Ein Schokoladen-Weihnachtsmann steht auf einem Tisch in einem Asylbewerberheim (Quelle: dpa)

Update: Mögliche Engpässe in Berlin - Wer kümmert sich Weihnachten um die Flüchtlinge?

Wenn halb Berlin in die Weihnachtspause geht, werden unter anderem jüdische und muslimische Freiwillige in Flüchtlingsunterkünften aushelfen – das christliche Fest zählt für sie nicht zu den religiösen Feiertagen. Auch viele andere Helfer stehen bereit.  Dennoch befürchten manche, dass sich zum Jahresende die Lage zuspitzt. Von Andrea Marshall

Eigentlich wollte sich Nina Peretz über Weihnachten außerhalb Berlins ausruhen. Doch nun hat die Co-Vorsitzende des Vereins "Freunde des Fraenkelufers", einer Initiative der Synagoge in Kreuzberg, einen ganz anderen Plan: Mit etwa 20 jüdischen Freiwilligen will Peretz in der Notunterkunft für überwiegend muslimische Flüchtlinge im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf aushelfen. Küchendienst, Kinderprogramm und die Spendenannahme an Heiligabend wollen die Freiwilligen übernehmen und damit für die Helfer einspringen, die Weihnachten feiern. Für Juden und Muslime ist das Weihnachtsfest kein religiöser Feiertag.

Flüchtlinge leben im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf (Quelle: rbb/Andrea Marshall)
Mit dem Charme einer ehemaligen Behörde: die Flüchtlingsunterkunft in Wilmersdorf

Dass die meisten Bewohner der Unterkunft aus "Israel-kritischen Ländern" stammen, wie es Peretz formuliert, ist für den Verein der Grund, genau dort hinzugehen. Schon Mitte November waren 60 Mitglieder einen Tag lang in dem Heim aktiv. Der aus Israel stammende Koordinator Dekel Peretz schreibt dazu auf der Webseite: "Ich bin damit großgeworden, dass Syrien unser Feind ist – und den meisten Syrern geht es umgekehrt genauso. Jetzt leben wir im gleichen Land und das sollten wir als Freunde tun."

Muslime und Geflüchtete engagieren sich am Lageso

Am notorischen Krisenpunkt der Stadt, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Turmstraße, werden sich über Weihnachten, Silvester und die Tage "zwischen den Jahren" verstärkt Muslime und helfende Geflüchtete für andere Geflüchtete einsetzen, heißt es bei der Freiwilligen-Initiative "Moabit hilft". An Heiligabend werden Helfer bis 16 Uhr vor Ort sein, an den Feiertagen arbeitet zumindest eine Nachtschicht und versorgt Wartende und Neuankömmlinge mit Essen, Hygieneartikeln und spontanen Unterkunftsmöglichkeiten. Inzwischen sind immerhin die beheizten Zelte und Container durchgehend geöffnet. "An den Weihnachtstagen dürfen wir aber tagsüber wohl nicht auf dem Gelände sein", schränkt Diana Henniges von "Moabit hilft".

Sie selbst werde, wie viele andere Helfer, über Weihnachten eine Auszeit nehmen. "Wir kriechen auf dem Zahnfleisch." Mit den Muslimen, die für sie einspringen, habe man im Gegenzug vereinbart, für zwei Wochen Entlastung im Januar zu sorgen.

Lageso geschlossen, "Stab" arbeitet durch

Das Lageso selbst ist über die Feiertage und die anschließenden Wochenenden jeweils zweimal vier Tage lang geschlossen. Gleiches gilt für die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Spandau. Trotzdem oder gerade deswegen könnten hier viele Flüchtlinge stranden, befürchtet Henniges: mangels Information und wegen unzureichender Organisation.

Sie vertraut nicht darauf, dass neu in Berlin ankommende Flüchtlinge an den Feiertagen gut untergebracht werden können. Zwar wird der Landesweite Koordinierungsstab für Flüchtlingsmanagement (LKF) auch an Weihnachten und Silvester jeweils 24 Stunden lang besetzt sein. Aber dessen Mitarbeiter könnten kaum freie Wohnplätze vergeben, weil die Unterbringungsleitstelle (BUL), die solche Wohnplätze organisiere, geschlossen sei, kritisiert Henniges. Einen Notfallplan habe der Senat nicht - oder er habe ihn nicht öffentlich gemacht.

