konnten wir sie 'knacken'. Sie haben uns vertraut.

Nadya Luer: Das ist richtig, doch viele wollten in der Tat auch nicht mit uns sprechen. Gerade die Berliner Deutsch-Türken, die Erdogan kritisch sehen, hatten große Angst, sich vor der Kamera zu öffnen. Wir haben mit vielen gesprochen, die am Ende doch nicht im Film vorkommen wollten. Die Angst war einfach zu groß. Deshalb sind wir auch froh, dass wir mutige und offene Protagonisten gefunden haben. Das hat mit Sicherheit etwas mit unserer eigenen Herkunft zu tun. Gleichzeitig finde ich es unglaublich erschreckend, dass wir ja in Deutschland in einer freiheitlichen Demokratie leben und dennoch der lange Arm von Erdogans Angst-Politik bis hierher reicht. Selbst ich habe, wenn ich in die Türkei fahre, Angst davor, an der Grenze willkürlich festgenommen zu werden, weil ich mich mit einem Film oder Äußerungen zu weit herausgelehnt habe. Obwohl ich in deren Augen wahrscheinlich nur ein kleiner Fisch bin.

Durch die aktuelle Lage und den Putschversuch von vor einem Jahr hat sich also auch für die deutsch-türkischen Berliner etwas verändert. Kann man sagen, dass ein Riss durch die türkische Community oder gar durch Freundschaften und Familien geht?

Cem Dalaman: Das kann man definitiv sagen, und das haben wir auch mit mehreren Beispielen belegen können. Einer der Hauptprotagonisten unseres Films hat gegen das Türkei-Referendum und damit gegen Erdogan gestimmt - seine Frau aber dafür. Das ist letzten Endes aber vielleicht auch ganz normal. In einer deutschen Familie wählen auch nicht unbedingt beide SPD. Wir haben im Film auch zwei junge Frauen vorgestellt, die Kopftuch tragen. Sie haben erzählt, dass sie nicht nur von Deutschen, sondern zum Teil auch von der eigenen Gruppe als fremd angesehen werden. Da gibt es so viele Entfremdungen zwischen so vielen Gruppen und Menschen.

Nadya Luer: Erdogan spaltet auf alle Fälle die Gesellschaft. Nicht nur im eigenen Land, sondern auch hier. Das ist seine Politik. Das haben wir erlebt und können es in unserem Film zeigen. Was ich aber auch gelernt habe, ist, dass nicht alle, die Erdogan wählen, eine Diktatur wählen. Denn diese Menschen haben oft überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass es um eine Diktatur geht. Sie wählen die Person Erdogan - jemanden, der ihnen lange Jahre lang etwas gebracht hat, jemanden, der charismatisch ist, und jemand, der ihnen für die Zukunft eine sichere Türkei verspricht. Sie projizieren ganz viele eigene, unbewusste Wünsche auf die Person Erdogans.

Cem Dalaman: Viele hier haben aber auch aus Frustration und Enttäuschung über das, was sie in Deutschland erleben, Erdogan gewählt. Sie wollen nicht in der Türkei einen Diktator installieren, sondern sie wollen zeigen, dass sie sich hier nicht aufgenommen fühlen. Sie wissen, dass Erdogan die Deutschen ärgert und wählen ihn deshalb.

Zwei Berliner Türkinnen mit Kopftuch (Quelle: rbb)
Zwei junge Berliner Deutschtürkinnen mit Kopftuch

Wird das tägliche Zusammenleben mit Deutschen davon beeinflusst? Treibt das einen neuen Keil durch das deutsch-türkische Verhältnis?

Nadya Luer: Vielleicht kann man sagen, dass die Vorurteile, die gegenseitig bestanden, verschärft wurden. Viele regen sich darüber auf, dass ältere Deutsch-Türken kein Deutsch sprechen. Einige Menschen wollten über ein emotionales, für sie wichtiges und kompliziertes Anliegen mit uns lieber auf Türkisch sprechen. Deshalb sind wir ja als türkischstämmige Reporter losgegangen. Sie fühlen sich in ihrer Herkunftssprache sicherer. Natürlich sprechen sie im Alltag aber deutsch. Von vielen wird leider oft mit zweierlei Maß gemessen. Denn in Berlin gibt es so viele englischsprachige Menschen, die mittlerweile auch seit zehn Jahren und länger hier wohnen und die kein Wort Deutsch sprechen. Und das sind oft auch noch gebildete Leute. Warum lernen sie denn eigentlich nicht Deutsch? Ich habe noch nicht ein einziges Mal gehört, dass das kritisiert wurde.

