
Lichtenrade und die "Dresdner Bahn" - Bürger mit Tunnelblick
Die "Dresdner Bahn" durch Lichtenrade soll irgendwann einmal den Flughafen BER mit dem Hauptbahnhof verbinden. Zwei Bürgerinitiativen kämpfen dafür, dass die ICE-Trasse unter dem Ort hindurchgeführt wird - in einem Tunnel. Doch wie lang der sein soll, darüber sind sich die Initiativen alles andere als einig. Von Sebastian Schöbel-Matthey
Mit der Bahnverbindung Berlin-Dresden begann einst der Aufstieg des Dörfchens Lichtenrade. Heute droht ausgerechnet diese historische "Dresdner Bahn" den Ortsteil zu spalten. Sogar in doppelter Hinsicht. Erstens, weil die Deutsche Bahn eine ICE-Trasse zum Flughafen BER mitten durch den Ort führen will; dabei würden hohe Schallschutzmauern Lichtenrade zweiteilen. Und zweitens, weil die Bewohner zwar gemeinsam einen Tunnel für die Strecke fordern, nun aber zwei Bürgerinitiativen darum kämpfen, wie lang der überhaupt sein soll.
Auf dem Papier geht es um ziemlich genau 1.200 Meter: So groß ist der Unterschied zwischen den beiden Tunnel-Varianten, die von den rivalisierenden Bürgerinitiativen vorgeschlagen werden. Doch eigentlich geht es um mehr: Um die Frage, was mehr wert ist, jahrelanges, hartnäckiges Bürger-Engagement oder pragmatisch erkämpfter Fortschritt mit Zugeständnissen.

Für Manfred Beck ist die Sache völlig klar: Die Züge der Bahn müssen unter Lichtenrade hindurchfahren – und zwar durch ganz Lichtenrade. Seine Bürgerinitiative "Lichtenrade -Dresdner Bahn e.V." setzt sich seit 15 Jahren für eine lange Tunnellösung ein. Vom Bahnhof Buckower Chaussee bis hinter die Landesgrenze Berlins (siehe Grafik). 4,024 Kilometer lang wäre das Bauwerk insgesamt. "Wir haben das Optimum aller Varianten rausgeholt", sagt Beck im Gespräch mit rbb online. In ihren Bauzeichnungen hat der Verein einen selbstbewussten Namen für die Tunnelführung gefunden: "Linie der Vernunft".

Beck kann aus dem Stegreif Vorlesungen über den Tunnel halten, rattert Zahlen und Daten zum "Schildvortrieb", dem "Masse-Feder-Erschütterungsschutz" oder der "Troglage" herunter. Doch bei der Deutschen Bahn fand der Vorschlag lange kein Gehör: Zu teuer sei der Tunnel, im laufenden Planfestellungsverfahren setzt der Konzern auf eine oberirdische Trassenführung entlang der bereits existierenden S-Bahn-Strecke.
Auch der Bund favorisierte lange die Lösung ohne Tunnel – doch nun bröckelt der Widerstand offenbar. SPD und CDU schlugen sich bereits 2011 in ihrem Koalitionsvertrag auf die Seite der Tunnel-Befürworter. Im Oktober 2013 schließlich erklärten sie sich bereit, einen solchen Bau auch mitzufinanzieren. Fehlt nur noch die Bahn. Deren Chef Rüdiger Grube signalisierte nun in dieser Woche ebenfalls Kompromissbereitschaft. Jan-Marco Luczak, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Tempelhof-Schöneberg, traf sich kürzlich mit Grube und verkündete hinterher: "Er hat den Tunnel für die Dresdner Bahn durch Lichtenrade als die vernünftigste Lösung bezeichnet. Er wird sich für sie einsetzen, weil er sie am ehesten für durchsetzbar hält."
Was Grube und Luczak meinen, ist jedoch nicht der Tunnel wie ihn Manfred Beck im Sinn hat. Stattdessen freut sich ein Anderer: Georg Wagener-Lohse.

Der Vorsitzende des "Bürgerforums Lichtenrade" hat nämlich inzwischen eine eigene Bürgerinitiative gestartet, zusammen mit mehreren Organisationen wie dem Haus- und Grundbesitzerverein. Diese zweite BI hat einen eigenen Tunnel-Vorschlag gemacht: Statt schon an der Buckower Chaussee zu starten will er erst ab dem Bahnhof Schichauweg unter die Erde. Auch Wagener-Lohse hat einen Namen dafür gefunden: den "intelligenten Tunnel".
Wer will was? Ein Überblick
Hier beginnt der Streit. Beck wirft Wagener-Lohse vor, die mühsame Vorarbeit der Initiative "Dresdner Bahn" zu torpedieren und für einen faulen Deal zu missbrauchen. Zumal der kurze Tunnel durchaus Probleme mit sich bringe: So müssten extra mehrere Rampen gebaut werden, um die Anfahrt zum kurzen Tunnel zu realisieren. Damit würden die Züge jedoch mehr Lärm verursachen – was man ja eigentlich vermeiden will. Zudem würde jeder, der nördlich der Schichaustraße wohnt, in die (Zug)Röhre gucken.

Wagener-Lohse wiederum spricht bei Beck und seiner Gruppe von "Verschleiß" und wirft seinem Kontrahenten vor, das Verfahren zu blockieren. "Wir alle leben von Kompromissen." Zwar habe sich die Bürgerinitiative von Beck "große Verdienste erworben", doch die Bahn habe jahrelang gar nicht über einen Tunnel reden wollen. Nun sei der Konzern zumindest gesprächsbereit, weil auch Bund und Land Berlin mit der kurzen Tunnel-Variante eine Alternative sehen würden.
Grünen-Politikerin Renate Künast, durch deren Bundestagswahlkreis die "Dresdner Bahn" führt, hat sich der Sache nun angenommen. Sie hat beide Seiten zu Gesprächen eingeladen, ein Treffen könnte schon in den kommenden Wochen stattfinden.
Manfred Beck wird daran teilnehmen, dass er sich eventuell doch noch für den kurzen Tunnel begeistern könnte, schließt er schon jetzt kategorisch ab. "Wir gehen nicht zu den Gesprächen, um Zugeständnisse zu machen."




