Am 27.01.2016 stehen Trauerkerzen am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin. Nach Aussage eines Mitarbeiters von "Moabit hilft" soll in der Nacht ein Flüchtling gestorben sein (Quelle: Jörg Carstensen/dpa)
Video: Abendschau | 27.01.2016 | Norbert Siegmund

Polizei und Sozialverwaltung fanden keine Hinweise auf Toten - Helfer hat Tod des syrischen Flüchtlings erfunden

Das Rätsel ist gelöst: Der Helfer von "Moabit hilft" hat zugegeben, die Geschichte vom Tod eines Flüchtlings erfunden zu haben. Er hatte über soziale Netzwerke erzählt, dass ein 24-jähriger Syrer in der Nacht zuvor nach langem Warten vor dem Lageso gestorben war. Warum er das getan hat, bleibt unklar.

 

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Was am Nachmittag noch eine Vermutung war, bestätigte die Berliner Polizei am Mittwochabend: Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass ein junger Flüchtling aus Syrien in der Nacht verstorben sei. Im Gegenteil: Der Helfer habe die Geschichte erfunden. Das hätte er bei der Befragung am Abend zugegeben, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich in rbb aktuell. Der Helfer hätte auch begründet, warum er das getan hat. Das solle er jedoch selbst erklären, so Redlich.

Zweifel an der Geschichte

Den ganzen Tag lang war spekuliert und gerätselt worden. Auch die Sozialverwaltung beteiligte sich an den Ermittlungen und telefonierte alle Aufnahmekrankenhäuser der Stadt ab, wie Sozialsenator Mario Czaja der rbb-Abendschau am Mittwochabend sagte.

Im Lauf des Nachmittags gab es zunehmend Zweifel an der Geschichte des Todesfalls, wie sie seit dem Morgen über die sozialen Netzwerke verbreitet wurde. Der junge Syrer habe tagelang vor dem Lageso gewartet, hieß es dort. Ein Helfer des Flüchtlingsnetzwerks "Moabit hilft" habe den stark fiebernden Mann dann zu sich nach Hause geholt, so das Helferbündnis. Später sei der Geflüchtete im Krankenwagen auf dem Weg in eine Klinik gestorben.

Helfer äußerte sich zunächst nicht

Die Aussagen der ehrenamtlichen Helfer beruhten auf einem Chatprotokoll aus der Nacht und entsprechenden Facebook-Postings des Mannes, der den Flüchtling aufgenommen haben soll. Später wurden die Postings teilweise gelöscht. Diana Henniges, Sprecherin von "Moabit hilft", hatte den Helfer als sehr glaubwürdig bezeichnet und dessen Bericht im Namen des Vereins bestätigt.

Am Nachmittag ruderte der Verein aber ein Stück weit zurück: "Das einzige, was wir heraus gefunden haben ist, dass sich der Helfer in seiner Wohnung verbarrikadiert hat", sagte Henniges vor der Presse auf dem Lageso-Gelände. Er habe in einer SMS mitgeteilt, dass er sich noch früh genug an die zuständigen Behörden wenden wolle. Sein Telefon sei ausgeschaltet, seine Wohnungstür öffne er nicht.

Christiane Beckmann (l) und Diana Henniges von der Initiative "Moabit hilft" vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin (Quelle: dpa / Jörg Carstensen)
Die "Moabit hilft"-Sprecherinnen Christiane Beckmann und Diana Henniges bei der Pressekonferenz vor dem Lageso

Bündnis steht weiter zu Helfer

Das änderte sich erst am frühen Abend. Polizisten suchten den Helfer in seiner Wohnung auf und befragten ihn zu den Ereignissen, wie die rbb-Abendschau berichtete. Die Polizei gab daraufhin bekannt: "Wir haben keinen toten Flüchtling." Erst später am gleichen Abend gab der Helfer schließlich zu, sich den Vorfall ausgedacht zu haben.

Zuvor hatte Henniges in einer improvisierten Pressekonferenz gesagt, es sei "eine Katastrophe für uns", sollte sich herausstellen, dass es gar keinen Todesfall gab. Denn "das würde bedeuten, dass wir unseren ehrenamtlichen Helfern nicht mehr trauen können." Sie stand jedoch auch am Abend noch zu ihrem Mitarbeiter. Er sei ein vertrauenswürdiger Mann und man glaube ihm, sagte sie in der Abendschau.

Das Bündnis "Moabit hilft" hatte die Situation vor dem Lageso für den angeblich schlechten Gesundheitszustand des Syrers verantwortlich gemacht. "Die Wärmezelte am Lageso fassen nur 200 Leute, aber in den vergangenen Wochen kamen bis zu 600 Menschen, die tagsüber in der Kälte stehen mussten", sagte Henniges rbb online.



Czaja will Ehrenamtliche "nicht missen"

Sprecherin Diana Henniges hatte den Todesfall am Mittwochvormittag noch bestätigt. Der Helfer engagiere sich seit langem für Flüchtlinge, sagte sie dem rbb. Er habe den Syrer am Dienstagabend "aus der Wartesituation am Lageso heraus geholt, weil er gesehen hat, dass es ihm gar nicht gut geht". Er habe zudem nichts zu essen gehabt, weil das Lageso das Geld dafür nicht ausgezahlt habe.

Sozialsenator Czaja wies die Kritik an den Zuständen vor dem Lageso zurück. Es habe sich in den vergangene Monaten viel verbessert, sagte er in der rbb-Abendschau. Die Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Helfern und ihre Unterstützung in den Flüchtlingsunterkünften sei sehr wichtig - er wolle sie nicht missen, so Czaja. Man dürfe nicht alle über einen Kamm scheren, auch wenn sich die Geschichte des Helfers als falsch herausstelle.

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