Sonderzüge treffen auch "zwischen den Jahren" ein

Beim Senat will man diesen Vorwurf nicht gelten lassen. "Es werden Vorkehrungen getroffen,  damit an diesen Tagen ausreichend Unterkünfte zur Verfügung stehen und Neuankömmlinge kurzfristig  untergebracht werden können", sagt Sascha Langenbach, Sprecher der Sozialverwaltung.

Derzeit kommen durchschnittlich 400 Geflüchtete täglich in Berlin an - auf diesem Niveau werde sich der Zuzug voraussichtlich halten, wie die Sozialverwaltung am Mittwoch mitteilte. Auch zwischen den Jahren werde täglich ein Sonderzug mit Flüchtlingen in Schönefeld erwartet. Nur am ersten Weihnachtstag und am Neujahrstag rechnet man nicht mit Sonderzügen.

Auszahlungsstau - Geld für Essen knapp?

Manche Helfer sorgen sich, weil mit der Lageso-Schließung insgesamt acht Tage lang kein Taschengeld an Flüchtlinge ausgezahlt wird. Diejenigen, die in Hostels wohnen, seien aber auf das Geld angewiesen, weil sie sich selbst mit Lebensmitteln versorgen müssten, sagt die Aktivistin und Autorin Annika Reich. Doch schon jetzt gebe es einen "Auszahlungsstau", weil das Lageso mit Terminen zur Bewilligung und Verlängerung hinterherhinke. Sie selbst habe eine Mutter von vier Kindern getroffen, die seit drei Wochen kein Geld mehr bekommen hätte.  

Solche Situationen könnten bald öfter vorkommen. "Es kann sein, dass über Weihnachten viele Menschen über die Stadt verteilt nichts zu essen haben", sagt Reich. Über die Schließung des Lageso und der Kasse würden die Flüchtlinge nicht informiert, könnten also auch keine anderen Orte wie Tafeln aufsuchen.

Sozialverwaltungssprecher Langenbach weist die Kritik zurück. Der "Infopoint" am Lageso sei auch über die Feiertage rund um die Uhr besetzt. Einen Auszahlungsstau will er nicht bestätigen, eine Schlange an der Kasse habe er nicht gesehen.

Die Sozialverwaltung empfiehlt Flüchtlingen, die eine Kassenauszahlung oder eine Kostenübernahme brauchen, sich an den geöffneten Tagen am Lageso anzustellen. Sie würden unabhängig von der Terminvergabe bedient, hieß es am Mittwoch.

Große Betreiber zuversichtlich – oder äußern sich nicht

In den Flüchtlingsunterkünften selbst stellt sich die Situation indes unterschiedlich dar. Große Betreiber sehen keine oder kaum Engpässe, wenn freiwillige Helfer sich in die Weihnachtspause verabschieden: Es stünden genug andere Ehrenamtliche bereit, heißt es etwa bei der Stadtmission und dem Arbeiter-Samariter-Bund.

Die Malteser wiederum sind erst einmal damit beschäftigt, den Umzug von rund 1.000 Flüchtlingen aus der Messehalle ins neu hergerichtete ICC und andere, öffentlich noch nicht bekannte Orte noch vor Weihnachten zu organisieren. In der mit rund 2.200 Bewohnern derzeit größten Berliner Unterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof ist man dabei, zwei weitere Hangars für hunderte Flüchtlinge herzurichten. Bis Weihnachten sollen sie belegt sein. Weder der Betreiber Tamaja noch die Tempelhofer Freiwilligen wollten sich zur Lage an den Feiertagen äußern.

DRK schränkt Freiwilligenarbeit ein - Unmut in Karlshorst

Das Deutsche Rote Kreuz, das knapp 2.800 Geflüchtete in sieben Berliner Einrichtungen versorgt, setzt über die Weihnachtspause auf die hauptamtlichen Mitarbeiter, die den "Regelbetrieb" gewährleisten: Essensausgabe, Reinigung, Sozialarbeit, Security und Einrichtungsmanagement, sagt DRK-Sprecher Rüdiger Kunz. Aktivitäten der freiwilligen Helfer, etwa Deutschunterricht, Kleiderkammer, Basteln oder die Fahrradwerkstatt, seien Zusatzangebote, die dann eben reduziert würden.

