Mord an Burak Bektas in der Rudower Straße (dpa, 2012)

Zwei Jahre nach dem Mord an Burak Bektas - "Er hat direkt in die Gruppe geschossen"

Eigentlich wollten sie nur raus, ein bisschen abhängen, ein bisschen feiern: Alex, Jamal, Ömer und Seltunc waren am Abend des Mordes vor zwei Jahren gemeinsam mit Burak Bektas unterwegs. Alex und Jamal wurden bei dem Angriff angeschossen und schwer verletzt. Einige Monate nach der Tat, im August 2012, sprachen alle vier am Tatort in der Rudower Straße mit rbb-Reporter Torsten Mandalka noch einmal über die schwer fassbare Tat und ihre Folgen.

Nach dieser Tat - wie geht es Euch heute?

Ömer:
Es geht. Die ersten zwei Monate waren wir fast jeden Abend hier. Alle Freunde haben sich versammelt. Es war auch so was wie `ne Therapie. Es hat gut getan.
Alex: Mir geht es nicht so gut. Ich habe Schlafstörungen und psychische Probleme und so.
Seltunc: Meine Gefühle sind gemischt. Die Trauer ist ein bisschen zurückgegangen. Eigentlich ist es nur noch, dass ich meinen Freund vermisse.
Ömer: Wir denken jeden Tag an ihn, aber man kann nix machen. Das ist traurig.

In der Tatnacht: Wie ist der Abend vorher abgelaufen?

Alex:
Es war eigentlich alles zufällig. Ich habe mich mit meinem Freund getroffen, mit Jamal. Wir hatten Langeweile. Wir wollten ein bisschen raus gehen. Ein bisschen feiern und dann wieder nach Hause. Dann trafen wir die drei anderen zufällig, Seltunc, Ömer und Burak. So hat es angefangen, es war nix dabei. Die wollten eigentlich auch alle bald nach Hause. Es war nichts geplant, es war alles Zufall. Niemand hat was Schlechtes gedacht.
Mord an Burak Bektas in der Rudower Straße (rbb)
Alex, Jamal, Ömer und Seltunc
Und dann habt Ihr hier einfach angehalten, um noch ein bisschen zu reden?

Seltunc:
Genau. Wir waren auf dem Weg zum Bus und wollten zwei Freunde nach Hause begleiten, also auf ihren Bus warten. Und auf dem Weg haben wir hier einen Zwischenstopp gemacht, weswegen auch immer. Eine Raucherpause... und dann haben wir den Täter schon neben uns gesehen, irgendwann. Er hat seine Waffe gehoben und einfach auf uns geschossen.
Alex: Ohne Grund.

Hat er irgendwas gesagt?

Seltunc:
Nein, er hat keinen Ton von sich gegeben. Wir haben uns gerade mal zu ihm gedreht, da zog er schon die Waffe. Wir hatten noch nicht einmal die Zeit zu fragen, was er will oder sonst was.
Alex: Oder zu sehen wie er aussieht. Ich weiß nur wie er da stand - irgendwie vor mir. Ich habe immer nur dieses Bild. Wie er die Waffe hob, zielte und: bamm.
Ich weiß nur, wie ich dann auf die Knie fiel und das wars.
Ömer: Er ist auf uns zugegangen, ohne was zu sagen. Hat direkt angefangen zu schießen. Ich habe ihn erst bemerkt, als er zwei, drei Meter neben uns war. Als er auf uns zukam. Dann hat er schon direkt seine Waffe rausgezogen.
Jamal: Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich auf dem Boden lag. Dass ich irgendwie meinen Bruder erreichen konnte, dass ich ihm das erzählt habe – in einem Satz. Dann war ich auch schon im Krankenhaus. Ich habe hier die Schreie noch gehört. Das ging alles hintereinander, alles schnell.
Mord an Burak Bektas in der Rudower Straße (rbb)
Mordopfer Burak Bektas
Als der Mann geschossen hat, hattet Ihr da das Gefühl, er hat speziell auf jemanden gezielt?

Jamal:
Ich hatte nicht das Gefühl, dass er gezielt einen treffen wollte. Ich hatte eher das Gefühl, dass er blind auf die Gruppe losgeschossen hat. Das war nicht gegen eine Person gerichtet.
Ömer: Ja, er hat direkt in die Gruppe geschossen.

Und dann war der Täter wieder weg?

Seltunc:
Nein, der stand noch da und hat mich und Ömer beobachtet. Wir standen bei Burak. Ich habe ihn nicht mehr angeguckt.
Ömer: Ich kann mich noch erinnern, dass alle auf dem Boden lagen. Seltunc wollte mich wegziehen. Ich bin noch hiergeblieben. Als Seltunc weg war, stand der Mann noch paar Sekunden hier, als ob nichts wär. Dann hat er sich umgedreht. Ist ein paar Schritte gelaufen. Dann wurde er immer schneller – und dann war er wieder weg.
Ihr habt auch nicht daran gedacht, Deckung zu suchen oder ihn anzugreifen?

