Passagiere laufen am 22.06.2012 mit ihrem Gepäck durch den Flughafen Tegel in Berlin (Quelle: dpa)

Hochbetrieb in Tegel - "Hier ist immer Druck"

Eigentlich gibt es den Flughafen Tegel ja schon überhaupt nicht mehr. Aber ohne den neuen Flughafen BER in Schönefeld herrscht nach wie vor Hochbetrieb in TXL. Besonders wenn Ferien sind, Schnee und Eis den Betrieb erschweren und dennoch alles wie am Schnürchen laufen soll. Von Thomas Rautenberg

Seit Stunden schneit es in Tegel. Die startenden und landenden Maschinen sind im Flockenwirbel nur schemenhaft zu erkennen. Überall blinken die gelben Warnleuchten der Räumfahrzeuge, die auf dem Flugfeld unterwegs sind. Bis eben war auch Joachim Prinz mit seinem schweren LKW dabei. Jetzt rangiert er vorsichtig an die Tankstelle heran. Er muss neues Enteisungsmittel laden, mit dem der Schnee auf die Pisten aufgetaut wird: "4.000 Liter werden wir bestimmt laden. Wenn es denn geht …"

Joachim Prinz auf seinem Sprühfahrzeug auf dem Flugfeld Tegel. (Foto: rbb/Thomas Rautenberg)
Joachim Prinz bei der Arbeit.

Wenn Flugzeuge im Weg stehen

Natürlich geht es. Mit wenigen Handgriffen ist der armdicke Schlauch am Heckstutzen des LKW angeschlossen, dann laufen die Pumpen auf vollen Touren. Heute Nacht, kurz nach Eins, hat das Telefon Joachim Prinz geklingelt. Der Winterdienstchef des Flughafens Tegel wurde zum Dienst gerufen. Überrascht hat es ihn nicht, er hat die Wettervoraussagen immer im Blick. "Da geht man abends schon eine Stunde früher ins Bett".

Bis 14 Uhr muss Joachim Prinz ran, dann kommt die Ablösung. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden lang, sitzen die Männer vom Winterdienst, wenn es nötig ist, auf dem Bock. Sie müssen das Vorfeld und die Rollbahnen räumen und dabei den Flugbetrieb so wenig wie möglich stören. An diesem Punkt entwickelt der Mittfünfziger seine ganz eigene Philosophie. "Hier ist immer Druck. Und das einzige, was stört, sind die Flugzeuge. Die stehen immer im Weg!", meint er und lacht dabei.

Sieben Räumfahrzeuge gegen die Schneemassen

Eigentlich sollte Tegel ja bereits seit über einem Jahr geschlossen sein. Doch durch die zwischenzeitliche Bruchlandung des BER, müssen hier sogar noch wesentlich mehr Starts und Landungen bewältigt werden. Joachim Prinz ist seit 23 Jahren in Tegel dabei und in dieser Zeit hat sich spürbar etwas verändert: "Mehr Flieger bedeuten mehr Druck, aber bis jetzt haben wir das immer noch gemeistert." Aber bei dem Schneefall will sich Prinz nicht hundertprozentig festlegen. Die einen bibbern vor Kälte beim Schneeräumen, die anderen - die Passagiere - bibbern, ob ihr Flug einigermaßen pünktlich ausgerufen wird. Prinz weiß das. Nach einem Tankstopp geht es weiter zum nächsten Einsatz.

Auf dem Weg zurück zur Räumkolonne kommt der Funkspruch, dass die Südbahn zu glatt geworden ist. Eile ist geboten, Prinz tritt richtig aufs Gaspedal. Er hat neben der Südbahn Aufstellung genommen. Sieben gigantische Räumfahrzeuge, ausgerüstet mit einem Schiebeschild und eine Art Anhänger, unter dem eine  große Schneebürste und ein Schneegebläse montiert sind. Den Abschluss bildet vorerst ein Streuwagen, der ein chemisches Granulat verteilen kann. Vorerst, weil sich jetzt unser Sprühfahrzeug für das Enteisungsmittel am Ende der Kolonne einreiht. Der Tower gibt die Südbahn frei. Seitlich versetzt machen sich die Räumfahrzeuge in die Spur. Die Gebläse werden zugeschaltet und das ganze Geschwader verschwindet hinter einer weißen Schneewand.

