Provisorische Unterkunft für Flüchtlinge in einer Turnhalle (Quelle: imago/epd)

Senat unterstützt Schulen - 2.000 Euro als Ausgleich für belegte Turnhallen

An vielen Berliner Schulen fällt derzeit Sportunterricht aus, weil in ihren Turnhallen Flüchtlinge einquartiert wurden. Nun sollen die Schulen Geld an die Hand bekommen, um Alternativen zu finanzieren - wie Schwimmstunden oder Eislaufen. Aus dem stark betroffenen Bezirk Pankow hieß es dennoch, das Problem werde "verniedlicht".

Schulen, deren Turnhallen mit Flüchtlingen belegt sind, sollen vom Berliner Senat einen finanziellen Ausgleich bekommen. Das teilte die Bildungsverwaltung am Dienstag mit. Mit 2.000 Euro monatlich könnten die Schulen künftig den Ausfall von Sportunterricht kompensieren - beispielsweise durch zusätzlichen Schwimmunterricht, Eissport oder andere Bewegungsangebote.

In Berlin gibt es etwa 1.050 Turn- und Sporthallen - 49 davon sind laut Gesundheitsverwaltung derzeit mit Flüchtlingen belegt. In vielen Bezirken muss der Unterricht daher umorganisiert werden, er wird in andere Hallen verlegt oder fällt aus.

Pankower Stadträtin: Problem wird verniedlicht

Sportvereine und Elternvertreter kritisieren die Flüchtlingsunterbringung in Turnhallen. "Leerstehende Krankenhäuser, Rathäuser und andere Verwaltungsgebäude werden nicht genutzt, stattdessen greift man auf schnelle Lösungen zurück und beschlagnahmt immer wieder Turnhallen", sagte der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise.

Die Pankower Sport-Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) sprach von rund 700 Sportstunden pro Woche, die im Bezirk ausfielen. Dies sei nicht mehr aufzufangen. "Die Hallen waren ja vorher alle knackevoll belegt, denn Pankow hat aufgrund der Bevölkerungsexplosion schon seit Jahren zu wenig Sporthallen", kritisierte die Stadträtin. Im Bezirk sind acht Hallen mit Flüchtlingen belegt und damit berlinweit die meisten.

Zürn-Kasztantowicz kritisierte auch, wie die Turnhallen gezählt werden. Nur moderne Hallen mit mehreren Feldern könnten als Notquartiere für Flüchtlinge genutzt werden - nicht aber kleine, innenliegende Hallen in Schul-Altbauten. Dennoch zähle jede Halle, auch wenn sie mehrere Teile habe, nur als eine einzige Halle. "Dies ist aber eine Verniedlichung des Problems", so Zürn-Kasztantowicz. Die übrigen kleinen Hallen könnten auch oft nicht für alle Sportarten genutzt werden.

Längere Wegezeiten gehen vom Unterricht ab

Elternsprecher Norman Heise kritisiert zudem, dass durch längere Wege zu den Ausweichhallen der Unterricht verkürze. Laut Senatsverwaltung für Bildung erreichen die Berliner Schüler ihre Ausweichturnhallen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. In der Regel brauchen sie demnach weniger als 15 Minuten pro Strecke.

Aber auch wegen baulicher Mängel fällt Unterricht aus: Insgesamt sind rund 70 Hallen nicht nutzbar, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den Bezirken ergab. Laut Bildungsverwaltung sind aktuell 11.000 Schüler von geschlossenen Turnhallen betroffen.

Es gibt jedoch Aussicht auf Entspannung: Laut Bildungsverwaltung sind bis 2019 in Berlin 40 neue Sporthallen mit je zwei bis vier Hallenteilen geplant. Das entspricht insgesamt etwa 100 bis 120 Hallenteilen.

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