Mit welchem Gefühl schauen Sie in die deutsch-türkische Zukunft?

Cem Dalaman: Während Nadya eher hoffnungsvoll in die Zukunft sieht, bin ich momentan ein wenig beängstigt. Die Türken leben jetzt seit 60 Jahren in Deutschland, und wir sind – verallgemeinernd gesprochen – in vielerlei Hinsicht so weit entfernt voneinander wie selten. Gleichzeitig stellen wir auch eine türkischstämmige Frau vor, die 'Pulse of Europe' mit organisiert hat. Es gibt solche Beispiele, aber auch sehr niederschmetternde. Viele Türken sind gekränkt und frustriert. Ich hätte mir eigentlich gewünscht, dass diese Themen überwunden sind. Aber vielleicht ist das zu früh.

Nadya Luer: Wir haben sehr viele Stimmen integrierter Deutsch-Türken auch im Film nicht zeigen können. Sie werden, obwohl es einen sehr großen Anteil von Türken gibt, die ganz unauffällig Teil der deutschen Gesellschaft sind, oft nicht wahrgenommen. Weil sie einfach genauso sind wie andere. Ich denke, dass die Türkei als Ursprungsland sich eben sehr von Deutschland unterscheidet und dass es Zeit braucht. Die Mauer ist ja auch schon vor 27 Jahren gefallen und trotzdem gibt es immer noch Unterschiede und Streitereien zwischen Menschen, die aus der ehemaligen DDR kommen und Menschen, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Prieß

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Der Bericht hat bei mir mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gebracht. Warum spricht man z. Bsp. nach mehreren Jahrzehnten Aufenthalt in Deutschland nicht die Sprache des Landes, in dem die eigenen Kinder heranwachsen und warum wird das in dem Bericht mit keiner Silbe erfragt? Die Sprache ist doch die Grundlage für Integration. Warum leben viele Erdogan-Anhänger in Deutschland, wenn es in der Türkei doch so schön ist? Hätte die Antwort wirklich gern gehört. Und bleibt der junge Mann aus Stralsund auch in Neuköln wohnen, wenn er eigene Kinder hat und diese in Neuköln eingeschult werden sollen? Und warum ist es negativ zu fragen, woher jemand kommt?

  2. 3.

    Es gibt aber durchaus viele türkischstämmige Berliner, die auch nach Jahrzehnten noch kein Deutsch sprechen, auch nicht im Alltag.
    Ich habe beruflich mit vielen zu tun und selbst einfache Fragen wie Alter, Familienstand, Beruf etc. können manche weder verstehen noch auf deutsch beantworten. Und selbst auf ein "Guten Tag" wird oft nicht geantwortet, ob das nun Nichtverstehen oder Unhöflichkeit ist, weiß ich nicht.
    Ich bemühe mich selbst bei ein oder zwei Wochen Urlaub, "Guten Tag" , "Auf Wiedersehen", "Bitte" und "Danke" in der Landessprache zu beherrschen, weil es schön ist zu sehen, wie die Leute sich darüber freuen und schon geht alles einfacher. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn man sich nach vielen Jahren in einem Land nicht mal gebrochen in der Landessprache verständigen kann. Sicher fällt es nicht jedem leicht, eine Sprache zu lernen, aber der Wille dazu ist erstmal Voraussetzung.

  3. 2.

    Etwas demokratisch gegen eine Regierung zu unternehmen geht eben nur dort, wo man dafür nicht ins Gefängnis gesperrt wird. Mit 'Gekränktheit' ändert man nichts - nur mit offenen Worten!

  4. 1.

    Jedes Land hat die Regierung, die es verdient bzw. wählt. Nicht jammer, etwas dagegen unternehmen.

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