Ein Schild im Lageso informiert am 07.11.2015 darüber, dass Zugang in das Areal nur mit blauem Armband und aktuellem Datum gewährt wird. (Quelle: rbb)

Update | Lageso-Mitarbeiter berichten von Arbeitsalltag - "Das Chaos gibt es wirklich" - Das Chaos geht weiter

Beim Thema Flüchtlinge dreht sich in Berlin derzeit fast alles nur um eine Behörde: das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Wie sind die Arbeitsbedingungen in der Problembehörde? Nach unserer Berichterstattung melden sich immer mehr Mitarbeiter bei uns, rbb online lässt einige von ihnen anonymisiert zu Wort kommen. Protokolliert von Julia Camerer und Ansgar Hocke

Nach unserem Beitrag vom 7. Dezember erreichten uns noch weitere Aussagen von Lageso-Mitarbeitern, die wir hier ergänzend veröffentlichen (Stand: 09.12.2015)

Wenn ich an einem Tag arbeite, kommt morgen doppelt so viel Arbeit dazu, und eigentlich bin ich fix und fertig. Aber ich will keine Kollegen im Stich lassen. Von wegen wir sind Bürokraten - das sind wir nicht. Wir wollen auch den Flüchtlingen helfen."

Vor allem diese Zerstücklung der Arbeit ist schwer zu verkraften. Da kommen Helfer und sortieren Vorgänge in eine Kiste, dann gehen die Kisten voller Unterlagen an Zeitverträgler und dann purzeln Unterlagen in den Kisten durcheinander. Das müsste alles top hintereinander organisiert sein.

Jetzt werden wir als Vorgesetzte angegriffen. Aber wir müssen uns um die Einarbeitung der neuen Beschäftigten kümmern, müssen die Probezeit prüfen, die Leiharbeiter kontrollieren, Abordnungen einweisen und dann die Abläufe organisieren."

Seit 2012 gibt es mehr Personal , aber es reicht nicht. Vor allem dauert es doch, bis Bewerber sich melden, und dann müssen die Neuen ja auch noch eingearbeitet werden. Das Sozialrecht ist alles andere als einfach, das ist hochkomplex. Und im Interesse der Flüchtlinge will man auch keine Fehler machen."

Wir müssen uns selber schützen, sonst gehen wir hier kaputt."

 

Einige der Rückmeldungen beziehen sich auch auf die neue Lageso-Registrierungstelle in der Bundesallee (Stand: 09.12.2015)

Ich arbeite in der Bundesallee und kann nur lachen, dass dies hier das Vorzeigeprojekt sein soll. Hier sind zwar alle Behörden, die für den Asylprozess notwendig sind, unter einem Dach – aber auch hier gibt es keine übergreifenden Prozesse."

In der Bundesallee warten wir manchmal auf die Busse, die uns neue Arbeit bringen. Dann wiederum sind im Bus unglücklicherweise nicht nur Syrer, sondern viele Afghanen oder Pakistani – und dafür fehlen uns die Dolmetscher. Also sitzen alle hier und warten."

Es gibt fast keine [Mitarbeiter, Anm.d.Red], die sich auskennen in der Bearbeitung von Asylfällen. Viele sind abgestellt aus anderen Verwaltungen und helfen hier drei bis sechs Monate aus. Und dann gibt es die Zeitarbeiter, die für 8,50 Euro hier verzweifeln, und die Soldaten, die wiederum nicht alles tun dürfen oder wollen. Man hat eine ganze Reihe Indianer zusätzlich ins Chaos geholt, dabei aber vergessen, die Anzahl der erforderlichen kleinen Häuptlinge anzupassen."

Ich bin erst vor ein paar Wochen hier neu eingestellt worden. Für zwei Jahre. Aber ich gehe zum Ende des Jahres. Ich hatte schon zu viele Tage im Wahnsinn Bundesallee."

Frei nach 'Wir schaffen das!' sollte mal jemand knallhart auf den Tisch hauen und entsprechende Mittel einfordern, damit endlich von einem halbwegs erträglichen und pragmatischen Flüchtlingsmanagement gesprochen werden kann."

Oft wird nachmittags widerrufen was noch in der Morgenrunde als Neuerung verkündet wurde! Wir bekommen ständig neue Ansagen – die nach einem Tag schon wieder überholt sind."

Die gesamten Strukturen und noch mehr die Arbeitsprozesse laufen desaströs. Und das bei einem nahezu unermüdlichen Einsatz einer Vielzahl von Arbeitskräften, die zum allergrößten Teil sehr engagiert zur Arbeit kommen."

 

Weitere Aussagen der Lageso-Mitarbeiter (Stand 07.12.2015)

Das Chaos – das man draußen vermutet – gibt es wirklich. Zum Beispiel: Die unbearbeiteten Fälle stapeln sich in gelben Postkisten. Und die gelben Postkisten werden in mehreren Räumen gelagert. Ein Ordnungssystem gibt es nicht. Deswegen gibt es bei uns auch den Job des "Suchers" – das sind Kollegen, die nur damit beschäftigt sind, die passende Akte zu suchen."

Der Arbeitswahnsinn sieht so aus: einer ist für nichts anderes da als die Termine zu koordinieren. Er geht ständig hoch und runter und fragt bei den einzelnen Sachbearbeitern ab, wann er wieder jemanden hochschicken kann. Das im Jahr 2015 ist doch absurd.“

Das Frustrierende an der Arbeit im Lageso ist, man sieht keine Tendenz, keine Richtung, dass es aufwärts geht. Es wird immer noch schlimmer."

