Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (Bild: dpa)
Video: Dorit Knieling, Abendschau | 01.10.2013

Wowereit wird 60 - "Das Leben ist eine Baustelle"

Der dienstälteste Ministerpräsident der Bundesrepublik feierte am Dienstag einen runden Geburtstag: Klaus Wowereit wurde 60 Jahre alt. Ein Fünftel seines Lebens hat der SPD-Politiker mittlerweile als Regierungschef verbracht. Zwölf Jahre, die ihm die größten Erfolge, mit dem Flughafen-Desaster aber auch die bislang größte Niederlage bescherten. Thorsten Gabriel über einen strapazierfähigen Jubilar.

Der Lärm der U-Bahn-Baustelle vor dem Roten Rathaus dringt nur als dumpfes Grollen ins Innere des alten Gemäuers. Drinnen, im Amtszimmer des Regierenden Bürgermeisters, ist das lauteste Geräusch darüber hinaus nur das klappernde KPM-Kaffeegeschirr. Klaus Wowereit bittet aufs schwarze Sofa und ist gut gelaunt.  

Dunkelblaue Hose, hellblaues offenes Hemd - fast möchte man unterm Couchtisch nachschauen, ob er wirklich Schnürschuhe oder nicht vielleicht doch Pantoffeln dazu trägt, so entspannt wirkt er. Aber so privat ist er dann doch nicht. Schon gar nicht, wenn ein Journalist dabei ist: "Ich habe versucht, in den letzten Jahren mein Privatleben so gut es ging zu schützen. Das bedeutet auch, dass von mir keine Home-Storys zu lesen sind. Man muss dem einen Riegel vorschieben."

Stattdessen der öffentliche Klaus Wowereit, der medial schon viel mitgemacht hat, immer entlang der Grenze zum Privaten: Sein öffentliches Outing oder Fotos, die ihn mit rotem Schuh und Champagnerflasche oder küssend mit einer guten Freundin zeigen. Das alles ist Jahre her. Und er hat daraus gelernt: "Die Schere im Kopf ist nach wie vor vorhanden, auch mehr Professionalität. Ich ahne heutzutage schon, was alles wieder negativ ausgelegt werden kann, was eigentlich ganz harmlos ist. Das ist gefährlich, weil eine bestimmte Spontanität verloren geht und man Gefahr läuft, dass man total verkrampft."

Der Flughafen sollte die Krönung seiner politischen Karriere werden

Politisch war in den vergangenen zwölf Jahren von einem verkrampften Bürgermeister wenig zu spüren. Der Stadt verordnete er einen "Mentalitätswechsel", der Haushalt wurde zusammengestrichen. Und natürlich sein wichtigstes Projekt: ein neuer Flughafen für Berlin. Es sollte die Krönung seines politischen Lebens werden. Doch stattdessen stand die Karriere des Sozialdemokraten auf einmal auf der Kippe. 

2001: Der abgewählte Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) gratuliert seinem Nachfolger Klaus Wowereit (SPD) zu dessen Wahl. (Quelle: dpa)
Klaus Wowereit wird 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin. Sein Vorgänger Eberhard Diepgen (links) gratuliert.

Als Anfang Januar die Eröffnung des BER-Flughafens zum wiederholten Male verschoben werden musste, stellte die Opposition einen Misstrauensantrag. Er überstand ihn, aber es hat ihm ziemlich zugesetzt. Seine Umfragewerte erholen sich nur langsam, aber immerhin. "Herzlichen Glückwunsch für solch ein Stehvermögen. Das kann nicht jeder. Das ist eine große Qualität von Klaus Wowereit, er steht die schlimmsten Krisen durch", sagt Alice Ströver, die ihn über die Jahre gut kennengelernt hat. 

Alice Ströver ist Geschäftsführerin der Freien Volksbühne, früher war sie Grünen-Abgeordnete im Landesparlament. Sie ist eine Weggefährtin Wowereits, auch wenn ihm selbst das wohl so nicht über die Lippen käme. Als Kulturausschussvorsitzende war sie über Jahre dicht dran am Regierenden Kultursenator. Sie gehörte im Sommer 2001 als Kulturstaatssekretärin dem damaligen rot-grünen Übergangssenat an und kennt Wowereit aus seinen allerersten Amtstagen. 

Zu Wowereits Stärken zählt sie sein Talent, Schwachstellen aufzudecken. Auch sie bekam das immer wieder zu spüren. "Er hat ein echtes Näschen, sofort den Finger in die Wunde zu legen. Man wundert sich, dass ihm das beim BER so missglückt ist. Es ist gar nicht mal so, dass er das fundierte Wissen hat, sondern das Gespür, Dinge zu finden, die kritisch sind", so Ströver.

