Ein Mitarbeiter in der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten in Berlin (Quelle: imago)

Helfer am Limit - Bahnhofsmission fordert psychologische Hilfe für Obdachlose

Die Berliner Bahnhofsmission am Zoo ist nach eigenen Angaben stark überlastet. Immer mehr Obdachlose suchen bei ihr Hilfe, nicht selten seien sie psychisch krank und aggressiv. Dadurch mehren sich die gewalttätigen Zwischenfälle wie der am vergangenen Wochenende. 

Die Berliner Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo sieht sich nach eigenen Angaben zunehmend an der Grenze der Belastbarkeit. Die Zahl der Hilfesuchenden pro Tag sei auf 700 angewachsen, viele hätten schwere Alkoholprobleme, sagte Stadtmission-Sprecherin Ortrud Wohlwend am Mittwoch.

Nachdem Mitarbeiter am vergangenen Wochenende erneut bedroht wurden, werde das Essen vorerst nicht mehr im Speisesaal serviert, sondern nur noch durch Fenster nach draußen gereicht. "Das soll auch ein Signal sein, dass sich etwas ändern muss." Es sei mehr dezentrale Sozialarbeit nötig, damit nicht alles in der Bahnhofsmission in der Jebensstraße kulminiere.

Dritter großer Polizeieinsatz innerhalb von zwei Monaten

Am vergangenen Wochenende war es während der Essenausgabe an der Bahnhofsmission zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe von Gästen gekommen. Auslöser war eine obdachlose Frau, die aus der Kleiderkammer eine neue Jacke haben wollte. Das wurde ihr verwehrt, weil sie bereits eine Jacke trug. Als die Frau sich Verstärkung von acht Männern holte, stürmten diese die Bahnhofsmission und bedrohten die Helfer.

Es "flogen vor unserer Tür die Fäuste und Flaschen, Messer wurden gezückt, es brodelte wohl etwas Wahnsinn kombiniert mit 5 Promille", beschreibt der Leiter der Bahnhofsmission, Dieter Puhl, auf seiner Facebookseite die Situation. Puhl war allerdings nicht selbst am Ort. Die Polizei rückte mit 25 Beamten an und konnte die Situation wieder beruhigen.

Den Angaben zufolge war es der dritte größere Polizeieinsatz binnen zwei Monaten. Laut einem Sprecher der Bundespolizei gibt es rund um die Bahnhofsmission sehr regelmäßig Einsätze. Immer wieder komme es zu Streit um die Essensausgabe und um die Vergabe von Schlafplätzen. Früher sei es an der Einrichtung ruhiger gewesen, so der Sprecher.

Obdachlose oftmals psychisch krank

Puhl fordert nach dem erneuten Gewaltvorfall eine bessere krisenpsychologische Betreuung für Obdachlose in Berlin. Viele seien psychisch krank. "Es fehlt eine solide psychiatrische Grundversorgung von zum Teil sehr erkrankten Menschen [sowie] Beratungen, Motivation, Nachsorge, auch Kontrolle", schreibt Puhl auf Facebook.  

Die Krisendienste müssten personell massiv aufgestockt werden, um zumindest eine psychiatrische Grundversorgung in der Stadt zu gewährleisten, so Puhl. Von den 700 Gästen, die täglich von der Bahnhofsmission am Zoo versorgt werden, seien 695 nicht problematisch. Die anderen fünf befänden sich in einem Zustand "höchster Verwirrtheit" und bräuchten dringend eine Behandlung. Puhl warnte davor, das Problem an die Polizei auszulagern. "Polizisten sind nicht für psychisch Kranke zuständig." Insgesamt registriert Puhl eine steigende Tendenz bei Übergriffen von Obdachlosen.

Wachschützer in Bahnhofsmission?

Die Bahnhofsmission am Zoo werde nun über Konsequenzen beraten. Die Essenausgabe aus dem Fenster soll erst mal bis einschließlich Sonntag beibehalten werden. Die Einstellung von Wachschützern wie in Notunterkünften sieht Puhl aber skeptisch. Das wäre eine Kostenfrage und es würde die Atmosphäre vor Ort beeinträchtigen. Stattdessen sollten im Berliner Innenstadtbereich mehr Angebote für Obdachlose wie die Bahnhofsmission geben.

Auch der Humanistische Verband (HVD) forderte am Mittwoch den Ausbau dezentraler Versorgungsstrukturen für Wohnungslose in Berlin. In der Hauptstadt erhielten Wohnungslose aktuell in zehn Einrichtungen eine niedrigschwellige medizinische Versorgung. Das sei viel zu wenig angesichts des wachsenden Bedarfs, hieß es. Der HVD betreibt eine Arztpraxis für Obdachlose am Bahnhof Lichtenberg. Allein 2016 hätten dort 2.600 ärztliche oder zahnärztliche Behandlungen stattgefunden.

Berlin gilt als "Hauptstadt der Obdachlosen". Schätzungen zufolge leben in Berlin derzeit etwa 8.000 Menschen auf der Straße. Eine genaue statistische Erhebung gibt es bislang nicht, sie ist aber laut Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales für die Zukunft geplant.  