Bei den Freiwilligen der DRK-Unterkunft in Karlshorst, in der rund 1.000 Flüchtlinge leben, gibt es derweil Unmut, der sich am Mittwoch noch verstärkte. In der Facebookgruppe "Karlshorst hilft" beklagten sich eine Reihe von Helfern, dass Hausverbote ausgesprochen worden seien. Auch wird berichtet, dass Freiwillige über die Weihnachtspause komplett ausgeschlossen würden.

In der Notunterkunft in Karlshorst fühlen sich Helfer ausgeschlossen

Einen gezielten Ausschluss über die Weihnachtstage hatte DRK-Sprecher Kunz am Montag zurückgewiesen: Die Aktivitäten der Freiwilligen in dieser Zeit richteten sich nach der im Vergleich zum Normalbetrieb geringeren Zahl der Hauptamtlichen. Welche Projekte stattfinden, werde mit der Aufstellung des Hauptamtlichen-Dienstplans entschieden.

Anders als in anderen Flüchtlingseinrichtungen müssen beim DRK laut Kunz alle freiwilligen Helfer ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Spontane Mithilfe ohne das Zeugnis sei nur an bestimmten "Schnuppertagen" möglich. Helfer sagten rbb online, sie fühlten sich reglementiert, es würden unnötige Hemmschwellen errichtet – gerade in der Weihnachtspause, wenn mehr Menschen Zeit hätten. "Wir wollen aus Sicherheitsgründen wissen, wer in unseren Einrichtungen unterwegs ist. In einer Notunterkunft hat man immer auch mit Kindern zu tun", sagt dagegen der DRK-Sprecher.

Beheizung der Turnhallen müssen Betreiber sicherstellen

Eng werden könnte es jedenfalls an den Feiertagen und danach bei kleineren Betreibern, die noch mehr auf die Arbeit der Freiwilligen angewiesen sind. In der Unterkunft Gürtelstraße in Friedrichshain etwa wollen die Helfer deshalb in Kürze einen Feiertagsplan aufstellen. Freiwillige aus Reinickendorf (Cité Foche) und Marzahn (Bitterfelder Straße) melden geplante Weihnachtsbescherungen für Flüchtlingskinder.

Zwei Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Turnhallen äußerten gegenüber rbb online die Befürchtung, dass in den Schulferien wie sonst üblich die Heizung abgestellt werden könnte. "Das wird nicht zentral geregelt", sagt Senatssprecher Langenbach dazu. Jeder Betreiber müsse sich selbst darüber mit dem Hausmeister verständigen.

Ein Mädchen aus Syrien hält bei einer Weihnachtsfeier eine Mandarine und einen Weihnachtsmann aus Schokolade in der Hand (Quelle: dpa)
An vielen Orten bemüht man sich um Weihnachtsflair auch für Flüchtlinge

Spontane Hilfe als Problem – und als Chance

Ein Problem, aber vielleicht auch eine Chance für die Feiertagsbetreuung der Flüchtlinge ist die Spontaneität vieler Freiwilliger. Sie steigen spontan ein – aber auch wieder aus. So gibt es zwar schon jetzt für die Tage vor dem Weihnachtsfest zahlreiche Leerstellen auf den Dienstplan-Plattformen Volunteer-Planner.org und schnell-helfen.de. Aber das kann sich ändern.  

In der Facebook-Gruppe "Place4Refugees in Berlin" zumindest melden sich in diesen Tagen verstärkt Menschen, die ihre Wohnung während ihres Weihnachtsurlaubs Flüchtlingen überlassen möchten.

Andere wiederum laden an Weihnachten Flüchtlinge zu sich nach Hause ein. Oder sie kochen zusammen am zweiten Weihnachtstag – wie die Gruppe "Give Something Back to Berlin", die seit 2013 mit Flüchtlingen in Kreuzberg regelmäßig  Essen zubereitet. Was an diesem Weihnachtsfest auf dem vermutlich "multikulturellen" Speiseplan steht, darf mit Spannung erwartet werden.

Beitrag von Andrea Marshall

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