Flüchtlinge am Lageso (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 27.01.2016 | Norbert Siegmund

"Moabit hilft" in der Kritik - Ein erfundener toter Flüchtling und die Folgen

Die Nachricht vom angeblichen Tod eines jungen Syrers hielt am Mittwoch die Berliner Behörden, Politiker und Medien in Atem – bis sich herausstellte, dass ein Flüchtlingshelfer die Geschichte erfunden hatte. Innensenator Henkel macht der Initiative "Moabit hilft" schwere Vorwürfe und fordert "rechtliche Konsequenzen". Auch das Abgeordnetenhaus diskutiert den Fall.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) geht mit einem Flüchtlingshelfer und der Initiative "Moabit hilft" hart ins Gericht. Die Initiative hatte am Mittwoch die Meldung verbreitet, ein junger Syrer sei als Folge der Zustände vor dem Lageso gestorben. In einer Stellungnahme bezeichnete der CDU-Politiker dies am Donnerstagmorgen als "eine der miesesten und perfidesten Aktionen", die er jemals erlebt habe. "Für dieses schändliche Verhalten fehlt mir jedes Verständnis", fügte Henkel im rbb-Inforadio hinzu.

Verantwortung trüge auch das Bündnis "Moabit hilft", schrieb Henkel zuvor in seiner Stellungnahme. Wer solche Gerüchte streue und ungeprüft weiterverbreite, vergifte die Stimmung in der Stadt. Solch ein Fehlverhalten dürfe nicht ohne rechtliche Konsequenzen bleiben.

Laut einem Sprecher der Berliner Polizei habe der Flüchtlingshelfer aber keine Straftat begangen. Er habe keinerlei Tatbestände erfüllt, sagte ein Polizeisprecher, deshalb ermittle die Polizei auch nicht in diese Richtung. Auch die Staatsanwaltschaft Berlin sieht auf Anfrage von rbb online keinen Anfangsverdacht für eine Straftat.

Gegenseitige Vorwürfe unter den Abgeordneten

Der Fall wurde auch in der Plenarsitzung des Berliner Abgeordnetenhauses am Donnerstag heftig diskutiert. CDU-Fraktionsvize Stefan Evers warf einigen Oppositionspolitikern vor, sie hätten die Nachricht ungeprüft sofort genutzt, um Sozialsenator Mario Czaja (CDU) heftig anzugreifen und dessen Rücktritt zu fordern. Namentlich nannte er Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop und Christopher Lauer von der Piratenfraktion. Beide hatten sich in Interviews und auf Twitter entsprechend geäußert. Evers nannte die Stellungsnahmen einen "Tiefpunkt, wie wir es noch nicht erlebt haben. Das ist mies und perfide."

Gegen diese Vorwürfe protestierten die Abgeordneten der Grünen, Linken und Piraten. Evers würde pauschal diffamieren, gaben sie den Vorwurf zurück. "Dass dort kein Mensch gestorben ist, das ist die beste Nachricht des gestrigen Tages", sagte der rechtspolitische Sprecher der Linke-Fraktion, Klaus Lederer. Dass ein Helfer so eine falsche Nachricht in die Welt gesetzt habe, sei "tragisch und nicht akzeptabel" - und werde den Helfern selbst am meisten weh tun. Auch Lauer wies in einer persönlichen Erklärung die Kritik von Evers zurück. Er habe stets im Konjunktiv getwittert.

Integrations-Senatorin Dilek Kolat (SPD) kommentierte am Mittwochnachmittag: "Ich habe noch keine Informationen, aber ich bin unendlich traurig." 

Entschuldigung kursiert auf Facebook

Warum sich der Helfer die Geschichte ausgedacht hatte, ist noch nicht geklärt. Auf Facebook kursierte am Donnerstag zeitweise eine Entschuldigung, die von einem Profil mit dem Namen und dem Foto des Mannes veröffentlicht wurde. Doch das Profil ist ebenso wie der Originalpost gelöscht, die Entschuldigung nur noch als Screenshot im Umlauf. Ob sie echt ist, bleibt deshalb unklar.

Der Helfer sei durch sein ehrenamtliches Engagement an die Grenzen der psychischen und körperlichen Belastung gekommen, hieß es in dem Text. Auch von "zu viel" Alkohol war die Rede.  

Eine Expertin hält den Fall nicht für ungewöhnlich: "Das Phänomen ist recht gut bekannt - etwa bei freiwilligen Helfern bei Katastropheneinsätzen", sagte die Psychologin Isabella Heuser von der Berliner Charité. "Das sind in der Regel übermotivierte Menschen, die entweder ausbrennen oder eben so etwas erfinden." Hinzu komme ein starker Geltungsdrang.

