Die Anzeigetafel am Flughafen Tegel in Berlin zeigt am Freitag (02.03.2012) während eines Warnstreiks mit dem Wort "Cancel" einen gestrichenen Flug an (dpa).

Rückblick auf den Fehlstart 2012 - "Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen"

Paukenschlag vor einem Jahr: Kurz vor der Einweihungsparty platzte die Eröffnung des neuen Flughafens BER. Während die Welt über Berlin spottet, hat die Wirtschaft den Schaden – und der Steuerzahler.

Es sind noch ganze 16 Tage, bis die offizielle Eröffnungsfeier für den "modernsten Flughafen Europas" (Eigenwerbung) steigen soll. 40.000 Gäste werden erwartet, der Speiseplan steht, die Vorbereitungen für das Musik- und Showprogramm laufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich soll das neue "Tor zur Welt" symbolisch aufstoßen. Weitere zehn Tage später, am 3. Juni 2012, sollen vom Milliardenprojekt Flughafen Berlin Brandenburg (BER) die ersten Maschinen abheben.

Doch dann kommt alles anders.

Ich bin stocksauer.

Schockstarre: Die Flughafen-Verantwortlichen verkünden, dass der BER-Start verschoben wird

Am Dienstag, 8. Mai 2012, tritt der damalige Flughafenchef Rainer Schwarz mit gesenktem Kopf vor die Presse, flankiert von zwei grimmig blickenden "Landesvätern": Klaus Wowereit (Berlin) und Matthias Platzeck (Brandenburg). Die Party ist abgesagt, der Starttermin verschoben – schon wieder. Es hatte schon in der Vergangenheit mehrere Anläufe gegeben, einen Termin festzusetzen.

Nun müssen sämtliche Fluggessellschaften kurzfristig umplanen. Von den versprochenen 40.000 neuen Jobs für die Region spricht keiner mehr. Stattdessen spottet die halbe Welt über die deutsche Hauptstadt der Pleiten, Pech und Pannen: "Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen", heißt es im Internet in Abwandlung von Walter Ulbrichts Mauerbau-Zitat. "Ich bin stocksauer", wettert Matthias Platzeck.

Kommentar

Torte mit Kerzen (Quelle: dpa)

- Es sollte so schön werden am BER...

Es sollte so schön werden am 3. Juni 2012: Mit einer großen Eröffnungsfeier sollte der BER an den Start gehen, stattdessen kam der Absturz. Bislang ein Schrecken ohne absehbares Ende, meint Holger Hansen, rbb Landespolitik.

Milliardenprojekt mit überraschenden Baumängeln

Offizieller Grund für die Blamage sind Probleme mit dem Brandschutz. Die zuständige Genehmigungsbehörde im Landkreis Dahme-Spreewald, die Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) später als Hinterwäldler abtut, senkt den Daumen.

Die  Beteiligten geben sich überrascht. BER-Technikchef Manfred Körtgen hatte noch kurz vorher versichert, alle "Herausforderungen" termingerecht in den Griff zu bekommen. Jetzt wirbt Körtgen für Verständnis: Es handele sich um die weltweit größte Entrauchungsanlage ihrer Art; die Sicherheit der Passagiere müsse an erster Stelle stehen. Kilometerlange Schächte und Kabel, Klappen und Ventile werden daraufhin überprüft. Bis heute.
Komparsen in grünen Westen und Helmen warten auf den Check-in (Foto: Anne Demmer)
Komparsen proben den Check-In am BER

Welche anderen Probleme bei der Startverschiebung eine Rolle spielen, bleibt schwer durchschaubar. Zuvor waren an mehreren Probe-Betriebstagen mit Tausenden Testpassagieren Abfertigung, Sicherheitskontrollen, Abflug- und Ankunftsbereiche geprüft worden. Später wird bekannt, dass die Planer in ihrem Bulletins sehr wohl vor technischen Schwierigkeiten gewarnt hatten. Technikchef Körtgen wird nur neun Tage nach der Startverschiebung gefeuert. Mit ihm müssen auch die Ingenieure und Architekten der Planungsgemeinschaft "pgbbi" gehen, zu dem auch das Büro des renommierten Architekten Meinhard von Gerkan gehört.

