Das Kinder- und Jugenheim «Haus Babenberg» der Haasenburg GmbH (Bild:DPA)

Inforadio | 01.07.2013 - "Die Haasenburg als letzte Chance"

In drei Brandenburger Therapieheimen der Haasenburg GmbH sollen Jugendliche schwer misshandelt worden sein. Der Cottbuser Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Pap war als Gutachter in den betroffenen Heimen tätig. Seine Gutachten dienten als Grundlage für richterliche Beschlüsse zur Verlängerung von Heimaufenthalten. Im Interview mit Inforadio spricht er über seine Erfahrungen vor Ort.

 

Was sind das für Kinder, die in den Haasenburg-Heimen landen?
Thomas Pap: Das sind Kinder, die schon viel Heimerfahrung haben und in offeneren Einrichtungen gescheitert sind, dort nicht behandelbar und integrierbar waren. Die Haasenburg ist für diese Kinder die letzte Chance.

Was haben diese Kinder hinter sich?

Diese Kinder und Jugendlichen haben sich über lange Zeit an normale Regeln nicht gehalten: ganz häufig waren sie lange schulabstinent, haben kriminellen Handlungen begangen – von Diebstählen bis zu Raub und Körperverletzung -, sie haben Drogenerfahrungen, haben sich prostituiert und auf der Straße gelebt. Die Kinder wurden schon sehr früh mit Heimerfahrungen konfrontiert, weil in ihren ersten Lebensjahren familiär sehr viel schief gelaufen ist.

In welcher Situation haben Sie die Jugendlichen angetroffen, wenn Sie als Gutachter gerufen wurden?
Die Jugendlichen sind zu dann oft schon vier bis sechs Wochen in der Haasenburg gewesen, befinden sich noch in der Integrationsphase und sind offen und kooperativ. Selten sagen die Jugendlichen, dass sie sich in der Einrichtung nicht wohl fühlen - sie sind eher mit der Maßnahme einverstanden, haben den Aufenthalt für sich als Hilfe angenommen und sehen darin eine Chance.

Sie werden dort hingerufen, weil ein Richter Sie um Ihr Gutachten bittet. Welche Maßnahmen stehen da zur Debatte?
Die Unterbringung in der Haasenburg ist immer an eine richterliche Entscheidung gebunden. Diese Entscheidung wird in der Regel vor Aufnahme in der Haasenburg vom Richter auf Veranlassung des Jugendamtes und des Sorgeberechtigten getroffen und für sechs Wochen Unterbringung in der Einrichtung vom Familienrichter genehmigt. Dann muss der Richter innerhalb einer Frist eventuell eine längere Unterbringung entscheiden. In dieser Situation werde ich als Gutachter gerufen und muss dann eine kinder-psychiatrische Begutachtung vornehmen und eine Empfehlung aussprechen, ob ich eine geschlossene Unterbringung für diesen Jugendlichen für geeignet und berechtigt halte.

Kinder- und Jugenheim «Haus Babenberg» der Haasenburg GmbH in Jessern
Kinder- und Jugenheim «Haus Babenberg» der Haasenburg GmbH in Jessern

Empfehlung: geschlossene Unterbringung

Sie entscheiden nicht aufgrund der Aktenlage, sondern lernen die Kinder selber kennen?
Ich habe zwar umfängliche Akteneinsicht, lerne dann aber die Jugendlichen vor Ort kennen. Es gibt ein Gespräch mit dem Bezugs-Erzieher, es gibt immer ein Gespräch mit dem Jugendlichen alleine, und wenn möglich, spreche ich auch noch mit den Angehörigen oder auch mit Vorbetreuern und Vorbehandlern. Anhand all dieser Informationen erstelle ich das Gutachten und schreibe eine Empfehlung.

Geht es Ihnen mit diesen Empfehlungen immer gut?
Nein. Eine freiheitsentziehende Maßnahme ist die massivste Einschränkung eines Grundrechts. Da hat man in einigen Fällen durchaus auch Bauchschmerzen, und denkt darüber nach, ob man die Maßnahme für die jeweiligen Jugendlichen wirklich in aller Konsequenz so treffen möchte. Gerade bei jüngeren Jugendlichen, mit 12 oder 13 Jahren, sind Kontaktsperren mit Eltern oder Bezugspersonen bitter – da hat schon mal der eine oder andere bei der Gutachtung vor Heimweh geweint. Aber unter Abwägung der möglichen Konsequenzen weniger einschränkender Maßnahmen muss man eben schauen, was für die weitere Persönlichkeitsentwicklungen der betreffenden Jugendlichen die bessere Variante ist.