Ein Schneepflug am Flughafen Tegel vor dem Einsatz - Foto: rbb Inforadio/Thomas Rautenberg
Räumfahrzeug auf dem Flughafen Tegel.

Alles noch Handarbeit

Es erscheinen die Umrisse einer Air-Berlin-Maschine, die Räumkolonne muss bremsen: Die Nordbahn hat Vorrang. Am Endpunkt der Piste angelangt wenden die Fahrzeuge und es geht nonstop zurück - die zweite Bahnhälfte wird frei geschoben.

In der Gepäckabfertigung im Flughafenterminal ist es wesentlich leiser und vor allem auch wesentlich wärmer als beim Winterdienst. Koffer für Koffer kommt über das Förderband aus dem Obergeschoss an. Sie werden durchleuchtet, also auf Sicherheit geprüft, und anschließend in bereit stehende Metallcontainer gewuchtet. Einer der Packer ist Martin Buch*, Anfang 30. Pro Koffer seien es 20 Kilo, am Tag vier, fünf Maschinen mit 200 Gepäckstücken, die er bewegt, erzählt Buch. Rund 16 Tonnen Fluggepäck können in einer Schicht schon mal zusammen kommen. Und vor allem müssen die Koffer auch noch richtig sortiert werden. Was am künftigen BER eine Sortiermaschine machen wird, geht in Tegel selbst bei Volllast nur per Hand: "An dem Label sehen Sie, das Istanbul das nächste Ziel ist. Aber das ist nicht das Endziel, Das sieht man daran, dass es noch eine zweite Zielangabe gibt", erklärt Buch. 

Der Koffer ist "Transfergepäck", das in denTransfercontainer gehöre. Koffer mit dem Endziel Istanbul kommen in den "Lokal"-Container. "Wenn ich den in den falschen Container tue, kann der in Timbuktu landen. Dann können Sie, wenn Sie Pech haben, wochenlang auf Ihren Koffer warten."

Carola Brumpreuksch in der Ladenzeile des Flughafen Tegel (Foto: rbb/Thomas Rautenberg)
Carola Brumpreuksch in der Ladenzeile des Flughafens.

"Es gibt nie Stillstand"

Im Terminal, oberhalb der Gepäckabfertigung, sind die Flure voll. Viele Passagiere haben ihre Koffer bereits aufgegeben und nutzten die Wartezeit für eine kleine Shoppingtour. Bei Carola Brumpreuksch, die in einem der 14 Geschäfte arbeitet, stehen die Leute Schlange. Sie freut sich, wenn es in Tegel richtig brummt: "Es gibt hier nie Stillstand. Für mich ist es super wichtig, diesen Kontakt zu den Kunden und den Kollegen auf der Fläche zu haben."

Mit Spaß hat der Winterdienst auf einem Flughafen weniger zu tun. Auf dem Vorfeld wartet Joachim Prinz mit seinem LKW - auf der Südbahn muss erneut Schnee geschoben werden. Derweil sollten alle Starts und Landungen auf der benachbarten Nordbahn abgewickelt werden. Wohl gemerkt sollten, denn der Tower sperrt nun auch die zweite Piste für den Flugverkehr: "Auf der Nordpiste steht ein Schwan!", sagt Prinz und lacht.

Ein paar Hundert Meter weiter scheucht ein gelb blinkendes Einsatzfahrzeug den Schwan vor sich her. Schließlich entscheidet sich der Schwan doch noch, die Piste freizugeben. Kurz darauf landet schon die nächste Maschine.

Der LKW stoppt, nur ein paar Schritte vom Terminal entfernt, wo noch im Tausende Passagiere warten. Auf den Anzeigetafeln sind inzwischen fast alle Verbindungen als "verspätet" markiert. Am Ende des Tages werden acht Flüge gestrichen sein. Nur acht von insgesamt 452 in Tegel.

Beitrag von Thomas Rautenberg, Inforadio