Freiwillige Helfer untersuchen vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Moabit Flüchtlinge und behandeln kleinere Verletzungen. (Foto: imago / Christian Mang)
Interview: Inforadio | 29.08.2015 | Dietmar Ringel

Ärztekammer über die Lage am Lageso - "Wir brauchen ganz banale hygienische Verhältnisse"

Hunderte Flüchtlinge warten täglich am Lageso, um einen Termin für die Registrierung zu bekommen. Die Bedingungen seien "unhygienisch und schwierig", kritisiert die Berliner Ärztekammer im rbb und warnt vor der Ausbreitung von Tuberkulose und Masern. Der Senat müsse freiwillige Hilfe besser organisieren, das könne auch ein Bundeswehroffizier machen.

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, hat den Senat aufgefordert, mehr für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in der Stadt zu tun. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sei mit der Organisation der humanitären Hilfe vor Ort überfordert, sagte Jonitz am Samstag dem rbb-Inforadio. Hier müssten der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) eingreifen.

Jonitz warnte vor der Ausbreitung von in Deutschland ausgerotteten Krankheiten wie Masern und Tuberkulose unter den Flüchtlingen, wenn sie in den "unhygienischen und schwierigen" Bedingungen warten.

Lageso-Mitarbeiter überlastet

Die meisten Maßnahmen, die man durchführen müsse, um den Menschen zu helfen, seien relativ einfach: "Wir brauchen keine Intensivstation, wir brauchen einfach ärztlichen Sachverstand und ganz banal hygienische Verhältnisse: Essen, Trinken, Wärme und einen trockenen Platz."

Das Problem sei, dass die Flüchtlinge zwar körperlich in Deutschland angekommen, aber noch nicht registriert sind. Sie fielen durch ein Raster, weil die überlasteten Lageso-Mitarbeiter neben der Registrierungsarbeit nicht auch noch humanitäre Arbeit leisten könnten. Eine Überlegung, so Jonitz weiter, sei eine öffentlich-private Kooperation, um die Versorgung zu koordinieren. "Das kann zum Beispiel ein ehemaliger Bundeswehroffizier sein, der gut organisieren kann und auch mit größeren Menschenmengen zurechtkommt." Es kämen aber auch ein Beauftragter des Technischen Hilfswerks, der Diakonie oder Caritas infrage.

Müller und Czaja sollen Lageso besuchen

Über 150 Ärzte hätten sich nach einem Aufruf des Marburger Bundes [pdf] innerhalb weniger Stunden gemeldet, um kostenlose medizinische Betreuung anzubieten. Diese Hilfe werde mittlerweile vom Lageso organisiert. Es sei viel Engagement auch seitens der Bevölkerung zu spüren, um in dieser Situation zu helfen. Es fehle nur an der weiteren Organisation. Jonitz sagte, ein Besuch von Müller und Czaja am Lageso wäre hilfreich, um danach zu definieren, was man nun tun könne.

Er warnte auch davor, dass Schwangere nicht ausreichend betreut würden. Auch der Hebammenverband Berlin kritisierte die Lage am Lageso als unhaltbar. Die mangelnde Versorgung auf dem Gelände sei vor allem für Schwangere und Neugeborene dramatisch, sagte eine Sprecherin am Freitag. Der Verband fordert eine bessere Versorgung und eine bessere ärztliche Betreuung für schwangere Flüchtlinge, Neugeborene und kleine Kinder.

Audio: Inforadio | 28.08.2015 | Oliver Soos  

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