Meinungsstark und nett zu anderen

Genau das bestätigt auch eine andere, die über die Jahre noch dichter an Klaus Wowereit dran war. Die Parteifreundin und langjährige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. "Er liest das Richtige. Ich glaube, er kann unterscheiden, welche Informationen er benötigt - und er kann vor allen Dingen rechnen. Sobald etwas vermeintlich schlüssig dargestellt ist, nimmt er die Zahlen, schaut noch mal nach und kann auf den Punkt sagen, wo etwas stimmt oder nicht. Das verblüfft natürlich alle."

"Er ist knallhart und autoritär. Wenn er eine Meinung hat, lässt er kaum eine zweite zu."

Alice Ströver über Klaus Wowereit

Und noch etwas zeichnet Wowereit aus, wenn er glaubt genügend Informationen über ein Thema beisammen zu haben und sich eine Meinung gebildet hat. "Nach einem solchen Prozess bei ihm ist es ganz schön schwer, ihn von dieser Meinung wieder herunter zu holen", sagt Junge-Reyer. Ähnlich sieht es Ströver: "Er ist knallhart und autoritär. Wenn er eine Meinung hat, lässt er kaum eine zweite zu. Und wenn er erst einmal eine Entscheidung getroffen hat, was man schon an seiner Mimik und Gestik erkennt, bewegt sich nichts mehr." Außer man hat die besseren Argumente auf seiner Seite: "Man sieht ihm an, wenn er plötzlich denkt, das war ein gutes Argument. Dann lächelt er und gibt zu erkennen, dass man gewonnen hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob er selbst weiß, dass man es ihm immer ansieht", ergänzt Junge Reyer.  

So hält sich Wowereit über mehr als ein Jahrzehnt an der Spitze des Senats - mit Lesen, Rechnen und Meinungsstärke. Und noch etwas: Nett sein zu Leuten, von denen man was will. Zum Beispiel zu Dieter Hallervorden. Vor fünf Jahren rettete er das Schlossparktheater vor dem Aus - nach Verhandlungsgesprächen mit dem Regierenden: "Ich hatte oft Gelegenheit, ihm gegenüber zu sitzen, als er mir im Roten Rathaus Audienzen gab und wir über das Schlossparktheater gesprochen haben. Ich habe ihn immer als außerordentlich sympathischen und lockeren Menschen erlebt." 

Und noch etwas attestiert der Unterhaltungsprofi Hallervorden dem Polit-Profi Wowereit: "Was ich bewundere ist, dass er das Mikrofon ergreift und ohne einen Spickzettel in freier Rede formuliert - da scheint der Kopf doch ganz gut zu funktionieren." Von dieser Flexibilität profitierte die SPD jahrelang. Zuverlässig schaltete ihr Regierender alle fünf Jahre in den Wahlkampfmodus. Wowereits Charme-Offensiven funktionierten auf jedem Marktplatz - bis zum BER-Desaster.

Wowereit will geliebt werden

Seitdem muss "Wowi" damit leben, bei öffentlichen Veranstaltungen auch schon mal ausgebuht zu werden, was nicht spurlos an ihm vorüber geht. "Das hat mich sehr stark getroffen, das gebe ich offen zu. Das macht einen fast kirre. Das ist für mich eine sehr schwierige Situation, weil auch die Politik nicht weiter kommt, wenn die Fachleute nicht in der Lage sind, so einen Flughafen im wahrsten Sinne des Wortes zum Fliegen zu bringen. Das wurmt mich enorm", resümiert Klaus Wowereit.

Die mangelnde Zuwendung sollte man nicht unterschätzen, glaubt die Grüne Alice Ströver: "Er möchte eben geliebt werden. Das ist für ihn Nahrung, diese Anerkennung durch die einfachen Menschen. Er hat damit ein großes Problem, weil das jetzt nicht mehr so ist."

Wowereit selbst will von Amtsmüdigkeit nichts wissen. Ob er 2016 noch mal antreten würde, wenn die SPD ihn ließe, dazu gibt es von ihm keinen Kommentar. Erst einmal den  runden Geburtstag feiern - und das mit bester Laune: "Sechzig zu werden ist etwas Besonderes. Aber dieses Schicksal haben vor mir Generationen erlitten und gut überstanden, insofern bin ich da ganz entspannt." Und dann tritt er auf den Balkon vor seinem Amtszimmer und blickt auf die riesige U-Bahnbaustelle. Von unten erkennt ihn ein Baggerfahrer und winkt ihm zu. Wowereit lächelt und winkt zurück. Ja, er will geliebt werden. Dann geht er wieder zurück in sein Amtszimmer. "Das Leben ist eine Baustelle", sagt er leise. 60 Jahre und ein bisschen weise.