Ich habe Jahrzehnte in der Berliner Verwaltung gearbeitet, nun im Lageso: Nichts wird hier richtig zu Ende gedacht. Wie werden zum Beispiel die nächsten Wochenenden abgedeckt? Wir wissen noch nicht einmal, wer am nächsten Sonnabend und Sonntag da ist. Weihnachten wird ein ganz, ganz großes Problem. Sollen hier nur Ehrenamtliche von "Moabit hilft" und der Wachschutz sein? Und was keiner weiß: Die rund 50 Bundeswehrsoldaten, die uns bei der Registrierung helfen, haben ihren Einsatzbefehl nur bis Dezember, dann sind sie weg."

Es ist absurd, wenn immer wieder betont wird, dass wir doch so viele neue Mitarbeiter im Lageso haben. Ja, wir sind offiziell mehr. Aber die meisten sind Zeitarbeiter. Die dürfen nur die Fälle in die Computer eingeben – aber nichts bearbeiten. Und für alle neuen Mitarbeiter gilt: Niemand hat eine Einarbeitung bekommen, alle müssen sich mitten im Alltagswahnsinn selber einfuchsen. Durch den Abbau von Überstunden, Urlaubstagen und auch mehr Fällen von Burnout sind wir eher weniger."

Hier sind eigentlich sehr motivierte Leute, die sich freiwillig für den Einsatz gemeldet haben. Zehn Prozent der Beschäftigten fehlen: Urlaub, Krankheit, Überstunden - das ist eigentlich okay. Da haben andere Bezirke einen viel höheren Krankenstand. Aber was uns das Genick bricht, ist die fehlende Ausstattung. Wir haben keine ordentlichen Programme um elektronische Akten anzulegen. Das macht einen mürbe."

Ich bin Sachbearbeiter. Mein Eindruck warum wir so schlecht dastehen: Organisatorisch ist die Führungsebene völlig überfordert. Allert sitzt im 10. Stock – und kommt nur runter, wenn er Besuch von Czaja bekommt. Ich glaube, viele haben längst resigniert."

Es fehlt eindeutig an Führungskräften. Die Arbeit muss ganz neu organisiert und strukturiert werden. Zurzeit arbeiten Kollegen und Kolleginnen für die Berliner Unterbringungsleitstelle, andere für den Hangar in Tempelhof, dann gibt es eine Taskforce Notunterkunft und die Stabsstelle unter dem ehemaligen Polizeipräsidenten Dieter Glietsch. Alle kümmern sich um Schlafplätze und schaffen es nicht, die Betreiber gut zu betreuen. Glietsch und der Lageso-Präsident Franz Allert können gar nicht miteinander. Da herrscht Funkstille."

Wir bestellen jeden Tag 500 oder mehr Flüchtlinge ein – mit Termin 9 Uhr. Wir wissen aber seit Wochen, dass wir nur maximal 200 abarbeiten können. Ich frage meine Vorgesetzten immer wieder, warum wir nicht realistische Termine verteilen können. Die Antwort lautet, dass das wohl an irgendeiner Richtlinie liegt, die wir einhalten müssen - pro forma."

Im ganzen Lageso gibt es keine Struktur. Ein neues Landesamt für Flüchtlinge muss gut geplant sein und darf kein Schnellschuss werden. Es könnte alles besser gesteuert werden, nur fehlt es einfach an Personal, an guten Leuten und an Räumlichkeiten. Jeder hier im Lageso weiß doch, dass im Frühling die Zahl der Flüchtlinge wieder ansteigen wird. Wir benötigen eine Zahl, dann kann ein neues Flüchtlingsamt planen: Welche Unterkünfte brauchen wir wann?"

 

Hinweis: Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst dürfen nicht ohne Zustimmung Auskunft über ihre Arbeit geben, das übernimmt üblicherweise die Pressestelle. Deshalb geben wir die Aussagen der Lageso-Mitarbeiter hier nur anonymisiert wieder. Mit allen hier zitierten Personen waren wir persönlich in Kontakt.

Ihre Geschichte

Haben Sie ähnliche oder andere Erfahrungen gemacht?

Melden Sie sich bei uns unter inside@rbb-online.de

Beitrag von Julia Camerer und Ansgar Hocke, rbb Reporterpool

Das könnte Sie auch interessieren

Michael Müller zu Gast bei Thadeusz (Quelle: rbb)

Regierender Bürgermeister bei "Thadeusz" - Müller verlangt "gemeinsame Anstrengung"

Strafanzeigen und Rücktrittsforderungen - Sozialsenator Mario Czaja (CDU) muss derzeit viel einstecken, vor allem wegen der chaotischen Zustände am Lageso. Dennoch hält Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) an Czaja fest. Am Dienstagabend rechtfertigte der Regierende seine Flüchtlingspolitik in der rbb-Sendung "Thadeusz".

Aktenstapel auf einem Schreibtisch (Quelle: imago/Margit Brettmann)

Nach Schilderung von Behörden-Mitarbeitern - Empörung über Lageso-Chaos

Die Schilderungen von Lageso-Mitarbeitern haben bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Viele Medien haben die Aussagen über die chaotischen Zustände in der Berliner Behörde aufgegriffen und über die sozialen Netzwerke weiter verbreitet. Die meisten Menschen reagieren mit Empörung - sie halten den Senat für überfordert.