Rückblick auf den Fehlstart 2012 -
"Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen"
Paukenschlag vor einem Jahr: Kurz vor der Einweihungsparty platzte die Eröffnung des neuen Flughafens BER. Während die Welt über Berlin spottet, hat die Wirtschaft den Schaden – und der Steuerzahler.
Es sind noch ganze 16 Tage, bis die offizielle Eröffnungsfeier für den "modernsten Flughafen Europas" (Eigenwerbung) steigen soll. 40.000 Gäste werden erwartet, der Speiseplan steht, die Vorbereitungen für das Musik- und Showprogramm laufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich soll das neue "Tor zur Welt" symbolisch aufstoßen. Weitere zehn Tage später, am 3. Juni 2012, sollen vom Milliardenprojekt Flughafen Berlin Brandenburg (BER) die ersten Maschinen abheben.
Doch dann kommt alles anders.
Ich bin stocksauer.
Schockstarre: Die Flughafen-Verantwortlichen verkünden, dass der BER-Start verschoben wird
Am Dienstag, 8. Mai 2012, tritt der damalige Flughafenchef Rainer Schwarz mit gesenktem Kopf vor die Presse, flankiert von zwei grimmig blickenden "Landesvätern": Klaus Wowereit (Berlin) und Matthias Platzeck (Brandenburg). Die Party ist abgesagt, der Starttermin verschoben – schon wieder. Es hatte schon in der Vergangenheit mehrere Anläufe gegeben, einen Termin festzusetzen.
Nun müssen sämtliche Fluggessellschaften kurzfristig umplanen. Von den versprochenen 40.000 neuen Jobs für die Region spricht keiner mehr. Stattdessen spottet die halbe Welt über die deutsche Hauptstadt der Pleiten, Pech und Pannen: "Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen", heißt es im Internet in Abwandlung von Walter Ulbrichts Mauerbau-Zitat. "Ich bin stocksauer", wettert Matthias Platzeck.
Es sollte so schön werden am 3. Juni 2012: Mit einer großen Eröffnungsfeier sollte der BER an den Start gehen, stattdessen kam der Absturz. Bislang ein Schrecken ohne absehbares Ende, meint Holger Hansen, rbb Landespolitik.
Milliardenprojekt mit überraschenden Baumängeln
Offizieller Grund für die Blamage sind Probleme mit dem Brandschutz. Die zuständige Genehmigungsbehörde im Landkreis Dahme-Spreewald, die Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) später als Hinterwäldler abtut, senkt den Daumen.
Die Beteiligten geben sich überrascht. BER-Technikchef Manfred Körtgen hatte noch kurz vorher versichert, alle "Herausforderungen" termingerecht in den Griff zu bekommen. Jetzt wirbt Körtgen für Verständnis: Es handele sich um die weltweit größte Entrauchungsanlage ihrer Art; die Sicherheit der Passagiere müsse an erster Stelle stehen. Kilometerlange Schächte und Kabel, Klappen und Ventile werden daraufhin überprüft. Bis heute.
Komparsen proben den Check-In am BER
Welche anderen Probleme bei der Startverschiebung eine Rolle spielen, bleibt schwer durchschaubar. Zuvor waren an mehreren Probe-Betriebstagen mit Tausenden Testpassagieren Abfertigung, Sicherheitskontrollen, Abflug- und Ankunftsbereiche geprüft worden. Später wird bekannt, dass die Planer in ihrem Bulletins sehr wohl vor technischen Schwierigkeiten gewarnt hatten. Technikchef Körtgen wird nur neun Tage nach der Startverschiebung gefeuert. Mit ihm müssen auch die Ingenieure und Architekten der Planungsgemeinschaft "pgbbi" gehen, zu dem auch das Büro des renommierten Architekten Meinhard von Gerkan gehört.
Gerkan wird später 260 Änderungswünsche der Bauherren als wichtigen Grund für Bauverzögerungen nennen. Die Flughafengesellschaft spricht dagegen von massiven Fehlplanungen und verklagt die Planer auf 80 Millionen Schadenersatz.
