Paul Robinson auf dem War Cemetery - Foto: rbb Inforadio/Sylvia Tiegs

Reportage | Briten in der Hauptstadt - "Ich bin the British Berliner!"

Rund 10.000 Briten leben dauerhaft in Berlin und sind doch wenig präsent. Was treibt Engländer oder Schotten an die Spree? Drei Briten haben Sylvia Tiegs erzählt, wie sie hierher kamen - und warum sie geblieben sind.

Das Wetter ist wie in England: Es regnet. Den englischen Regen selbst aber kennt Paul Robinson eigentlich gar nicht mehr, er lebt seit 40 Jahren in Berlin. Ein deutsches Auto fährt er dennoch bis heute nicht, sondern einen Rover: "Ich habe das Auto damals gekauft, weil ich für die Britische Botschaft gearbeitet habe. Und die waren natürlich ganz scharf drauf, dass man ein britisches Auto fährt." Darf er das Auto hier fahren? "Ja - ich muss es noch fahren, es ist 14 Jahre alt!", sagt Mister Robinson.

"Wir haben fest daran geglaubt, dass die Mauer bleibt" - Paul Robinson

Mitte der Siebzigerjahre kam Paul Robinson als Geschäftsmann ins damalige West-Berlin. Später wurde er britischer Handelsbeauftragter für die ganze Stadt und die frühere DDR - nachdem die Mauer gefallen war. "Wir haben fest daran geglaubt, dass die Mauer bleibt. Wie der 'Rock of Gibraltar'. Ich dachte, die kommt nicht runter. Und ein paar Wochen später war es soweit!", erinnert sich Robinson Er lacht - aber dass an der innerdeutschen Grenze Deutsche mal auf Deutsche geschossen haben, könne er bis heute nicht begreifen, sagt er.

Der britische Soldatenfriedhof an der Heerstraße in Charlottenburg ist einer seiner Lieblingsorte in der Hauptstadt. Seine anderen 'favourite spots' liegen ebenfalls im ehemaligen West-Berlin: "Ja, Breitscheidplatz, Ku’damm, Lietzensee, Schloss Charlottenburg und der Garten da." Er sei eben ein richtiger West-Berliner, erklärt er, hier sei sein Zuhause. Und fasst dann sein langes Berliner Leben in einem knappen Satz zusammen: "Sehr interessant, never a dull moment - einfach schön!"

Britische Fähnchen (Bild: Arne Dedert/dpa)

"Ein bisschen schmutzig, ein bisschen laut" - Victoria Ade-Genschow

Victoria Ade-Genschow aus Manchester lebt seit 15 Jahren in Berlin - und findet es herrlich: "Berlin ist nicht fertig. Für mich ist Berlin nicht am Ende. Es ist ein bisschen schmutzig, das kann sein; ein bisschen laut, das kann sein. Aber das ist für mich das, was Berlin ausmacht."

Andauernd ist hier etwas los, freut sie sich. Von Kunstfestivals bis hin zur Fußball-WM ist alles dabei. Auch beruflich hat es für sie geklappt: Victoria ist Lehrerin und Coach für Business-Englisch. Davon kann sie hier gut leben - im Gegensatz zu London, wo sie auch ein paar Jahre gearbeitet hat. Berlin sei billiger, sie habe eine gute Lebensqualität, sagt Ade-Genschow: "Ich mache alles, was ich vorher gemacht habe, mit weniger Geld und weniger Stress. Ich arbeite 30 Stunden pro Woche, und das ist in meiner Firma Vollzeit. Das heißt: sechs Stunden pro Tag. Als ich in London war, habe ich zwölf Stunden gearbeitet."

Nun bleibt Victoria genug Zeit für ihren deutschen Mann und den gemeinsamen 13-jährigen Sohn. Und für ihr jüngstes "Baby", ihren eigenen, sehr erfolgreichen Blog im Internet: The British Berliner. Er heißt so, wie sie sich empfindet: "Ich bin Engländerin, und ich wohne in Berlin. Das heißt: Ich bin The British Berliner!"

Ihr Blog dreht sich um das Leben in Berlin, ums Reisen und ums Essen. Denn Victoria greift gern selbst zum Kochlöffel - und dann wird's meist deftig: "Für das deutsche Essen mache ich Eisbein - mit Knödeln und Sauerkraut, mit Senf!"

Aber ihren geliebten englischen Sonntagsbraten vermisst sie manchmal schon, genauso wie englische Schokolade oder Käse. Gottlob, sagt sie, gibt's in Berlin ja dafür Läden wie Broken English oder das Restaurant East London in Kreuzberg.

Paul Gurner in seinem Buchladen - Foto: rbb Inforadio/Sylvia Tiegs
Paul Garner

"Ich habe mich schnell entschlossen hier zu bleiben" - Paul Gurner

Englisches Essen ist auch für Paul Gurner ein großes Thema - denn 'british food' ist so ziemlich das einzige, was Paul Gurner aus Camebridge in Berlin wirklich vermisst. Vor allem seine geliebten 'crumpets', eine Art Hefebrötchen. Die braucht er - "morgens, getoastet, mit viel Butter. Gesalzener Butter!" - und importiert sie deswegen aus Cambridge und hortet sie in der Tiefkühltruhe.

Die 'crumpet'-Vorräte bringt Paul von seinen regelmäßigen Wareneinkäufen in England mit - dabei ist der 38-Jährige kein Lebensmittelimporteur, sondern Buchhändler. In Prenzlauer Berg betreibt er den Saint George's Bookshop. Für den kauft er mehrmals im Jahr die Bestände englischer Buchläden auf, die dicht gemacht haben. Im Lkw zurück nach Berlin ist dann - neben Bücherkisten und 'crumpet'-Packungen - auch immer noch Platz für Relish, Pickles und Chutneys. Denn auch das sauer eingelegte Zeugs muss mit in die deutsche Hauptstadt.

Gegründet hat Paul seinen Bookshop 2003. Nach Berlin gezogen war er schon vorher - der Liebe wegen: "Im Jahr 2000 bin ich hierhergekommen, meine Freundin zu besuchen, aber dann bin ich umgezogen." In Berlin zu bleiben sei eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt er. Er habe sein Haus in England aufgegeben und seinen Job gekündigt. "Vielleicht war das erst wie eine lange Pause. Aber ich hab mich schnell entschlossen, hier zu bleiben."

Mit dem Buchladen hat sich Paul hier eine Existenz aufgebaut, die außer ihn selbst auch noch mehrere festangestellte Mitarbeiter ernährt. Ein gutes Leben, findet er. Und ein ziemlich englisches: englische Bücher im Laden, viel englischsprachige Kundschaft, und auch seine Frau ist halbe Engländerin. Obwohl er ausdrücklich betont, er sei kein Freund der Monarchie, will er Tochter und Sohn dann doch die Queen bei ihrem Berlin-Besuch zeigen: "Ich bin tatsächlich kein großer Fan, aber wenn sie kommt, dann geh ich auch hin und winke – sofern es leicht genug ist, hinzukommen. Und eine Flagge kriegen wir vielleicht auch hin!"

"Wir sollten die Royals privatisieren"

Beitrag von Sylvia Tiegs

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