Ömer:
Ich wusste nicht, was ich machen soll. Alle lagen auf dem Boden. Alex und Jamal hier, Burak da. Ich bin bei Burak geblieben. Ich kenne ihn ja schon lange. Ich wollte ihn nicht da liegenlassen. Bis zur Beerdigung habe ich gar nicht dran geglaubt, dass er jetzt tot ist.

Könnt Ihr euch vorstellen, dass der Mann Euch kannte?

Ömer:
Nein, nicht wirklich.
Jamal: Auch wenn er uns kannte: Was haben wir gemacht, dass er uns töten will? Ich glaube eher nicht, dass er uns kannte.

Was ist danach passiert?

Seltunc:
Ich bin ins Krankenhaus gerannt. Ich wollte Hilfe holen. Auf dem Weg, als ich gerannt bin, habe ich sogar noch die Feuerwehr angerufen. Ich dachte, entweder bin ich vorher schon im Krankenhaus oder vorher schon mit der Feuerwehr verbunden. Im Krankenhaus habe ich dann rumgeschrien. Da war aber keine Menschenseele, und dann ging auch schon der Notruf an mein Telefon und dann habe ich ihnen gesagt, dass die rauskommen sollen. Ich warte vor dem Eingang. Und dann habe ich die halt zum Ort hergelotst.
Mord an Burak Bektas in der Rudower Straße (dpa, 2012)
Gedenken für Bektas in der Sehitlik-Moschee
Frage: Alex, Du bist auch schwer verletzt gewesen. Kannst Du Dich noch erinnern an diese Situation?

Alex:
Was ich noch weiß: Irgendwie wurde alles schwarz. Ich hielt mir den Bauch, fiel hier auf die Knie und zur Seite. Und hörte nur Schreie – ich denke die Stimme von Ömer, oder irgendeinem von denen. Dann sah ich nur noch, wie ein Arzt mich kontrollierte, mit einem Kollegen redete, und dann bin ich irgendwie im Krankenhaus aufgewacht. Da hat mein Vater mir dann erzählt, was passiert ist. Ich wusste erst mal gar nicht, was passiert ist.

Was war das dann für ein Gefühl, im Krankenhaus aufzuwachen und zu realisieren: Man ist Betroffener eines solchen Verbrechens?

Alex:
Erst realisiert man das gar nicht. Also bei mir war das so. Ich lag da erst mal und habe nur daran gedacht, wie ich gesund werde und habe gefragt, wie es den anderen geht – die ganze Zeit. Und wer getroffen wurde. Ich kannte die anderen ja kaum. Ich kannte nur Jamal. Die drei anderen trafen wir zufällig. Und danach: Meine Mutter hat mir alles erzählt - die war auch auf der Beerdigung - hat mir erzählt, jemand ist da umgekommen, hat mir auch den Namen gesagt. Da dachte ich: Man sieht es immer im Fernsehen. Man denkt, es trifft einen nie – nur fremde Leute. Und dann wird man selbst so getroffen. Danach konnte ich erst mal lange nicht laufen.

Seltunc, Du bist ja in der Nacht zum Glück nicht verletzt worden, hast dich um Hilfe gekümmert. Wie ist denn die Nacht für dich weiter abgelaufen?

Seltunc:
Die Nacht war extrem schlimm. Ich hatte noch nie so einen schlimmen Tag. Ich war völlig müde und musste dann noch zur Polizei gehen, meine Aussage machen. Ich war schon ziemlich erschöpft und habe den ganzen Tag nur geweint, die ganze Nacht. Mir sind tausend Gedanken durch den Kopf geschossen.
Mutter von Burak Bektas (rbb)
Buraks Mutter Melek Bektas
Wie waren Eure Erfahrungen mit den Ermittlungen, mit der Polizei?

Ömer:
Es war anstrengend. Bis morgens war ich da. Ich wusste nicht, wie es den Jungs geht. Das war schrecklich.

Was denkt Ihr heute? Wahrscheinlich geht Euch das doch jeden Tag durch den Kopf?

Alex:
Ja. Jeden Tag denke ich darüber nach. Ich habe zwar Burak nicht gekannt, aber jeden Tag denke ich trotzdem über ihn, über jeden einzelnen von uns nach. Ich stelle mir immer nur die Frage: "Warum"? Und was war das Motiv? Wenn er mal gefasst wird, will ich einfach nur wissen, warum er so was gemacht hat. Was war der Grund?

Gehst Du trotzdem noch abends raus? Wie verhältst Du dich jetzt?