Gerkan wird später 260 Änderungswünsche der Bauherren als wichtigen Grund für Bauverzögerungen nennen. Die Flughafengesellschaft spricht dagegen von massiven Fehlplanungen und verklagt die Planer auf 80 Millionen Schadenersatz.

Umzug mit 600 LKW-Fahrten abgesagt

Mit der Absage des BER-Starttermins sind auch zwei Jahre minutiöser Umzugsplanungen Makulatur. Die alten Flughäfen Schönefeld und Tegel hätten am Abend des 2. Juni geschlossen, das gesamte Inventar hätte mit einem gewaltigen logistischen Kraftakt in der Nacht zum neuen Airport gebracht werden sollen. 600 LKW-Fahrten waren für die Umzugsnacht vorgesehen, die Stadtautobahn sollte mehrere Stunden lang gesperrt werden.

Neue Eröffnungstermine werden genannt. Und wieder verworfen.
Mehrere Flugzeuge von Air Berlin stehen am Flughafen Tegel (Bild: dpa)
Air Berlin wollte den BER ab Juni 2012 zu seinem Drehkreuz machen.

Airlines und kleine Geschäftsleute zahlen drauf

Die Fluggesellschaften müssen nun bis auf weiteres ihren Verkehr weiter über Tegel und Schönefeld abwickeln - bis an die Kapazitätsgrenzen. Sie zeigen wenig Verständnis für die Pannen. Von riesigen logistischen Herausforderungen spricht der damalige Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn, der später als neuer Hoffnungsträger die Geschicke des BER lenken soll. Von Schadenersatz ist die Rede, die Ansprüche werden geprüft. Die zweitgrößte deutsche Airline hatte jeden dritten Flug vom "Drehkreuz BER" anbieten wollen. Auch die Lufthansa ist "not amused", ebenso wenig wie die Anwohner in Tegel und Schönefeld, die den Fluglärm nun noch viel länger ertragen müssen.

Hart trifft es viele kleine Geschäftsleute, die am neuen Flughafen einen Laden oder Gastronomie eröffnen wollten – und ihre Mitarbeiter. Verträge waren längst unterschrieben, alte Jobs gekündigt. Laden-Einrichtungen und Verkaufsartikel waren geliefert, Personal eingestellt. Nun führen die Investitionen ins Nichts. Eine Entschädigung gibt es nicht; manchen werden Ausweichflächen an den Altflughäfen Tegel und Schönefeld angeboten. Ein Jahr später sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel dem "Tagesspiegel", kein BER-Mieter habe geklagt oder Schadenersatz gefordert.

Chronologie

Ein Mann mit Signalweste läuft am Nordpier und spiegelt sich dabei in einer Scheibe. (Bild dpa)

- Der lange Weg zum neuen Flughafen BER

Schon mehrfach wurde die BER-Eröffnung verschoben. Das passt zur Geschichte des Flughafenprojekts. Von der Idee bis zur Realisierung dauerte es mehr als 20 Jahre - die wichtigsten Etappen.

BER wird 1,2 Milliarden teurer - mindestens

Die offenen Schadenersatzklagen sind ein Grund, warum die Mehrkosten durch die erneute Verzögerung nicht exakt beziffert werden. Es kommen außerdem permanent neue Kosten dazu: Nach dem Rausschmiss der Planungsgemeinschaft liegen die Arbeiten auf der Baustelle über Monate still. Jeder einzelne Monat soll den Steuerzahler eine zweistellige Millionensumme kosten. Zahlen zwischen 15 und 40 Millionen monatlich werden kolportiert; Aufsichtsratschef Matthias Platzeck weist die Schätzungen jedoch als unseriös zurück.

Ende 2012 werden die Gesamtkosten des Bauprojekts auf knapp 4,3 Milliarden Euro geschätzt. Schon diese Summe läge etwa 1,2 Milliarden Euro höher als ursprünglich vorgesehen. Würde der Airport erst Ende 2014 in Betrieb genommen – was nicht als unwahrscheinlich gilt -, dürften die Kosten bei 5 Milliarden liegen, rechnet die Nachrichtenagentur afp vor.

Dazu dürften noch die Ausgaben für den Lärmschutz kommen, zu dem das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg die Flughafengesellschaft verdonnert hat. Höhe unbekannt, vermutlich im dreistelligen Millionenbereich.

Andrea Marshall, rbb online

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