Entwurf der Autobahnen (blau) und Fernstraßen in und um Berlin aus dem Jahr 1968 (Quelle: rbb/Senator für Bau- und Wohnungswesen)

Von AVUS, Tangenten und der A100 - Hundert Jahre Autobahn in Berlin

Vor fast hundert Jahren eröffnete in Berlin die erste Straße nur für Autos - die AVUS. Seitdem fesselt das Modell Autobahn die Stadtplaner. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten viele neue Routen quer durch Berlin gekippt wurden - bei der A100, dem Ring um die Stadt, juckt es sie weiter in den Fingern. Von Friederike Steinberg

Verstopfte Straßen, rote Ampeln, Geruckel über Kopfsteinpflaster: Was Autofahrern in der Hauptstadt heute auf den Geist geht, nervt schon die ersten Automobilisten vor hundert Jahren. Die Vision, auf dem Weg von Zehlendorf nach Pankow mal so richtig Gas geben zu können, kommt früh auf - und hält sich seitdem.

In keiner Metropole der Welt ist man schneller dabei, diese Idee auch umzusetzen: 1921 bekommt Berlin mit der AVUS zwischen Halensee und Nikolassee als erste Stadt weltweit eine Straße nur für Autos.

Blick vom Funkturm auf die sogenannte Großbaustelle "Avus-Verteiler" am 24.05.1963 (Quelle: dpa/Zettler)

Vor allem Wirtschaftswunder und erschwingliche Autos für jedermann lassen in den 1960er und 70er Jahren die Zahl der Pkw nach oben schnellen. 4,5 Millionen sind es laut Kraftfahrtbundesamt 1960 bundesweit. Mit fast 14 Millionen hat sich die Zahl zehn Jahre später schon mehr als verdreifacht. Autos gelten zu dieser Zeit als das Verkehrsmittel der Zukunft - auch in Berlin.

Pläne für ganz Berlin - trotz Mauer

Die Vision von der freien Fahrt für freie Bürger will man sich hier durch die Mauer nicht verderben lassen. 1968 verkündet der damalige Senator für Bau- und Wohnungswesen, Rolf Schwedler (SPD), in einer Hochglanzbroschüre, die gesamte Stadt solle mit einem Netz von Autobahntrassen durchzogen werden - Teilung hin oder her. "Die widersinnige Spaltung kann nicht Grundlage einer Planungsvorstellung sein", schreibt Schwedler. "Unabhängig davon, ob Berlin in naher oder erst in ferner Zukunft seine politische Einheit zurückgewinnt, hat die Planung die gesamte Stadt und die Beziehungen zum Umland im Blick zu behalten."

Entwurf der Autobahnen durch Berlin aus dem Jahr 1968 (Quelle: rbb/Senator für Bau- und Wohnungswesen)
Entwurf des Autobahnnetzes 1968

Engmaschiges Netz von Autobahnen sollte Berlin durchziehen

Das Autobahnkonzept, das der Senat Anfang der 60er Jahren entwirft, sieht vor, die Stadt gitterartig mit Autobahnen zu durchziehen, mit vier so genannten Tangenten. Die Innenstadt soll mit einem Ring umschlossen werden. Dazu gehören mehrere, auch längere Zubringer. Der Stadtring bekommt die Nummer A100; die fortlaufenden Nummern sind für die neuen Berliner Autobahnen und Anschlüsse reserviert.

Über die A105, A106 oder A107 rollt niemals ein Auto: Diese Autobahnen - West-, Süd- und Mitteltangente - werden nie verwirklicht. Von anderen, wie der A103 oder A104, existiert bis heute nur ein kleiner Schnipsel. Ölkrise, neue Umweltbewegungen, mehr Verkehrstote, dazu keine Aussicht auf eine deutsche Wiedervereinigung - ab Mitte der 70er kühlt auch bei den Berlinern die Begeisterung für die Betonschneisen durch die Stadt ab.

Entenküken watscheln 1964 über die Fahrbahn am Anfang einer Autobahn in Berlin (Quelle: imago/Kai Bienert)

Initiative Westtangente in den 90ern erfolgreich

1976 verabschiedet sich die Senatsbauverwaltung endgültig von den Plänen der Autobahn-Raute. Gestrichen werden zunächst die beiden Querstreben - Süd- und Mitteltangente. Insgesamt geplant sind danach statt 100 Kilometer Autobahn durch Berlin nur noch 70 Kilometer, weniger breite Trassen und auch weniger Anschlussstellen.

Bis in die 90er Jahre aber hält sich der Plan für die so genannte Westtangente von Steglitz über Tiergarten nach Wedding, denn das erste Stück - der Abzweig Steglitz bis zum Sachsendamm in Schöneberg - ist ja bereits seit 1968 fertig. Meist entlang der Bahntrasse und durch einen Tunnel unter dem Tiergarten durch soll die Autobahn im Norden wieder auf den Ring stoßen. Erst in den 90er Jahren zieht der Berliner Senat einen Schlusstrich - auch nachdem sich über Jahre die Bürgerinitiative Westtangente dagegen stark gemacht hat.

Geplante Autobahnen in Berlin in einer Broschüre der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 1999 (Screenshot: rbb/Senatsverwaltung/MediaCompany)
Die Reste vom Schützenfeste: Autobahnen in Berlin 2016

Rot-Schwarz will A100 bis Lichtenberg verlängern

Der Ruf nach einem neuen, klimafreundlichen Verkehrskonzept in Berlin wird immer lauter - Stichwort Fahrradstadt. Aber auch fast hundert Jahre nach der AVUS-Eröffnung lässt das Modell Autobahn die Stadtplaner nicht los: Der Plan, den Stadtring im Nordosten zu schließen, hält sich hartnäckig. Gegen Proteste und Klagen hat der rot-schwarze Senat bereits durchgesetzt, dass die A100 seit 2013 von Neukölln bis Treptow verlängert wird. Wenn dieses Stück 2022 fertig ist, soll die nächste Bauetappe in Angriff genommen werden: Bis zur Storkower Straße reicht dann die A100 nach derzeitigen Plänen.

Bund und Land haben dafür bereits Weichen gestellt: Nachdem Berlin unter rot-schwarzer Regierung einen Antrag gestellt hat, listet der Bund im Frühjahr 2016 den sogenannten 17. Bauabschnitt als "fest disponiertes Projekt" im Entwurf des Bundesverkehrswegeplans auf. Für einen Tunnelabschnitt am Ostkreuz sind die ersten Betonwände bereits gegossen.

Beitrag von Friederike Steinberg

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2 Kommentare

  1. 2.

    Das klingt, als wäre der Senat dafür und alle Bürger dagegen - was natürlich Blödsinn ist. Unter den Befürwortern sind nicht nur Autofahrer, sondern immer auch Anwohner entlasteter Innenstadt-Straßen gewesen.

  2. 1.

    Also über die A105 bin ich schon mehrmals gefahren.

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