Hinweisschild für eine Notunterkunft (Quelle: rbb/radioeins)

Obdachlose und Flüchtlinge in den Notunterkünften - Kaum Neid, aber manchmal ein Grummeln

Gerade jetzt im Winter sind die Berliner Notunterkünfte für Obdachlose oft überfüllt. Auch viele Flüchtlinge haben keine Wohnungen. Stehen sie mit den Obdachlosen in Konkurrenz um die Übernachtungsplätze? Von Matthias Bertsch  

Mittwochabend in der Franklinstraße in Charlottenburg. Die Notübernachtung mit ihren gut 70 Schlafplätzen ist die älteste in Berlin. Die Zielgruppe sind, wie bei den anderen Notübernachtungen der Kältehilfe, deutsche Obdachlose und Migranten aus Osteuropa, die auf der Suche nach Arbeit in Berlin auf der Straße gelandet sind. Doch immer wieder stehen auch Flüchtlinge vor der Tür, erzählt der Leiter der Einrichtung, Jürgen Mark:  "Vergangene Nacht kamen sehr spät am Abend zum Beispiel noch zwei Männer aus dem Irak, die frisch in Berlin eingetroffen waren. Irgendjemand hat denen unsere Adresse genannt als eine Möglichkeit, die Nacht zu überbrücken - und das haben wir natürlich getan. Heute Morgen in aller Frühe haben wir sie dann zum Lageso in die Turmstraße geschickt."

Neid gibt es kaum

Rund zehn Prozent der Übernachtenden seien Flüchtlinge, aber von einer ablehnenden Haltung der Obdachlosen sei nicht viel zu spüren. Die wenigsten von ihnen wollen sich vor dem Mikrofon äußern, aber die, die es tun, bestätigen diese Einschätzung. "Ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass ich mit Flüchtlingen in Konkurrenz stehe", erzählt ein Obdachloser. In der Unterkunft seien wenige Flüchtlinge, die seien in anderen Heimen untergebracht. "Ich fühle mich jedenfalls in keiner Form irgendwie als Konkurrent", fügt der Mann hinzu.

Nein, Neid gebe es kaum, pflichtet ihm ein anderer bei, nur manchmal ein Grummeln - etwa wenn ein Flüchtling einen Platz bekommen hat und die Unterkunft dann voll ist. "Das ist schon mies", so der zweite Obdachlose. "Dann denkt man sich: Okay, derjenige hat es warm und hat eine Unterkunft. Ich muss jetzt erst mal gucken, wo ich schlafe. Das ist dann schon blöd.“

Beide Gruppen streng getrennt

Eine solche Äußerung würde wohl viel häufiger fallen würde, hätten die Organisatoren der Kältehilfe nicht frühzeitig auf die Gefahr einer möglichen Konkurrenz zwischen Obdachlosen und Flüchtlingen hingewiesen. Die Befürchtung liegt nahe angesichts mehrerer zehntausend Flüchtlinge in Berlin und der nur gut 700 Übernachtungsplätze im Rahmen der Kältehilfe. Um Konflikte zu vermeiden, habe der Senat deswegen bereits im Spätsommer entschieden, die Unterbringung der beiden Gruppen zu trennen und für Flüchtlinge gesonderte Unterkünfte wie Turnhallen bereitzustellen, sagt der Koordinator der Kältehilfe, Johannfried Seitz-Reimann. Das sei auch gelungen. "Das heißt, die Notschlaf-Plätze, die wir haben, stehen auch weitestgehend den obdachlosen Menschen und natürlich auch den Osteuropa-Migranten zur Verfügung", so Seitz-Reimann.

Um zu verhindern, dass Flüchtlinge in der Kältehilfe landen, können sich die Mitarbeiter der Notübernachtungen jederzeit an die Notfallnummer des Koordinierungsstabes für Flüchtlingsmanagement wenden, eine Option, die auch Jürgen Mark sehr schätzt. Nach zehn bis 15 Minuten bekomme er einen Rückruf und ihm werde eine Adresse genannt, zu der er die Flüchtlinge schicken könne. "Insofern denke ich, dieses System funktioniert, weil man sich im Vorfeld abgesprochen hat, weil man versucht hat, diese beiden Personenkreise auch wirklich auseinander zu halten. In Ausnahmefällen ist es nicht sinnvoll, es zu tun, aber in aller Regel machen wir es und es klappt.“

"Mich hat Merkel nicht gefragt"

Die anderen Notübernachtungen berichten Ähnliches. Auch in den anderen Bereichen der Kältehilfe - Suppenküchen, Tagesstätten oder Kleiderkammern - gibt es kaum Spannungen, weil die beiden Gruppen weitgehend getrennt sind. Die Kleiderausgabe der Berliner Stadtmission zum Beispiel hat bis 13 Uhr für Flüchtlinge geöffnet, danach sind die Obdachlosen dran. So lassen sich unangenehme Situationen vermeiden, sagt die Leiterin der Ausgabe, Fatin El-Hajj-Chehade. "Die Obdachlosen sind manchmal angetrunken, die Flüchtlinge haben Kinder dabei und es ist nicht schön, wenn die zusammentreffen", berichtet sie, "weil Obdachlosen untereinander ein bisschen laut reden und die Kinder und die Flüchtlinge Angst bekommen, weil sie aus einem Land kommen, aus dem sie geflüchtet sind."

Trotz der unterschiedlichen Ausgabezeiten kommt es immer wieder vor, dass Flüchtlinge und Obdachlose aufeinandertreffen und ins Gespräch kommen – oft mit Hilfe El-Hajj-Chehades, die selbst vor mehr als 35 Jahren aus dem Libanon nach Berlin gekommen ist. Dann entsteht manchmal auf beiden Seiten ein Interesse an der Lebensgeschichte des jeweils anderen. Doch es gibt auch andere Reaktionen. Vor der Stadtmission steht ein kräftiger Mann, an dessen Kleidung und vor allem Zähnen man erahnen kann, dass er auf der Straße lebt. Er wartet darauf, dass die Kleiderausgabe für die Obdachlosen beginnt. Auf die Frage, ob er die Flüchtlinge als Konkurrenten sehe, sagt er "Ja" - und dann noch "Mich hat Merkel nicht gefragt, ob ich die Flüchtlinge hier haben will." Vor dem Mikrofon will sich allerdings nicht äußern. Er lacht nur - und es klingt verbittert.

Beitrag von Matthias Bertsch

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