Alex:
Ja. Abends rausgehen geht so langsam wieder. Aber jetzt, wenn ich mit anderen Freunden draußen bin, schießt mir immer so ein Bild durch den Kopf: Was, wenn es auch uns erwischt hätte? Oder wenn es jetzt wieder passiert oder andere erwischt. Aber Angst habe ich meistens nur vorm Schlafengehen, eigentlich.
Jamal: Mein Alltag hat sich sehr verändert. Ich passe auf, wo ich hingehe. Ich drehe mich um. Zum Beispiel wenn jemand in seinen Sachen kramt, oder wenn es Abend ist und jemand hinter mir läuft … dass ich mich immer umdrehe und gucke mir die Person genauer an, wegen der Angst, noch mal erwischt zu werden durch diesen Täter.
Ihr habt nun alle, wie man so sagt, einen Migrationshintergrund. Ist das für Euch klar, dass diese Tat rassistisch motiviert war?

Seltunc:
Nein, das sind alles Spekulationen. Man will immer wissen, warum das passiert ist, weil man es sich nicht erklären kann. Ich sage nicht, dass es unbedingt einen rassistischen Hintergrund haben muss. Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erklärung dafür. Mich frisst nur auf, dass mein bester Freund tot ist. Ich denke nicht jeden Tag an diese Tat, ich versuche das zu verdrängen, zu vergessen.
Jamal: Ich denke öfter darüber nach, dass es einen rassistischen Hintergrund hat. Aber sicher kann ich nicht sein. Es könnte jeder Mensch gewesen sein, der zu viel getrunken hat, der Probleme hat oder der gezielt Hass hat.
Ömer: Vielleicht ein Drogenabhängiger oder so. Keine Ahnung. Er kam ohne was zu sagen, hat geschossen und ist wieder gegangen.

Eine Theorie ist auch, dass sich irgendein Durchgeknallter durch Euch belästigt gefühlt haben könnte, durch Lärm oder so?

Seltunc:
Nein, nein. Das ist auch aus der Luft gegriffen. Wir waren überhaupt nicht lautstark, ganz normal leise. Wir haben uns unterhalten – ganz normal.
Alex: Also laut waren wir überhaupt nicht. Wir machen so was nicht, also laut pöbeln ist nicht unser Ding.

Die Vorstellung: irgendwann ist er gefasst, steht vor Gericht. Was löst diese Vorstellung bei Euch aus?

Seltunc:
So ein mulmiges Gefühl. Weil ich irgendwie nicht vor Gericht sitzen und noch mal alles aussagen möchte. Ich will einfach mit diesem Thema abschließen. Natürlich möchte ich auch, dass der Täter gefasst wird.
Mord an Burak Bektas in der Rudower Straße (rbb)
Burak Bektas wurde 22 Jahre alt

Aber trotzdem bist Du heute hier...

Seltunc:
Ja, ich möchte auch, dass diese ganzen Gerüchte weggehen, von wegen, dass wir irgendwie kriminell wären oder irgendwelche anderen Sachen, die aus der Luft gegriffen wurden. Wir wären zu laut, hätten rumgepöbelt, wir hätten so einen schlechten Ruf. All diese Thesen möchte ich widerlegen. Weil es nicht so ist. Die Leute suchen Gründe dafür, und dann hört man was von irgend jemandem und dann kommen diese Gerüchte in Umlauf.
Alex: Die sagen, wir hätten was gemacht, oder so. Das regt mich übertrieben auf. Zum Beispiel jemand fragt mich, von den Lehrern, Fremde oder Klassenkameraden: Ihr habt doch bestimmt was gemacht. Das macht dann drinnen so eine richtige Wut. Von wegen - man hat es verdient oder so. Das macht einen sauer.
Seltunc: Außerdem möchten wir noch an die Öffentlichkeit appellieren, vielleicht gibt es ja Leute, die was gesehen haben oder jemanden in Verdacht haben, dass sie sich zur Polizei begeben sollen. Es kann immer noch sein, dass manche sich nicht trauen, zur Polizei zu gehen.

Was denkt Ihr heute über die Tat?

Jamal:
Für mich ist es, als ob ich ein zweites Leben geschenkt bekommen habe. Es sind sehr viele Fragen bei mir offen, die nicht beantwortet sind.
Alex: Niemand glaubt, dass in so einem Land, in Deutschland, in Berlin, das angeblich sicher ist, einfach so jemand kommt und einfach so auf Jugendliche schießt. Ich würde es mir vielleicht auch nicht vorstellen können, wenn ich nicht betroffen gewesen wäre.
Jamal: Wir wollen eigentlich alle wissen, warum er das gemacht hat. Wieso gerade wir? Hat er das geplant? War es sein Ziel, Leute umzubringen, Jugendliche umzubringen oder gezielt eine jugendliche Gruppe umzubringen? Das ist die Frage. Das wollen wir alle wissen.

Mit den Betroffenen sprach Torsten Mandalka, rbb   

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