
So leise, dass man das Gras wachsen hört - Viel geredet, wenig passiert – ein verlorenes Jahr für den BER
20 Jahre Planung, fünf Eröffnungstermine – allesamt geplatzt. 2013 sieht es beim BER nicht viel anders aus als ein Jahr zuvor. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ist nach ein paar Monaten Schamfrist wieder zum Chef des BER-Aufsichtsrates geworden. Die Bauarbeiten auf Ostdeutschlands größtem Infrastrukturprojekt stagnieren, weil die notwendigen Baupläne fehlen. Von Thomas Rautenberg
Anstatt dröhnender Flugzeugmotoren herrscht auch Ende 2013 am neuen Flughafen BER Friedhofsstille. Airport "Willy Brandt", der leiseste Flughafen der Welt, spotten die Satiriker. Und selbst für Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit gibt es nichts zu beschönigen: "Es war natürlich für den Flughafen und die Region kein gutes Jahr, weil es in der Tat mit vielen Hoffnungen verbunden war, auch der wirtschaftlichen Entwicklung und Prosperität. Das ist bitter."
Pläne, Termine, Hoffnungen
Dabei hatte im Januar 2013 doch alles so gut angefangen. Der neue BER-Technik-Geschäftsführer Horst Amann hatte sich einen Überblick über fehlende Pläne und notwendige Umbaumaßnahmen verschafft und war überzeugt, den Flughafen noch im laufenden Jahr an den Start zu bringen. Sogar ein Datum konnte er nennen: "Und dieser Termin ist der 27. Oktober 2013".
Doch diese Hoffnung zerschlug sich schnell. 2013 bleibt ein Jahr des Stillstands in Schönefeld. Gestört wird die Ruhe auf dem Bau lediglich durch zwei Dinge: das politische Posten-Geschacher im Aufsichtsrat und das Stühle-Rücken in der BER-Geschäftsführung.
Ein Rücktritt und die Flucht nach vorn
Man erinnert sich: Gleich zu Beginn des Jahres trat Klaus Wowereit wegen des geplatzten Flughafenstarts als Aufsichtsratschef zurück. Den Posten übergab er an seinen bisherigen Vize, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Und der handelte so, wie er auch früher schon in Zeiten größter politischer Not gehandelt hatte. Er setzte im Brandenburger Landtag alles auf eine Karte – frei nach dem Motto: Entweder der Flughafen oder er selbst wird fliegen. "Ich verbinde mein politisches Schicksal mit dem Gelingen dieser Aufgabe. Das ist der Weg, den ich jetzt eingeschlagen habe. Und dafür bitte ich als Ministerpräsident des Landes Brandenburg um ihr Vertrauen."
Atemberaubendes Wechselspiel
Der politischen Opposition in Berlin und Brandenburg verschlug das Wechsel-Spiel an der BER-Aufsichtsratsspitze den Atem. Sieht so die Übernahme einer politischen Verantwortung für das Flughafendesaster aus, ätzte Mitte Januar beispielsweise der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Potsdamer Landtag, Axel Vogel: "Wowereit und Platzeck agieren wie zwei Schelme, die in der Straßenbahn nach der Kontrolle des ersten vor den Augen des Kontrolleurs die Jacke tauschen und denken, dieser merkte es nicht, dass zweimal das gleiche Ticket aus der Tasche gezogen wird."
Um im Bild zu bleiben: Matthias Platzeck entschied sich dann doch, vor der Kontrolle lieber wieder auszusteigen und warf Ende Juli wegen gesundheitlicher Probleme seine Posten als Ministerpräsident und BER-Aufsichtsratschef hin. Sein Nachfolger, Dietmar Woidke, verspürte so gar keine Lust, sich auf das politische Abenteuer BER einzulassen: "Wenn man es mal ganz ehrlich sagt: Ich habe mich mit den Flughafendingen in den letzten Wochen und Monaten relativ wenig beschäftigt. Und ich glaube nicht, dass es in der gegenwärtigen Situation geboten wäre, dass jemand reinkommt, der eine gewisse Einarbeitungszeit mit Sicherheit bräuchte."

