Spitzenkandidaten debattieren beim rbb Wahl-Spezial - Die kleine Elefantenrunde
Zu hohe Mieten, zu geringe Mindestlöhne, zu teurer Strom: Wenige Tage vor der Bundestagswahl gibt es viele Probleme, die den Bürgern in Berlin und Brandenburg unter den Nägeln brennen. Beim rbb Wahl-Spezial mussten sich fünf Spitzenkandidaten der Region den Fragen der Wähler stellen.
Wenn erfahrene Wahlkämpfer zusammenkommen, dann ist das so eine Sache: Die Kommunikationsprofis unterbrechen viel, ermahnen oft und bitten regelmäßig energisch ums Zuhören oder Ausredendürfen.
So auch am Dienstagabend beim rbb Wahl-Spezial. 90 Minuten, fünf Bundestagsabgeordnete, vier Themen: Gregor Gysi, Renate Künast, Monika Grütters, Dagmar Ziegler und Martin Neumann kennen sich sich und ihre Sätze gut. Kontrovers geht es zuweilen zu, aber auch nicht allzu ruppig.
Am Anfang gleich das Thema steigende Mieten, vor allem ein Problem in Berlin. Da muss man was tun, darin sind sich alle einig. Und der Linkenpolitiker Gysi geht gleich mal aufs Ganze. "Wenn Frau A auszieht und Frau B einzieht, und es gibt keine Qualitätssteigerung, wieso darf es dann eine Preiserhöhung geben? Da gibt es doch gar keinen Grund für."
In Brandenburg sind zu hohe Mieten dagegen weniger ein Problem. Dort beschäftigt die Leute schon eher die Energiewende - und zwar ganz konkret, wie eine Live-Schaltung in die Tagebauregion während der Sendung zeigt. Wie lange Braunkohle nach der Energiewende noch eine Rolle spielen wird, lautet dort die Frage.
Die Antworten sind weniger konkret. "Noch sehr lange, wir brauchen auch Planungssicherheit", sagt FDP-Politiker Martin Neumann. "Das kann ich schlecht auf Jahreszahlen sagen", meint CDU-Frau Monika Grütters. Und SPD-Kandidatin Dagmar Ziegler gibt sich ebenfalls eher vage. "Die Glaskugel ist auch nicht mein Ding."
Am konkretesten rechnet da noch die Grüne Renate Künast vor. "Wir wollen 100 Prozent erneuerbaren Strom 2030, 100 Prozent erneuerbare Wärme 2040, und davor ist logischerweise der Braunkohletagebau zu Ende."
Ein weiteres Thema interessierte die vielen Zuschauer zwischen Atterwasch am Tagebaurand, Wassersuppe im Havelland und in Zäckericker Loose an der Oder: die Rente, die für viele inzwischen nicht mehr reicht und auch in zehn Jahren für viele ein Problem wird.
Gysi und Grütters machten sogleich klar, wie weit das rote und das schwarze Lager diesbezüglich auseinander liegen.
"Wir haben über 15 Millionen Menschen mit Niedriglöhnen und Mini-Jobber, wovon sollen die denn zusätzlich irgednwas machen?", fragte Gysi. "Und deshalb sage ich: Die Mindestrente von 850 Euro reicht nicht, wir wollen steuerfinanziert 1050 Euro."
Grütters konterte umgehend. "Es gibt ja wirklich so eine linke Lust, das Land schlechtzureden." Über den Applaus von Teilen des Publikums rechnet sie vor. "76 Prozent der Menschen haben in der Umfrage auf die Frage, wie es ihnen geht, gesagt 'gut' oder sogar 'sehr gut'. Und auch Ihnen dürfte nicht entgangen sein, dass wir so viele Menschen in Arbeit haben wie noch nie zuvor."
So läuft das eben vor Wahlen. Die Regierenden sind zufrieden. Die, die Regieren wollen, legen Finger in Wunden.
Die Sozialdemokratin Ziegler zeigt sich beim Thema Mindestlohn leidenschaftlich. Flächendeckend 8,50 Euro müssten her. Sie kritisiert, dass die Tarifparteien häufig geringere Löhne aushandeln, "und dann noch oftmals in einer Ost-West-Splittung, wo man gar nicht mehr erklären kann warum eine Altenpflgerin im Osten einen Euro pro Stunde weniger als eine Altenpflegerin im Westen, ist eine Unverschämtheit."
"Nein, das funktioniert nicht", folgt sofort der Widerspruch vom FDP-Kandidaten Neumann. "Wenn der Mindestlohn zu gering ist, hat er keine Wirkung. Wenn er zu hoch ist, vernichtet er Arbeitsplätze."
Die vielleicht überraschendste Antwort des Abends lieferte Monika Grütters - auf eine allerdings nahezu unpolitische Frage.
"Was ist anstrenegender, mit dem Fahrrad durch Berlin oder Horst Seehofer", möchte Moderator Sascha Hingst wissen.
"Mit dem Fahrrad durch Berlin macht Spaß", kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. "Horst Seehofer... na ja."
Was folgt ist die einzige parteiübergreifende Geste des Abends: gemeinsames Gelächter. Der haushohe Sieger der Bayernwahl dürfte es wohl mit Fassung tragen.
Mit Material von Thorsten Gabriel und Torsten Sydow




