In einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof sind am 09.12.2015 Kabinen aufgestellt, die Flüchtlingen als Zimmer dienen. (Quelle: rbb/Mara Nolte)
Video: Abendschau | 04.01.2016 | Florian Eckardt

Unterbringung in Tempelhof besonders in der Kritik - Berliner Initiativen fordern Ende der "Massenlager"

Fast 80.000 Flüchtlinge sind 2015 nach Berlin gekommen. Der Senat setzt bei der ersten Unterbringung auf Massenunterkünfte, etwa in Turnhallen, dem ICC oder dem Ex-Flughafen Tempelhof. Berliner Initiativen sprechen von einer "Ghettoisierung" und katastrophalen Zuständen - und stoßen sich besonders an den Bebauungsplänen für das Tempelhofer Feld.

An der Unterbringung von Flüchtlingen in Berlin ist erneut scharfe Kritik laut geworden. Bürgerinitiativen sprachen am Montag von "katastrophalen Zuständen" in Hallen mit mehreren hundert Menschen.

In den Hangars auf dem Gelände des früheren Flughafens Tempelhof leben den Angaben zufolge derzeit 2.500 Flüchtlinge. Der Flüchtlingsrat Berlin sowie weitere Flüchtlingsinitiativen bemängelten eine fehlende Privatsphäre sowie fehlende individuelle Koch- und Waschmöglichkeiten. Wasser, Abwasser und Sanitäranlagen befänden sich "auf Dritte-Welt-Niveau", sagte Irmgard Wurdack, Sprecherin des "Bündnis Neukölln".

"Frontalangriff auf die Demokratie"

Nach Plänen des Berliner Senats sollen auf dem früheren Flughafengelände in den nächsten Monaten bis zu 15.000 Flüchtlinge untergebracht werden. Zusätzlich zu den bereits belegten Hangars sollen auf den Flächen seitlich des betonierten Vorfeldes Traglufthallen errichtet werden. Dies sei unverantwortlich, sagte der Sprecher des Berliner Flüchtlingsrats, Georg Classen. Wurdack vom "Bündnis Neukölln" warnte vor einer "Ghettoisierung". Kerstin Meyer von der Initiative "100% Tempelhofer Feld" sprach von einem geplanten "Großlager" für Flüchtlinge.

Die Initiativen kritisierten zudem die Baupläne für das Tempelhofer Feld als "Frontalangriff auf die Demokratie". Das Gesetz zur Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen, über das noch im Januar im Abgeordnetenhaus abgestimmt werden soll, sehe als einzige Maßnahme die Aufhebung des Bauverbots auf dem Tempelhofer Feld vor, hieß es in einer Mitteilung von Montag. "Damit wäre der erfolgreiche Volksentscheid zum Erhalt des Tempelhofer Feldes im Handumdrehen ausgehebelt."

Flüchtlingsrat: Senat hält eigene Standards nicht ein

Die Initiativen schlagen nun alternative Unterbringungsmöglichkeiten vor. So gehen sie davon aus, dass 5.000 bis 10.000 Flüchtlinge bei Angehörigen untergebracht werden könnten. Zudem könne man sofort die schätzungsweise rund 10.000 illegalen Ferienwohnungen zur Unterbringung nutzen, wie sie auf einer Pressenkonferenz erklärten. Weitere Wohnungen könnten zudem entstehen, indem man eingeschossige Supermärkte aufstocke.

"Wir haben den Eindruck, dass der Senat nur auf Massenlager setzt", kritisierte Georg Classen vom Flüchtlingsrat. Hier seien die Verhältnisse oft menschenunwürdig, der Senat halte seine eigenen Mindeststandards nicht ein.

Massenunterkünfte könnten zwar kurzfristig Obdachlosigkeit verhindern, auf Dauer seien sie aber die schlechteste Wohnform für Flüchtlinge. Natürlich sei es nicht einfach, auf die Schnelle Wohnung für so viele Menschen zu finden, räumt Classen ein. Aber so lange wie jetzt müsse es auch nicht dauern. "Wir erleben momentan, dass Flüchtlinge, die eine Mietwohnung gefunden haben, wochenlang warten, bis das Lageso die Konditionen geprüft hat. Und dann sagt das Lageso zum Beispiel 'Ihr seid drei Personen, 48 Quadratmeter ist zu klein, drei Personen brauchen 50 Quadratmeter'."

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