Umzug mit 600 LKW-Fahrten abgesagt
Mit der Absage des BER-Starttermins sind auch zwei Jahre minutiöser Umzugsplanungen Makulatur. Die alten Flughäfen Schönefeld und Tegel hätten am Abend des 2. Juni geschlossen, das gesamte Inventar hätte mit einem gewaltigen logistischen Kraftakt in der Nacht zum neuen Airport gebracht werden sollen. 600 LKW-Fahrten waren für die Umzugsnacht vorgesehen, die Stadtautobahn sollte mehrere Stunden lang gesperrt werden.
Neue Eröffnungstermine werden genannt. Und wieder verworfen.
Air Berlin wollte den BER ab Juni 2012 zu seinem Drehkreuz machen.
Airlines und kleine Geschäftsleute zahlen drauf
Die Fluggesellschaften müssen nun bis auf weiteres ihren Verkehr weiter über Tegel und Schönefeld abwickeln - bis an die Kapazitätsgrenzen. Sie zeigen wenig Verständnis für die Pannen. Von riesigen logistischen Herausforderungen spricht der damalige Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn, der später als neuer Hoffnungsträger die Geschicke des BER lenken soll. Von Schadenersatz ist die Rede, die Ansprüche werden geprüft. Die zweitgrößte deutsche Airline hatte jeden dritten Flug vom "Drehkreuz BER" anbieten wollen. Auch die Lufthansa ist "not amused", ebenso wenig wie die Anwohner in Tegel und Schönefeld, die den Fluglärm nun noch viel länger ertragen müssen.
Hart trifft es viele kleine Geschäftsleute, die am neuen Flughafen einen Laden oder Gastronomie eröffnen wollten – und ihre Mitarbeiter. Verträge waren längst unterschrieben, alte Jobs gekündigt. Laden-Einrichtungen und Verkaufsartikel waren geliefert, Personal eingestellt. Nun führen die Investitionen ins Nichts. Eine Entschädigung gibt es nicht; manchen werden Ausweichflächen an den Altflughäfen Tegel und Schönefeld angeboten. Ein Jahr später sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel dem "Tagesspiegel", kein BER-Mieter habe geklagt oder Schadenersatz gefordert.
Schon mehrfach wurde die BER-Eröffnung verschoben. Das passt zur Geschichte des Flughafenprojekts. Von der Idee bis zur Realisierung dauerte es mehr als 20 Jahre - die wichtigsten Etappen.
BER wird 1,2 Milliarden teurer - mindestens
Die offenen Schadenersatzklagen sind ein Grund, warum die Mehrkosten durch die erneute Verzögerung nicht exakt beziffert werden. Es kommen außerdem permanent neue Kosten dazu: Nach dem Rausschmiss der Planungsgemeinschaft liegen die Arbeiten auf der Baustelle über Monate still. Jeder einzelne Monat soll den Steuerzahler eine zweistellige Millionensumme kosten. Zahlen zwischen 15 und 40 Millionen monatlich werden kolportiert; Aufsichtsratschef Matthias Platzeck weist die Schätzungen jedoch als unseriös zurück.
Ende 2012 werden die Gesamtkosten des Bauprojekts auf knapp 4,3 Milliarden Euro geschätzt. Schon diese Summe läge etwa 1,2 Milliarden Euro höher als ursprünglich vorgesehen. Würde der Airport erst Ende 2014 in Betrieb genommen – was nicht als unwahrscheinlich gilt -, dürften die Kosten bei 5 Milliarden liegen, rechnet die Nachrichtenagentur afp vor.
Dazu dürften noch die Ausgaben für den Lärmschutz kommen, zu dem das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg die Flughafengesellschaft verdonnert hat. Höhe unbekannt, vermutlich im dreistelligen Millionenbereich.
Andrea Marshall, rbb online
Beim BER geht es inzwischen vom Hundertsten ins Tausendste. Die Eröffnung des neuen Flughafens, eigentlich für 2011 angesetzt, musste bereits mehrfach verschoben werden. Schuld sind eine ganze Reihe von Pleiten und Pannen - mit entsprechenden Nachwirkungen. Im Februar 2014 etwa vertagt Flughafen-Chef Mehdorn die Sanierung der Nordbahn (hier im August 2007) ins Jahr 2015.