Viel Kritik an "Moabit hilft"

Die Pressesprecherin von "Moabit hilft", Diana Henniges, räumte auf Radioeins ein, dass man einen großen Fehler gemacht habe. "Moabit hilft" müsse sich professionalisieren, man müsse aus den Fehlern lernen. "Wir sind eben kein mittelständisches Unternehmen, das Fußleisten herstellt, sondern Ehrenamtler. Wir werden künftig besser überprüfen und intensiver miteinander sprechen müssen", sagte Henniges. Auch auf seiner Facebook-Seite wird der Verein in den über 200 Reaktionen auf seine Stellungnahme mit viel Kritik konfrontiert. Andere Nutzer äußern aber auch Verständnis.

"Unsere Glaubwürdigkeit ist natürlich angeknackst", sagte Henniges. "Wir werden in Zukunft immer wieder Rechtfertigungsdruck haben." Letztlich habe der Mann den Flüchtlingen, denen er eigentlich helfen wollte, geschadet. "Das Ende ist, dass wir weniger Spenden und weniger Helfer bekommen werden."

Czaja bemüht sich um Deeskalation

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) hatte am Mittwochabend in der rbb-Abendschau mildere Töne angeschlagen als Henkel. "Ich bin nicht der Auffassung, dass man zu Vorverurteilungen oder Allgemeinverurteilungen kommen sollte, wenn eine Person etwas getan hat, das für uns schwer verständlich ist."

Der 39-jährige Flüchtlingshelfer, um den es geht, war seit Monaten dauerhaft bei "Moabit hilft" engagiert und hatte laut den Ehrenamtlern immer wieder Flüchtlinge bei sich zu Hause aufgenommen. Er verbreitete in der Nacht zu Mittwoch auf Facebook die Meldung, dass ein syrischer Flüchtling gestorben sein soll, der zuvor tagelang in der Kälte vor dem Lageso angestanden hatte. In einem inzwischen gelöschten Chat mit einer weiteren Flüchtlingshelferin berichtete er detailliert, wie der Flüchtling hohes Fieber und Schüttelfrost bekommen haben soll. Daraufhin habe er einen Krankenwagen gerufen. Auf dem Weg ins Krankenhaus sei der Syrer dann angeblich an einem Herzinfarkt gestorben.

"Moabit hilft" verbreitete eine Traueranzeige

"Moabit hilft" hatte die Schilderung des Mannes auf Medienanfragen hin als authentisch bezeichnet. Der Verein verbreitete später eine Traueranzeige. Rbb online und viele weitere Medien berichteten unter Verweis auf die Quelle "Moabit hilft". Vor dem Lageso legten Flüchtlingshelfer Kerzen und Blumen nieder, Oppositionspolitiker wie Christopher Lauer (parteilos, Mitglied der Piraten-Fraktion) und Ramona Pop (Grüne) forderten den Rücktritt von Sozialsenator Mario Czaja (CDU), falls die Geschichte zutreffe. In Koalitionskreisen selbst wurden nach Informationen des rbb Rücktritts-Szenarien durchgespielt.

Einen Tag zuvor hatte Sozialsenator Czaja einen hohen Krankenstand in der Behörde eingeräumt, nachdem Heimbetreiber zuvor erneut massive Mißstände angeprangert hatten.

Christiane Beckmann (l) und Diana Henniges von der Initiative "Moabit hilft" vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin (Quelle: dpa / Jörg Carstensen)
Die "Moabit hilft"-Sprecherinnen Christiane Beckmann und Diana Henniges räumten inzwischen Fehler einn

Rund 30 Mitarbeiter der Sozialverwaltung prüften den angeblichen Todesfall

Parallel waren laut Tagesspiegel bei der Sozialverwaltung für Soziales von 7 bis 15 Uhr insgesamt rund 30 Angestellte damit beschäftigt, die Angaben des Flüchtlingshelfers zu prüfen. Auch die Berliner Krankenhäuser und die Feuerwehr suchten nach dem Rettungswagen, in dem der Flüchtling einen Herz-Stilstand erlitten haben soll und nach dem Krankenhaus, in dem sein Tod festgestellt worden sein soll - vergeblich.

Am Mittwochnachmittag ruderte "Moabit hilft" schließlich ein Stück weit zurück: Der Helfer habe sich in seiner Wohnung verbarrikadiert, sein Telefon sei ausgeschaltet, seine Wohnungstür öffne er nicht. Am Abend gestand der Mann der Polizei, dass er sich die Geschichte nur ausgedacht habe. Der Helfer hätte auch begründet, warum er das getan hat. Das solle er jedoch selbst erklären, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich dem rbb.