Geschlossene Unterbringung für Kinder und Jugendliche ist generell in Verruf geraten. Was unterscheidet die Haasenburg-Heime von einer geschlossenen Psychiatrie?
In der geschlossenen Psychiatrie werden psychisch kranke Menschen behandelt, die medizinisch behandelbar sind und bei denen eine Heilung oder Minderung der Symptome auf medizinischem Wege erfolgen kann, also zum Beispiel bei Psychosen oder Depressionen. In der Haasenburg landen Kinder und Jugendliche mit sozialen Verhaltensstörungen. Das kann einerseits auch eine psychiatrische Diagnose sein, andererseits erfolgt die Behandlung nicht primär medizinisch-therapeutisch, sondern pädagogisch-erzieherisch.

Basisfertigkeiten und Regel-Akzeptanz lernen

Das Konzept der Haasenburg ist umstritten. Stichwort: Begrenzung – für den Laien entsteht der Eindruck, als würde der Wille der Kinder und Jugendlichen gebrochen.
Ich bin ja als Gutachter in der Haasenburg und bin von daher nicht konzeptuell involviert. Das Ziel der Haasenburg ist es, Jugendlichen, die über viele Jahre vorher keine Regeln und Normen gelernt und eingehalten haben, Basisfertigkeiten beizubringen und Regel-Akzeptanz zu verinnerlichen.

Sie sehen nicht gerade froh aus, wenn Sie mir das erklären.
Es wirkt wie das Dressieren von jemandem und ich weiß nicht, ob das Konzept der Haasenburg alternativlos ist. Es ist nicht mein Konzept. Aber für viele Jugendliche scheint es ein Anfang zu sein, überhaupt wieder so etwas wie Normalität einzuüben und zu akzeptieren.

Noch einmal zum Stichwort Begrenzung: Das klingt für jemand, der sich in der Materie nicht auskennt, sehr dramatisch – das heißt doch eigentlich nichts anderes als dass Betreuer oder Therapeuten einen Jugendlichen – auch körperlich – so lange einschränken, bis der seine Aggressionen aufgibt. Ist das richtig?
Das ist richtig – und es kann im Einzelfall notwendig werden. Ich habe auch schon in der Jugendpsychiatrie tobende Jugendliche erlebt, wo dann jemand mit mehreren Leuten körperlich festgehalten werden muss, um sich und andere nicht zu gefährden. Das kommt vor. Für Außenstehende klingt das martialisch, ist aber im Einzelfall nicht immer zu vermeiden. Gerade bei dieser ganz besonderen Klientel, die sich in der Haasenburg konzentriert. Das sind Jugendliche, die vorher ein sehr hohes Gewaltpotential hatten, eine niedrige Erregungsschwelle, eine geringe Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

Schatten eines Jungen, der ein Mädchen an der Hand hält (Quelle:dpa)
"Hilfeangebote müssten viel frühzeitiger und in viel höherer Frequenz erfolgen."

Ein bitteres Fazit

Da bleibt nur zu hoffen, dass Leute, die dort mit den Jugendlichen umgehen und arbeiten, immer sehr verantwortungsbewusst handeln.
Wenn ich so eine Arbeit mache, brauche ich sehr gut ausgebildetes Personal, das gut und kompetent in den verschiedenen Situationen entscheiden kann.

Nur sechs der Haasenburgkinder stammen aus Brandenburg. Kann man sagen, dass viele Bundesländer sich ihrer Problemkinder entledigen?
Es ist ja so, dass die Haasenburg eine der sehr wenigen Einrichtungen in ganz Deutschland ist, die eine solche Unterbringungsform überhaupt vorhält. Ich begutachte auch viele Kinder aus Großstädten oder Ballungsgebieten, wo man ganz bewusst die Kinder oder Jugendlichen weit von ihrem normalen Umfeld entfernen möchte und da ganz froh ist, dass sie irgendwo in ländlichem Gebiet landen, wo die negativ beeinflussende Peer-Group möglichst weit entfernt ist.

Sie kennen das breite Spektrum von Problemkindern aus der Praxis. Welche Instrumentarien bräuchten wir, um diesen Kindern frühzeitig zu helfen, bevor jemand in der Haasenburg landen muss?
Wir brauchen gute und kompetente Mitarbeiter in den Jugendhilfe-Einrichtungen – ambulant wie stationär – mit gutem therapeutischem Angebot, gutem Personalschlüssel. Dann könnten viele Jugendliche einen anderen Weg gehen.

Alternativen zur Haasenburg haben wir im Moment nicht?
Wenn wir am Ende dieser Kette stehen, haben wir tatsächlich keine Alternativen, es sei denn, den Jugendarrest. Das wäre die andere Schiene.

Das ist ein bitteres Fazit. Haben sie eine Idee als Fachmann – Sie erleben so viele Kinder, wahrscheinlich ebenso viele verzweifelte Eltern – was das gerade falsch läuft?
Ich glaube, dass Hilfeangebote viel frühzeitiger und in viel höherer Frequenz, Quantität und Qualität erfolgen müssten.


Das Gespräch führte Sylvia Belka-Lorenz für Inforadio

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