Mord an Burak Bektas in der Rudower Straße (dpa, 2012)

Liste von Opfern rechtsextremer Gewalt - Berlin ist auf dem rechten Auge nicht mehr blind

Spätestens seit der NSU-Mordserie ist klar, dass in Deutschland jahrelang Morde von Rechtsextremen nicht als solche anerkannt wurden. Dabei gehen Bürgerrechtsorganisationen schon lange von deutlich mehr Opfern aus, als es die Behörden tun. Der rbb listet nun erstmals alle bisher bekannten Berliner Fälle auf - und die Zahl wird wohl weiter steigen.

Ein pakistanischer Wissenschaftler, ein jugoslawischer Imbissbetreiber, zwei Geschwister und ein Neugeborenes: Viel öfter als bislang bekannt könnten Rechtsextreme seit der Wiedervereinigung in Berlin Menschen getötet haben. Doch von Seiten der Berliner Politik wurde das bisher öffentlich nicht eingeräumt, nur drei Fälle wurden dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Anders als in Brandenburg, wo inzwischen auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) davon ausgeht, dass die Zahl rechtsextremistischer Morde deutlich höher liegt als lange angenommen.

Bundesweit gehen Kriminalisten und Wissenschaftlern zurzeit von 746 Verdachtsfällen seit 1990 aus. In der nun vom rbb vorgelegten Opferliste sind sowohl die bereits offiziell anerkannten Fälle in der Hauptstadt aufgelistet, als auch reine Verdachtsfälle - sowie jene Taten, die zivilgesellschaftliche Organisationen als Tötungsdelikte mit rechtsextremistischem Hintergrund eingeordnet haben.

rbb listet Berliner Opfer auf

In Berlin gab es bisher auch keine dokumentierte Auflistung der Opfer rechtsextremistischer Gewalt – bis jetzt: Der Rundfunk Berlin-Brandenburg legt sie nun vor, nachdem bekannt wurde, dass auch die Hauptstadt-Polizei 78 Verdachtsfälle aus den vergangenen 20 Jahren zur erneuten Prüfung an das Bundeskriminalamt (BKA) gemeldet hat. Darunter sind auch 68 unaufgeklärte Tötungsfälle, bei denen bestimmte Indizien dafür sprechen, dass es hier einen rechtsextremistischen Hintergrund geben könnte.

BKA prüft 78 weitere Fälle aus der Hauptstadt

Wie viele weitere Fälle dem Rechtsextremismus zugeordnet werden müssen, lässt sich zurzeit noch nicht abschätzen - auch weil die Behörden bislang keine konkreten Angaben über jene 78 Verdachtsfälle machen, die derzeit in Berlin konkret untersucht werden. Auch die Kriterien, nach denen die Fälle eingestuft werden, hält das Bundesinnenministerium unter Verschluss. Der rbb hat dennoch in Erfahrung gebracht, dass es dem BKA bei der Prüfung vor allem um folgende Fragen geht:

  • Hatte das Opfer einen Migrationshintergrund?
  • War das Opfer für einen Täter erkennbar jüdisch ?
  • War das Opfer homosexuell?
  • War das Opfer obdachlos, links eingestellt oder passte es in anderer Weise in das "Feindes"-Spektrum von Rechtsextremisten?
  • Hatte es einen speziellen Arbeitsplatz?
  • Lassen die Umstände der Tat auf einen rechtsextremistischen Hintergrund schließen?

Im Zuge weiterer Recherchen könnten bestimmte Fälle auch nicht mehr als Taten mit rechtsextremistischem Hintergrund eingeordnet werden müssen. Aus diesem Grund wird die Liste von nun an regelmäßig auf den aktuellen Stand der Erkenntnisse gebracht.

Mit Informationen von Torsten Mandalka

Todesopfer rechter Gewalt in Berlin seit der Wende

  • 1990

  • 1991

  • 1992

  • 1994

  • 1997

  • 1999

  • 2000

  • 2001

  • 2011

  • 2012

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