Alles auf Anfang
Also: Ostdeutschlands größtes Infrastrukturprojekt droht im märkischen Sand zu versinken und der neue Ministerpräsident sieht keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen?
Dabei hat Brandenburg nicht nur das Vorschlagsrecht für den Aufsichtsratsvorsitz, es hat auch einen enormen Vorschlagsdruck. Was Brandenburg allerdings nicht hat, ist ein geeigneter Kandidat. Also ermöglichte Ministerpräsident Woidke dem Berliner Klaus Wowereit im Dezember 2013 den Weg zurück an die Aufsichtsratsspitze, als hätte es die Flughafenpleite von anderthalb Jahren nie gegeben: "Ich denke, dass all die, die sagen, dass der große Experte von außen kommt, dann immer ins Stottern geraten, wenn es um konkrete Namen geht. Wenn gefragt wird, wer geht hin und wer hat schon Erfahrungen mit so großen Projekten? Und wer ist in der Lage, sich schnell in dieses Projekt einzuarbeiten. Und ich denke schon, dass Klaus Wowereit ein guter Aufsichtsratsvorsitzender werden könnte."
Es läuft nicht rund
Politisch ist also wieder alles wie Ende 2012 – von Aufbruchsstimmung keine Spur. Und auch bei der BER-Geschäftsführung lief es in diesem Jahr nicht rund. Schon im Januar wurde Flughafenchef Rainer Schwarz zunächst beurlaubt. Im Juni schickte ihm der Aufsichtsrat die fristlose Kündigung hinterher. Vor allem der Bund hatte auf den Rauswurf des Pleite-Managers gedrängt.
Mittlerweile hat Schwarz übrigens vor dem Berliner Landgericht gegen seine Entlassung geklagt. Seine Chancen stehen nicht schlecht, dass der BER ihm rund 1,6 Millionen Euro an Gehaltsforderungen nachzahlen muss.
Für Rainer Schwarz sollte Wilhelm Bender, der frühere Frankfurter Flughafenchef, im Frühjahr das Ruder übernehmen. Bender saß Mitte März schon auf gepackten Koffern, als er Details aus seinem Vertrag, vor allem die Höhe seiner Gehaltsforderungen, in der Zeitung nachlesen konnte: "Ich habe mir ja die Augen gerieben die vergangenen Tage, dass es jetzt eine Diskussion gibt um das Geld. Das wurde mir so angeboten. Und ich so in den Verdacht geriet, dass ich mir in Berlin eine goldene Nase verdienen wolle und das war nun wahrlich nicht der Fall."

Das Lachen bleibt im Hals stecken
Wilhelm Bender sagte dem BER kurzerhand ab. Wenig später stand dafür Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn ante portas. Dem frisch gekürten Technik-Geschäftsführer Horst Amann, bis dahin alleiniger Regisseur auf der Pleite-Baustelle, sollte das Lachen bald im Hals stecken bleiben. Mehdorn und Amann führten den ganzen Sommer über einen erbitterten Krieg um Einfluss, Macht und den künftigen Kurs auf der Flughafenbaustelle. Dabei prallten nicht nur zwei Alpha-Männchen, sondern auch zwei Welten aufeinander.
Während Horst Amann, selbst Ingenieur, das gescheiterte Flughafenprojekt in Ruhe umplanen und an den Start bringen wollte, setzte Hartmut Mehdorn, der Manager, auf den ganz schnellen Erfolg. Amann ahnte, dass einer auf der Strecke bleiben würde: "Angst vor Botschaften habe ich keine, auch nicht vor Hiobsbotschaften." Doch die Hiobsbotschaft kam für ihn schneller als gedacht. Ende Oktober hatte Amann den Machtkampf mit Hartmut Mehdorn verloren. "Herr Amann wird zum 1. November eine andere Aufgabe übernehmen im Rahmen der Flughafengesellschaft", erklärte der amtierende Aufsichtsratschef Klaus Wowereit.

Kein Licht am Ende des Tunnels
Künftig wird der einst als Retter geholte Horst Amann für Gas, Wasser und Licht am BER zuständig sein. Eine Art Hausmeisterposten, garniert mit einem fürstlichen Geschäftsführergehalt. Hartmut Mehdorn dagegen kann an der Flughafenspitze mit seinem "Sprint-Team" von nun an alleine schalten und walten: "Das ist hier eine Teamkultur, die wir hier geschaffen haben, hier gibt es keine E-Mails, hier gibt es keine Dienstwege, hier gibt es keine Hierarchie. Hier werden die Probleme angesprochen und sofort gelöst."
Auf der Baustelle selbst ist davon nur wenig zu spüren: Ende dieses Jahres gelten ganze vier Prozent des Flughafenterminals als mängelfrei. Und die aufwendige Sanierung der maroden Brandschutzanlage hat noch gar nicht richtig begonnen.
Mitte Oktober hatte Siemens den Auftrag für den Umbau übernommen. Eineinhalb Jahre Bauzeit hatte das Unternehmen veranschlagt – vorausgesetzt die entsprechenden Pläne liegen vor. Doch die sind zum Teil noch nicht einmal ausgeschrieben worden. Jeder Monat Stillstand schlägt für den BER mit einem zweistelligen Millionenminus zu Buche. Insofern war 2013 nicht nur eine verlorenes, sondern auch ein teures Jahr für den Flughafen BER.


