Irakische Flüchtlinge kehren zurück in die Heimat (Quelle: dpa)

Irak-Flüchtlinge kehren freiwillig heim - "Hier kann ich nicht mehr leben"

Ewiges Anstehen bei den Behörden, keine Freunde, nichts zu tun und auch keine Perspektive: Ihren Aufenthalt in Deutschland hatten sich viele irakische Flüchtlinge offenbar ganz anders vorgestellt - außerdem vermissen sie ihre Familien. Einige von ihnen reisen nun trotz angespannter Sicherheitslage freiwillig zurück. 

Zahlreiche irakische Flüchtlinge reisen trotz angespannter Sicherheitslage freiwillig in ihre Heimat zurück. Allein am Mittwoch flogen Dutzende Iraker vom Flughafen Tegel aus in ihr Heimatland. Auf diesem Weg hätten in den vergangenen vier Monaten viele irakische Flüchtlinge Deutschland verlassen, sagt Reisebüro-Inhaber Alaa Hadrous. In seinem Büro unweit des Lageso in Moabit können Tickets für die wöchentlichen Direktflüge nach Erbil und Bagdad gebucht werden.

"Freiwillige Ausreisen in Krisenländer sind keine Einzelfälle", erklärt auch Johann Ehrnsperger vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg. Es gibt offenbar zwei Gründe dafür, dass immer mehr Iraker zurück nachhause wollen. Zum einen hat sich die Sicherheitslage in einigen Gebieten in ihrem Heimatland seit der letzten Offensive der irakischen Armee gebessert – die Terrororganisation IS ist dort nicht mehr so stark – und zum anderen sind viele der irakischen Flüchtlinge offenbar enttäuscht von dem, was sie hier in Deutschland erlebt haben.

Die Schlange vor dem Iraqi-Schalter ist lang

"Viele hatten ganz andere Vorstellungen von Deutschland. Sie dachten, sie würden gleich ein sehr schönes Leben führen", sagt Alaa Hadrous. Am Flughafen Tegel bestätigt sich dieser Eindruck. Die Schlange vor dem Iraqi Airways-Schalter ist lang. Fast nur junge Männer, viele davon aus den kurdischen Gebieten im Norden Iraks, drängen sich vor dem Check-In. Kaum einer von ihnen kann Deutsch oder Englisch. Doch ein Freund eines Rückkehrers übersetzt, warum dieser von Deutschland wieder in den Irak will. "Er sagt, dass es hier nicht gut ist für ihn, weil er in einem kleinen Dorf an der tschechischen Grenze leben musste. Dort gab es nichts zu tun. Es gab keine Freunde und keine Perspektive". Außerdem hätten ihn viele Einheimische als Ausländer nicht gemocht. Deshalb gehe er jetzt wieder zurück.

Ähnliche Argumente sind auch von anderen Ausreisenden zu hören: Leben im Sechsbett-Zimmer, ewiges Anstehen bei den Behörden. Sie fühlen sich nicht respektiert und vermissen ihre Familien. Die Rückreise koste pro Person 295 Euro, die die Flüchtlinge in der Regel selbst aufbringen müssen.

Bei Reisebüro-Inhaber Alaa Hadrous zahlten viele auch mit Schmuck. Im Juweliergeschäft neben dem Reisebüro konnten sie diesen verkaufen. "70 Cent habe ich noch", sagt einer der Iraker und dreht seine Taschen um. "Aber hier kann ich nicht mehr leben. Ich möchte nur noch zurück zu meiner Familie."

Statistisch erfasst werden nur Rückkehrer aus Förderprogrammen

Konkrete Zahlen zu den freiwillig Ausreisenden gibt es nicht. Denn statistisch erfasst werden nur Fälle, in denen Flüchtlinge ein spezielles Förderprogramm zur freiwilligen Rückkehr nutzen.

Im Dezember waren dem Bundesamt für Migration zufolge rund 200 Iraker. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen, denn immer mehr Iraker lassen sich Reisepapiere ausstellen. 2015 händigten die irakischen Vertretungen in Deutschland rund 1.400 solcher Dokumente aus, allein 1.250 davon zwischen Oktober und Dezember. Das Auswärtige Amt bestätigte entsprechende Berichte.

Im Jahr 2015 beantragten 31.379 Iraker Asyl in Deutschland.

Mit Informationen von Hendrik Schröder, radioeins

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