Sendung: Radio Fritz, 09.08.2017, 16:45 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Weder macht Arbeit frei, noch garantiert Arbeit ein würdiges Leben noch gibt es hierzulande Arbeit für jeden (m/w). Arbeit ist die politisch-illusorische Grundlage des Sozialgesetzbuch II (SGB II), also einem Gesetz, das die eklatante Notsituation in der Bahnhofsmission verhindern sollte. Nach meiner Einschätzung stellt sich nämlich die Frage, welche der betroffenen Wohnungslosen unter das SGB II fallen und weshalb diesen Menschen kein Regelbedarf bewilligt wird. Für die durch Bürokratie kaputt gespielten Staatsbürger ist dennoch der deutsche Staat verfassungsgemäß zuständig.

  2. 11.

    Ich habe mehrmals in der Woche beruflich mit Obdachlosen zu tun. Und die widern mich keinesfalls an. Ich bin trotzdem der Meinung, dass jeder sein Leben selbst in die Hand nehmen und Arbeit finden kann, so er das möchte.

  3. 9.

    An alle :Aufhören Kommentare zu schreiben und einfach mal vorbeikommen und helfen!! Fühlt sich für einen selbst super an und hilft einem eigene Fehlurteile zu revidieren.
    @Skorpion/Nachdenker:Würde vor allem Ihnen mal so richtig helfen....Und reden sie doch mal mit einem Obdachlosen!Nicht nur angewidert wegschauen und Vorurteile pflegen. Sondern so ein richtiges Gespräch!Sie würden erstaunt sein.
    Angenehmen Abend, allerseits

  4. 8.

    Solche Aussagen wie "Wer arbeiten will, findet Arbeit" sind keineswegs konstruktiv. Wie im Artikel schon steht, sind viele der Obdachlosen krank, einige psychisch. Die Menschen können gar keiner Tätigkeit nachgehen, selbst wenn sie es wollten. Ob jetzt Deutsche oder Ost-Europäer - der gemeinsame Nenner heißt Mensch. Mir egal, wie andere es sehen, aber ich helfe Menschen in Not.

  5. 6.

    Hartz4 bräuchte es zur Zeit garnicht geben. Überall bitten und betteln Geschäfte und Gastronomie nach Aushilfen. 4 Std. oder Vollzeit! Aber da müsste man ja den Tag planen und den Hintern hochkriegen.

  6. 5.

    Anstatt sich in oberflächliche Mutmaßungen zu begeben, sollten Sie sich mMn der Tatsache stellen, dass der tägliche Verteilungskampf um einen Schlafplatz nichts mit Gemütlichkeit hierzulande zu tun hat. Kennen Sie alle Hilfebedürftigen in der Bahnhofsmission derart genau nach Nationalität und persönlichem Hintergrund? Nicht der Berliner Steuerzahler ist für die menschliche Misere verantwortlich, sondern die von den BerlinerInnen gewählten Politiker und deren Parteien.

  7. 4.

    Kennen Sie alle Hilfebedürftigen in der Bahnhofsmission derart genau nach Nationalität und persönlichem Hintergrund?

  8. 3.

    " Verelendung durch Hartz IV.." ? Gehen sie doch einfach mal am Zoo vorbei, bis 50 Prozent der Obdachlosen in dieser Stadt kommen aus Osteuropa, die werden ja wohl kaum "Hartz" Opfer sein. Die Bahnhofsmissionen wären bei weitem nicht so überlastet, wenn es sich nur um " Eingeborene" handeln würde. Verteilungskämpfe um Schlafplätze gab es schon im letzten Winter, auch hierüber berichtete der RBB. Und auch seinerzeit schon hat der Chef der Bahnhofsmission dies auch so begründet. Nämlich, dass es in dieser Stadt zu einem Konkurrenzkampf zwischen diesen Leuten und den Einheimischen gibt. Dies hat nichts mit einem nicht vorhandenen Jobwunder, wie sie schreiben, zu tun. Erklären sie doch mal den Berliner Bürgern, weshalb eigentlich der Berliner Steuerzahler für diese Leute verantwortlich sein soll. Die Ursache dieser Misere ist, dass genau diese "Zuwanderer" es hier gemütlicher finden,als in ihren Heimatländern.

  9. 2.

    Sie kennen sich wohl gar nicht mit der Realität aus, wa?
    Das sind überwiegend polnische (und an zweiter und dritter Stelle vielleicht noch rumänische und bulgarische) Obdachlose, die ohnehin schon (vor allem polnische, pardon..) schwerst alkoholabhängig hierher gekommen sind. Die meist gar nicht der deutschen Sprache mächtig sind, und Deutschland als Ziel Nr. 1 wegen dem Flaschenpfand (verständlich!) gewählt haben.

  10. 1.

    War abzusehen, dass dieses angebliche Jobwunder von HartzIV die Verelendung hierzulande vorantreibt. Es ist höchste Zeit für Butter bei die Fische zu geben und sich politisch der verfassungsgemäßen Menschenwürde jedes Einzelnen zu widmen, der in der Bahnhofsmission den Eindruck von nachhaltiger Hilfebedürftigkeit vermittelt. Sollte es denn so schwierig sein, eine realistische Bedarfsfestellung durchzuführen und den Ursachen der Misere adäquat zu begegnen?

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