Blick aus einem Kleinflugzeug auf den winterlich verschneiten Flughafen Berlin Brandenburg (Bild dpa)
Abendschau | 22.01.2014 | Jana Göbel

rbb exklusiv: Offene Forderungen in Millionenhöhe - Streit mit Baufirmen gefährdet BER-Zeitplan

Auf der BER-Baustelle bahnt sich eine neue Krise an. Nach rbb-Informationen türmen sich durch die Verzögerung inzwischen finanzielle Nachforderungen von Baufirmen in Millionenhöhe. Dadurch könnte der ohnehin problematische Zeitplan noch mehr ins Wanken geraten. Der Vorsitzende des BER-Untersuchungsausschusses, Delius, spricht von komplett verlorenem Vertrauen in die Flughafengesellschaft. Von Jana Göbel

Als kürzlich Berlins Regierender Bürgermeister und BER-Aufsichtsratschef Klaus Wowereit öffentlich bekannt gab, der Pannen-Flughafen in Schönefeld werde dieses Jahr auf keinen Fall mehr eröffnet, sorgte das kaum für Schlagzeilen. Schließlich hatte wohl niemand mehr ernsthaft damit gerechnet. Zuletzt erklärte BER-Chef Hartmut Mehdorn, er werde ein Jahr vor der Eröffnung eben diese bekanntgeben - nur wann er das tun wird, ist weiter offen. Und es könnte durchaus noch eine Weile dauern, wie Recherchen des rbb nun zeigen.

Denn dem Flughafen ist neben der komplizierten Brandschutzanlage, dem Nordpier und etlichen anderen Schwierigkeiten ein neues, wohlmöglich viel gravierenderes Problem erwachsen: Die Baufirmen.

Arbeiter verlegen am 21.11.2013 Kabel in der Gepäckabfertigung des neuen Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) (Quelle: dpa)
Im Juli soll eigentlich der Testbetrieb am BER starten

Firmen fordern 400 Millionen Euro

Laut einem Bericht über den Baufortschritt am BER, der dem rbb vorliegt, standen zum Jahresende 2013 bei zwei Projekten die Ampeln auf Rot: dem Fluggastterminal und dem Pier Nord, wo der Testbetrieb geplant ist. Rot bedeutet, dass man dort Ende 2013 mindestens 15 Prozent hinter dem Terminplan lag. Beim Modul Brandschutz stand die Ampel auf gelb, das entspricht einer zeitlichen Verzögerung von 10 bis 15 Prozent im Vergleich zum neuen Terminplan.

Ein wichtiger Grund dafür ist die schleppende Bearbeitung und Bezahlung offener Forderungen. Derzeit liegt die Flughafengesellschaft mit zahlreichen Firmen im Streit wegen knapp 2.000 nicht bezahlter Forderungen. In der Summe geht es laut den internen Unterlagen um mehr als 400 Millionen Euro für nachträglich erbrachte oder geänderte Leistungen. Da die Mehrheit der Aufträge am BER an Firmen in der Region vergeben wurden, dürfte es sich zu großen Teilen um Unternehmen aus Berlin und Brandenburg handeln. Sie beklagen eine schleppende Bearbeitung ihrer Forderungen und immer wieder wechselnde Ansprechpartner bei der Flughafengesellschaft. Viele Unternehmen warten bereits länger als ein Jahr auf Geld.

Ich kann nicht mehr von Vertrauen zu den Flughafenverantwortlichen reden. Vertrauen ist gut, Kontrolle wäre aber besser. Und diese wird uns versagt, gerade als Opposition im Abgeordnetenhaus.

Martin Delius

Nach Informationen des rbb plant die Flughafengesellschaft allerdings, nur etwa die Hälfte der geforderten Gelder auszuzahlen. Diese Berechnungen werden in dem Papier mit Erfahrungswerten und mit teilweise fehlenden Nachweisen in den Nachtragsunterlagen begründet. Ob die Flughafengesellschaft bei den offenen Nachträgen im Kostenrahmen bleibt, ist unklar. Trotz Nachfrage bei der Flughafengesellschaft erhielt der rbb dazu keine Information.

Streit mit Baufirmen wird zum "Top-Risiko"

Nach BER-internen Einschätzungen aus dem vierten Quartal 2013 wird der Punkt "Firmenmobilisierung" damit zum Top-Zeitrisiko. Er lag in der unternehmenseigenen Analyse noch vor der Entrauchung und Verkabelung des Gebäudes - lange zwei der vordringlichsten Probleme am BER.

Man befürchtet "dauerhafte Bauverzögerungen" von mehr als sechs Monaten und einen "unmittelbaren Einfluss auf den Eröffnungstermin".

Der Berliner Rechtsanwalt Ralf Leinemann, der viele BER-Baufirmen vertritt, erklärt gegenüber dem rbb, dass die Verhandlungen mit der Flughafengesellschaft sehr zäh seien und dies Auswirkungen auf die Motivation der Bauunternehmen habe.

Martin Delius, Piratenpartei [Imago]
Pirat Delius bezweifelt eine mögliche Eröffnung 2015.

Delius stellt Eröffnung 2015 in Frage

Zumal in Berlin kein Mangel an Aufträgen herrscht: Der BER ist nur eine von vielen Baustellen in der Hauptstadt, erklärt Willi Hasselmann vom Fachbereich Bauwirtschaft an der Beuth Hochschule. "Man muss auch sagen, momentan ist die Bauwirtschaft in einer guten Situation, es gibt viele Bauaufträge und wahrscheinlich ist die Auslastung der Firmen dann auch so, dass sie auf diese Aufträge nicht zwingend angewiesen sind."

Ausstehende Forderungen und Firmen, die keinen Anreiz für schnelle Arbeit am BER haben: Martin Delius von den Piraten, der den BER-Untersuchungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus leitet, hält das für eine äußerst bedenkliche Mischung. "Wir können unter den Voraussetzungen nicht davon ausgehen dass der Flughafen noch 2015 fertig wird."

  • 2014 soll der BER erstmals fliegen

  • 2013: Mehdorn soll es richten

  • 2013: Vierte Verschiebung im Januar - jetzt rollen Köpfe

  • 2012 - 2013: Dritte Verschiebung - es riecht nach Ärger

  • 2012: Anwohner erstreiten besseren Lärmschutz

  • 2009 - 2011: Erste Pannen - Proteste gegen die Flugrouten

  • 2005 - 2008: Baustart mit Hindernissen

  • 2000 - 2004: Grünes Licht für den BBI

  • 1989 - 1999: Gedankenspiele und ersten Planungen

Beitrag von Jana Göbel

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