Flüchtlinge kommen in Berlin Schönefeld an (Quelle: imago/Christian Mang)

Notbremse mehrfach gezogen - Aus Sonderzug abgesprungene Flüchtlinge wieder aufgegriffen

Die Flüchtlinge, die aus einem Sonderzug nach Berlin mitten auf der Strecke abgesprungen waren, sind in Sachsen-Anhalt wieder aufgegriffen worden. Die in Schönefeld angekommenen Flüchtlinge sind inzwischen auf Berlin und Brandenburg verteilt.

Nach Angaben von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) soll die Polizei alle Flüchtlinge, die einen Sonderzug von München nach Berlin auf offener Strecke verlassen hatten, wieder aufgegriffen haben. Das habe der Minister auf der Kabinettspressekonferenz am Dienstag erklärt, berichtet die Onlineausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Demnach seien die Flüchtlinge in Aufnahmestellen im Land gebracht worden.

Rund 180 Flüchtlinge hatten Angaben der Bundespolizei am Dienstagmorgen einen Sonderzug der Deutschen Bahn (IC 2948) nach Schönefeld noch auf der Strecke verlassen. Wie die Bundespolizei mitteilte, waren zur Ankunft um kurz nach 9 Uhr am Regionalbahnhof Schönefeld 518 Menschen aus München angekündigt. Tatsächlich angekommen seien aber nur 339 Flüchtlinge, sagte Jens Schobranski, Sprecher der Bundespolizei, rbb online.

Zug unerwartet Richtung Berlin umgeleitet

Der Zug sollte laut Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales eigentlich gar nicht Richtung Berlin, sondern nach Sachsen fahren, das die Flüchtlinge offenbar nicht mehr aufnehmen konnte. Der Zug sei in München losgefahren und dann in Bamberg umgeleitet worden, nachdem Berlin und Brandenburg sich spontan zur Aufnahme der Flüchtlinge bereiterklärt hatten, so Sprecherin Monika Hebbinghaus. Es könne sein, dass die Umleitung für Verwirrung gesorgt habe. Hinter Leipzig stoppte der Zug mehrmals, weil die Notbremse gezogen wurde.

Während der Nothalte seien rund 180 Menschen "sehr wahrscheinlich abgesprungen", sagte Bundespolizeisprecher Schobranski. Nach seinen Informationen wurde in der Region um Leipzig, Dessau und Delitzsch mehrfach die Notbremse gezogen. Nach den Personen, die vermutlich auf freier Strecke ausgestiegen seien, würden jetzt die örtliche Polizei sowie die Bundespolizei suchen.

Polizei begleitet Züge nicht

Wie Schobranski erläuterte, werden Flüchtlinge, die in Deutschland zur Erstaufnahme verteilt werden, gewöhnlich nicht von der Polizei begleitet. An Bord sei meist nur Sicherheitspersonal der Bahn.

Bekannt ist aber, dass ein Teil der Migranten eigentlich nach Schweden oder in andere skandinavische Länder will und deswegen den Asylantrag nicht in Deutschland stellt. Auch Hebbinghaus sagte, es könne sein, dass einige sich der Registrierung in Deutschland entziehen wollten, da sie eigentlich andere Ziele in Europa anvisieren. Möglicherweise wollten die Flüchtlinge auch nicht nach Berlin, weil sie Verwandte in einem anderen Ort in Deutschland haben.

Regina Kneiding, ebenfalls Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, berichtete, bereits am Sonntag sei die Zahl der angekündigten Flüchtlinge höher gewesen als derer, die tatsächlich untergebracht werden mussten.

Früheres Ministerium jetzt Notunterkunft

Von den 339 in Schönefeld angekommenen Flüchtlingen wurden anschließend 147 mit Bussen nach Berlin in eine Unterkunft in einer Sporthalle auf dem Olympiagelände gefahren. Die anderen kamen nach Potsdam und sollten in ein ehemaliges Ministeriumsgebäude in der Heinrich-Mann-Allee einquartiert werden.

Müller fordert mehr internationale Solidarität

Vor der Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstagabend appellierte Müller an den Bund, er müsse seine Verantwortung an den Grenzen und in den Erstaufnahmeeinrichtungen wahrnehmen. Zudem müsse die Bundesregierung auf mehr internationale Solidarität pochen. Die Lasten könnten nicht alleine in Deutschland bleiben, so der SPD-Politiker.

Nach Ansicht von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) muss der Bund selbst in die Erstaufnahme von Flüchtlingen einsteigen. "Das werden die Länder alleine nicht mehr schaffen", sagte der Senator am Dienstag beim Besuch eines Containerdorfs in Berlin-Köpenick. Die Situaton sei nach wie vor "enorm angespannt", auch wenn man durch die Grenzkontrollen einige Tage Luft bekommen habe.

Woidke mahnt mehr Solidarität in der EU an

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) mahnte am Dienstag einen solidarischen Umgang mit Flüchtlingen in der EU an. Er erwarte, dass sich alle EU-Länder ihrer Verantwortung stärker bewusstwerden und entsprechend ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Lasten schultern, erklärte der SPD-Politiker in Potsdam. "Das ist ein Gebot der Solidarität und der Humanität." In diesen schwierigen Zeiten müsse sich die EU als Wertegemeinschaft bewähren.

Mit Blick auf das Ministertreffen mit Bundeskanzlerin Merkel ergänzte er: "Die viel beschworene Verantwortungsgemeinschaft muss mit konkreten Taten auch der Bundesregierung untersetzt werden." Er sei sich sicher, dass das Treffen ein Schritt sein werde, "damit beim Termin der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin am 24. September substanzielle Beschlüsse gefasst werden können."

Zahlen und Fakten

  • Zahlen - Wie viele Flüchtlinge kommen?

  • Entwicklung - Wie haben sich die Zahlen entwickelt?

  • Ankunft - Wie funktioniert die Aufnahme der Flüchtlinge?

  • Asylanträge - Wie lange dauert die Bearbeitung?

  • Andrang - Wie viele Flüchtlinge kommen pro Tag in die Erstaufnahme?

  • Status quo - Wie viele Flüchtlinge sind offiziell registriert?

  • Verteilung - Wie werden die Flüchtlinge auf Bezirke und Landkreise verteilt?

  • Wohnen - Wer muss dafür sorgen, dass Unterkünfte zur Verfügung stehen?

  • Unterkunft - Wo werden die Flüchtlinge untergebracht?

  • Unterbringung - Wer zahlt?

  • Wohnort - Welchen Einfluss hat ein Asylbewerber darauf?

  • Jobs - Dürfen Flüchtlinge arbeiten?

  • Geld - Wieviel bekommt ein Flüchtling im Monat?

  • Geldquelle - Wie bekommen Asylbewerber ihr Geld?

  • Smartphone - Haben sie einen Anspruch darauf?

  • Krankheit - Sind Asylbewerber versichert?

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