
Reinickendorfer warten auf BER - "Es ist uns klar, dass es hier laut ist"
Wann der neue Flughafen BER in Schönefeld eröffnen wird, ist ungewiss. Fest steht nur, dass bis zu diesem Tag der Altflughafen in Tegel die Hauptlast des Flugverkehrs tragen muss. Und die Zahl der Starts und Landungen steigt, mit jedem zusätzlichen Flieger wächst auch der Krach über den Köpfen der Menschen. Doch regt sich in der Reinickendorfer Bevölkerung vergleichsweise wenig Widerstand. Von Thomas Rautenberg
Im Reinickendorfer Lette-Kiez liegt an diesem Tag ein Hauch von Frühling in der Luft. Die Bäume in der Pankower Allee treiben erste Knospen. Die Geschäfte haben zwar geöffnet, doch um die Nachmittagszeit geht es eher gemächlich zu. Vorstadtatmosphäre inmitten der City, wären da nicht die Flugzeuge, die heute im Tiefflug aus Richtung Osten die Landebahn in Tegel ansteuern. In der Pankower Allee hat sich die Familie Plastwich vor über 30 Jahren ein Häuschen gekauft. Der ständige Krach der Flugzeuge hat sie nicht gestört - damals nicht gestört, schränkt Liane Plastwich ein. "Wir wohnen in einer Großstadt und es ist uns klar, dass es hier laut ist. Aber seit dem Fall der Mauer haben die Flüge hier enorm zugenommen und das ist einfach ein unhaltbarer Zustand."
"Deswegen fühlen wir uns geopfert"
Vor Liane Plastwich liegt ein dicker Aktenstapel. Briefe, die sie an den Senat oder auch an das Berliner Abgeordnetenhaus geschrieben hat. Mehr als eine nichtssagende Mitteilung, dass der geplatzte Flughafenstart in Schönefeld nun zwangsläufig zu größeren Belastungen im Umfeld von Tegel führen wird, hat die Familie nicht bekommen. Norbert Plastwich fühlt sich von der Politik geopfert. Er glaubt, dass die Profite der Fluggesellschaften im Vordergrund stehen und die Bürger darunter leiden müssen. "Wenn es keinen zweiten Flughafen gäbe, dann würde ich sagen, wir werden nicht geopfert, sondern wir sind Opfer eines notwendigen Übels. Aber da es noch einen zweiten Flughafen gibt, der permanent entlastet wird, hat man einfach gesagt: 'Da hauen wir den Idioten den Lärm einfach auf den Kopf und haben es einfacher.' Und deswegen fühlen wir uns als geopfert."

Die Rechtslage ist schwierig
Ein paar Schritte weiter, in der Reinickendorfer Kühleweinstraße, wohnt Claudia Prohl. Sie ist Lehrerin und hat eine Eigentumswohnung gekauft, als klar war, dass der Flughafen schließen wird. Ihr Wunsch auf baldige Ruhe am Himmel hat sich nicht erfüllt – im Gegenteil: "Gleichwohl nimmt die Zahl der Flüge ständig zu. Wir haben nachts Flüge und um 18.00 Uhr donnert es alle halbe Minute über das Haus hinweg. Der Flughafen versaut mir das Leben."
2012 sollte der BER eröffnet werden. Auch und vor allem als neue Flugbasis für Air Berlin. Die Airline hatte sich erfolgreich um das Postgeschäft beworben. Doch statt in Schönefeld starten und landen die Postmaschinen nun nachts in Tegel. Und die Lufthansa-Billigtochter Gemanwings ist inzwischen komplett von Schönefeld Alt nach Tegel umgezogen. Mit der Folge, dass das Gedränge auf dem Innenstadt-Flughafen wächst und immer mehr Flüge in den so genannten Nachtrandzeiten abgewickelt werden müssen. Die Flughafengesellschaft versuchte mit höheren Nachtfluggebühren in Tegel gegenzusteuern. Ein Schritt in die richtige Richtung, meint Reinickendorfs Umweltstadtrat Martin Lambert mit Blick auf die Lärmbelastung seines Bezirkes, aber nur ein halbherziger, wie er sagt. Lambert spricht von einer "gewissen Mehrbelastung" für die Zeit ab 23:00 Uhr. Er kritisiert vor allem, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt die Gebühren gesenkt hat, so dass 90 Prozent der Flugzeuge heute günstiger in Tegel starten und landen können. "Das ist das völlig falsche Signal, dass man für 90 Prozent der Flieger die Gebühren senkt und gleichzeitig herrscht in Schönefeld gähnende Leere."
Flughafen behalten zugunsten billiger Mieten?
Die Airlines sehen nur das Geschäft und suchen ihren Vorteil. Der Senat drückt bei Ausnahmegenehmigungen für Nachtflüge beide Augen zu. Und die lärmbetroffenen Bürger stehen im Regen. Die Mehrheit allerdings schweigend - der große Protest ist bislang ausgeblieben. Für Claudia Prohl kein Wunder. Ohne den Fluglärm, fürchten viele, würden die Wohnungen im Kiez für sie unbezahlbar werden. Prohl zeigt in Richtung Werftendensteig. Dort habe ein privater Investor ordentlich Geld in die Hand genommen, die Häuser saniert und für acht Euro kalt den Quadratmeter vermietet. "Das ist die Ansage für dieses Ost-Reinickendorf! Und wenn Sie hier im Moment weiterhin für drei Euro wohnen können, dann wollen Sie doch den Flughafen behalten! Wenn der nämlich weg ist, dann ändert sich das."
Fluglärm für billige Mieten - ganz ist das Argument wohl sicher nicht von der Hand zu weisen. Claudia Prohl will sich wehren. Sie hat wegen der Lärmbelastung Schadenersatzansprüche geltend gemacht.

Eine Klage wäre zu teuer
Für Familie Plastwich aus der Pankower Allee kommt eine Klage vor Gericht nicht in Frage. Die da oben wissen doch, dass sich die meisten im Kiez das gar nicht leisten können, meint Norbert Plastwich. "Das können wir finanziell gar nicht durchhalten, denn leider müssen die Anwälte ja nach Streitwert und nicht nach Erfolg bezahlt werden. Dann müssen wir das Haus verkaufen, wenn wir verlieren." Liane Plastwich starrt derweil gedankenversunken auf die vielen Protestschreiben, die vor ihr liegen. Innerlich, scheint es, hat sie den Kampf gegen den Fluglärm in Tegel aufgegeben. Ihr Mann Norbert nickt zustimmend, doch auch er weiß nicht wirklich weiter und spricht von Resignation, die ihn auch mit der Politik verdrießlich macht.
Über Reinickendorf schwebt die nächste Maschine ein. Es geht auf 18.00 Uhr zu, das heißt Hochbetrieb auf dem Flughafen, alle anderthalb Minuten kommt ein Flieger. Jedes Mal schwillt der Lärm an. Er trifft die Nerven Tausender Anwohner im Umfeld von Tegel.