"In Zukunft wird man uns wahrscheinlich weniger glauben"

"Moabit hilft"-Sprecherin Henniges sagte dazu im rbb, der Mann sei nach wie vor abgetaucht und es sei noch immer zu keinem Gespräch mit ihm gekommen. "Bei jemandem, der sich so eine perfide und detailreiche Geschichte ausdenkt, kann es sich eigentlich nur um eine psychologische Reaktion auf die Arbeit handeln, aber das ist reine Spekulation. Er muss es selbst mit seinem Gewissen ausmachen können, welchen Bärendienst er damit unserer Flüchtlingshilfe erwiesen hat. In Zukunft wird man uns wahrscheinlich weniger glauben", bilanzierte Henniges.

Henkel: "Tempo rausnehmen"

Innensenator Henkel kritisierte am Donnerstag auch die Berichterstattung über die Sache. "Die Nachrichtenlage der letzten Tage ist doch insgesamt ein Warnsignal. Ich finde, es wird Zeit, wieder etwas Tempo rauszunehmen." Henkel sagte weiter: "Wenn das so weitergeht, bekommen wir ein echtes Problem. Das macht uns am Ende allen das Leben schwer. Den Behörden, den Medien, unserer ganzen Gesellschaft, und das dürfen wir nicht zulassen", sagte Henkel. In diesem Atemzug nannte er die "russische Propaganda über die erfundene Skandalgeschichte aus dem Netz", in der es um die angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen aus Berlin-Marzahn geht. Rbb online hatte, wie andere Medien auch, hier frühzeitig berichtet, dass laut Berliner Polizei gar keine Vergewaltigung stattgefunden haben soll.

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft keine Straftat feststellen können und trotzdem von keinem toten Flüchtling ausgehen, entsteht logischerweise der Verdacht, das auf Druck der Senatsversager Henkel und Czaja und/oder anderer Machthaberfiguren vertuscht werden soll, das die menschenverachtenden Zustände am Landesamt für "Gesundheit" uund "Soziales" ein erstes (?) Todesopfer gefordert haben. Verleumdung wäre nach § 187 des Strafgesetzbuches (www.gesetze-im-internet.de/gesetze-und-verordnungen/S/StGB) ein Straftatbestand.

    Möglich wäre es andererseits, das der Helfer dem Druck der menschenverachtenden Zustände am Lageso nicht mehr gewachsen war und versuchte, durch eine öffendliche Eskalation die politisch Verantwortlichen zu einem situationsgemässem Handeln zu zwingen. Vielleicht waren sich dann Polizei und Staatsanwaltschaft zu schade, gegen diese psychisch gebrochene Person auch noch ein Strafverfahren einzuleiten.

  2. 5.

    "Moabit hilft" sollte sich zunächst von den Sprecherinnen Christiane Beckmann und Diana Henniges trennen. Beide sind nach ihrem Auftritt vom Mittwoch untragbar geworden. Da hilft auch das Einräumen eines Fehlers am Tag danach nicht mehr.

  3. 4.

    Da offenbart sich der Fluch der sozialen Netzwerke: JEDER kann ungeprüft erst einmal ALLES behaupten. Je nach Interessenlage verbreitet es sich dann wie ein Lauffeuer...und irgendwas wird schon kleben bleiben, am LaGeSo, an der Politik, an der Debatte an sich (-> starb da nicht mal ein Flüchtling in Berlin in der Kälte?)
    Und Journalisten sind kaum besser: Sie verbreiten diese Nachrichten so schnel es geht, ungeprüft. Nur nicht der Letzte sein, der darüber berichtet.

  4. 3.

    Oh, ja. Nun kommen sie wieder alle aus ihren Löchern....Da hat einer gehörigen Bockmist gemacht, und alle werden verunglimpft. Der Hr. Henkel soll mal nicht so großspurig tun, den gäbe es Moabit hilft nicht, wäre die Situation sehr viel schlimmer. Aber ich weiß schon, was nun wieder für Kommentare folgen werden. Liebe Mithelfer, beim nächsten mal infos besser prüfen, ansonsten weiter so!!!

  5. 2.

    Armes krankes Hirn... ( oder vielleicht gar kein Hirn ? )

  6. 1.

    Todesanzeige und viel TamTam- ach wie gerne verbreitet man doch "Halb-" Wahrheiten die einem gerade in den Kram passen.
    Im Gegenzug verdreht man dann Tatsachen als "Propaganda" die einem nicht genehm sind.
    Moabit hilft ist auch hier noch nicht mal die Spitze des Eisbergs. Wer solche brisanten Meldungen ungeprüft verbreitet und noch dramatisch ausschmückt, sollte sich zukünftig gänzlich mit Veröffentlichungen zurückhalten.

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