Die Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen, Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt, jubeln in Berlin ihren Anhängern zu. (Bild dpa)

Aktion "48 Stunden wach" bis zum Wahltag - Grüne feiern "Wahlkampfhöhepunkt" in Kreuzberg

In den Wahlkampf gestartet waren die Grünen als Hoffnungsschimmer für Rot-Grün. Doch dann bekam die Öko-Partei Probleme, vor allem mit sich selbst. Mit einer letzten Hauruck-Aktion wollen sie bis zur Wahl ihre Umfragewerte wieder verbessern.

Kurz vor der Bundestagswahl haben die Spitzenkandidaten der Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin, zum entschlossenen Schlussspurt aufgerufen. "Nein, es ist noch überhaupt nichts entschieden", sagte Göring-Eckardt beim offiziellen Wahlkampfhöhepunkt am Freitagabend in Berlin. "Wir werden die nächsten 48 Stunden darauf verwenden, Menschen zu überzeugen", sagte Trittin. Göring-Eckardt meinte, es gehe bei der Bundestagswahl am Sonntag um die Richtungsentscheidung, ob die Energiewende unter grüner Verantwortung gelinge oder ob das Jahrhundertprojekt unter Schwarz-Gelb scheitere.

Einbruch in den Umfragen

"Wer, wenn nicht wir, ist es gewohnt mit Gegenwind umzugehen", eröffnete Grünen-Fraktionschefin Renate Künast die Veranstaltung. In der Tat sind es widrige Bedingungen, zu denen sich die Grünen-Anhänger am Freitag im zum Biergarten umgestalteten früheren Reichsbahn-Ausbesserungswerk (RAW) im Berliner Szene-Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg versammelt hatten. Und das gilt nicht nur für Regen und Kälte, mit denen die Menschen an diesem Abend kämpfen mussten.

Auch politisch ist das Klima für die Grünen zuletzt recht rau geworden. Erst der
Einbruch in den Umfragen von mehr als 15 Prozent auf nur noch neun oder zehn Prozent nach schwierigen Diskussionen über Steuererhöhungen und Veggie-Day; dann auch noch die Vorwürfe wegen Pädophilen-freundlicher Formulierungen in Grünen-Programmen der
frühen 80er Jahre, von denen eins auch die Unterschrift des heutigen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin trug.

"Für Merkel ist Mövenpick wichtiger als Mütter"

Gegen die Vorwürfe in der Pädophilie-Debatte wehrte sich Trittin: "Das ist fast 25 Jahre her, das sollte man zur Kenntnis nehmen." Seit 1989 stünden die Grünen für den umfassenden Schutz von Kindern ein.

Eingerahmt von eher alternativem Backsteinambiente und Graffiti, durchnässt von strömendem Regen, versuchten sich die Spitzengrünen auch eher darin, die Regierungskoaliution anzugreifen. Schwarz-Gelb warf Trittin Folgsamkeit gegenüber Banken-, Versicherungs- und Hotellerie-Lobbys vor. Für Familien tue die Union dagegen wenig. "Für Frau Merkel, da ist Mövenpick wichtiger als Mütter."

Trittin ging auch auf die Kritik ein, die Grünen würden sich mit ihrer Steuer- und Sozialpolitik von ihrem Markenkern Ökologie entfernen. "Es gibt keine Ökologie ohne Gerechtigkeit, und es gibt keine Gerechtigkeit ohne Ökologie", hielt er dem entgegen. Die Grünen wollten, dass starke Schultern mehr tragen, 90 Prozent der Bevölkerung entlastet werden und die Infrastruktur etwa in der Bildung ausgebaut wird.

Gegen "gedopte Schnitzel"

Göring-Eckardt ging auf die Forderung der Grünen ein, mit übermäßigem Medikamenteneinsatz in der Fleischindustrie Schluss zu machen. "Ich will kein Schnitzel mehr von 'nem Schwein essen, das so gedopt ist, dass es auch bei der Tour de France mitfahren könnte."

Und dann ging es natürlich noch um Umwelt und Klimaschutz. "Es geht nicht mehr darum, wie wir die Energiewende machen, sondern ob wir die Energiewende machen», warf Göring-Eckardt Union und FDP "eine Konterrevolution in der Energiepolitik" vor. Bis 2020 sollten 50 Prozent des Stroms erneuerbar erzeugt werden, bekräftigt Trittin das Ziel der Grünen.

In "Zeit Online" nannte Trittin ein besseres Ergebnis als bei der Bundestagswahl 2009 als Wahlziel. "Im Vergleich zu 2009 wollen wir zulegen", sagte er. Damals holten die Grünen 10,7 Prozent. In Umfragen lagen die Grünen bis vor rund einem Monat über Jahre bei mindestens 13 Prozent. In jüngsten Umfragen kommen sie dagegen nur auf 8 bis 10 Prozent.

Aktion "48 Stunden wach" soll bis Sonntag die Wende bringen

Der "Wahlkampfhöhepunkt" in Berlin war zugleich Auftakt für die Aktion "48 Stunden wach", mit der die Grünen bis zuletzt noch möglichst viele Menschen von ihrer Politik überzeugen wollen.

"Wir machen Wahlkampf bis morgen Abend, weil wir Erfolg haben wollen", riefLokalmatador Hans-Christian Ströbele, der in Berlin das einzige grüne Direktmandat verteidigen will, in den Nieselregen. "Allem schlechten Wetter zum Trotz", fügt er noch hinzu und meinte damit wohl nicht nur den Regen.

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