Um die Nordbahn zu sanieren und in den BER integrieren zu können, müssten Flugzeuge über die Südbahn umgeleitet werden. Mehdorn peilte eigentlich dafür Juli 2013 an. Doch der Termin ist nicht zu halten, denn erst müssen Tausende Anwohner gegen den Lärm geschützt werden.
Von seinem lange gehegten Plan eines Flughafen "light" verabschiedet sich Mehdorn ebenfalls im Februar 2014. Er schiebt die Schuld zuletzt auf den Aufsichtsrat des Flughafens. Mehdorn hatte bei den Planungen mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen - ein ganzer Wust von Bauanträgen wurde notwenig, die auf sechs Millionen Euro veranschlagten Umbaumaßnahmen stießen zudem auf Kritik - ebenso wie die Sinnhaftigkeit der Teilinbetriebnahme.
Am Nordpier wollte Mehdorn eigentlich die Systeme für den gesamten Flughafen testen, unter anderem Stromleitungen, Brandmelder, Datennetze. Hier war beim Bau des BER besonders geschlampt worden.
In einer Bestandsaufnahme vom Sommer 2013 werden 65.000 Mängel aufgelistet. Solange nicht alle behoben sind, kann der BER nicht voll eröffnen. Auf der Mängelliste stehen zum Teil nur Kleinigkeiten, wie beispielsweise lockere Bodenfliesen. Teils sind die Mängel jedoch gravierend.
Insbesondere das komplizierte Brandschutzkonzept bereitet den Bauherren Kopfschmerzen. Eine automatische Entrauchungsanlage soll bei einem Brand den Rauch nicht nach oben, sondern nach unten saugen und dann ins Freie leiten.
Das Brandschutzkonzept des Bahnhofs soll zunächst nicht mit der Brandmelderanlage des Flughafens verbunden gewesen sein.
Am neuen Flughafen sollen 27 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden. Kritiker bemängeln, für dieses Aufkommen seien die geplanten 132 Check-in-Plätze zu wenig. Zum Vergleich: Am Flughafen Frankfurt (FRA) gibt es 420 Schalter - ohne Check-In-Automaten.
Zudem reichten acht Gepäckausgabe-Rundläufe nicht aus, so die Kritik. Der Flughafen Frankfurt besitzt nach eigenen Angaben insgsamt 67 Gepäckausgabebänder.
Im Dezember 2012 wurde aus einem internen Protokoll des Bundesverkehrsministeriums bekannt, dass einige der Rolltreppen zu kurz sind.
Dazu kommen Probleme mit nicht isolierten Kühlleitungen, der Unterflurbetankungsanlage, falsch berechneter Statik der Dächer - und und und.
Zahlreiche Manager am BER mussten bereits gehen - so auch Rainer Schwarz, vormals Flughafen-Chef. Er wurde nach der vierten Startverschiebung im Januar 2013 gefeuert.
Auch unter Mehdorns Regie kämpfen die Betreiber des BER seit vielen Monaten mit den Technikproblemen, Baumängeln und den Folgen von Fehlplanungen.
Wer das Chaos am Ende in den Griff bekommt, wie und vor allem wann - das steht in den Sternen. Weitere Bildergalerien
Die verpatzte Eröffnung und die unklare Zukunft des BER bedeuten nicht nur für die Region ein Imageverlust - sie stellt alle Beteiligten vor große logistische und wirtschaftliche Probleme. Fragen und Antworten zu den politischen und strukturellen Konsequenzen und der Zukunft des BER.
Seit Beginn der ersten Planungen beschäftigt der BER die Justiz: Anwohner klagten gegen den Standort in Schönefeld, dann gegen die Flugrouten und Lärmbelastung. Mittlerweile geht es auch um Schadenersatz. Eine Chronologie der Gerichtsentscheidungen.
Gleich mehrfach ist Eröffnung des neuen Flughafens verschoben worden. Grund dafür sind die massiven Baufehler insbesondere an der Brandschutzanlage. Das ist aber noch nicht alles. Eine kurze Übersicht.
Wie lange dürfen die Anwohner des künftigen Flughafens BER nachts ungestört schlafen? Diese Frage sollten am Montag die drei Gesellschafter Brandenburg, Berlin und der Bund klären - doch eine Entscheidung steht weiterhin aus. Brandenburgs Antrag, das Nachtflugverbot zu erweitern, wurde an den ...