Rathaus Friedenau mit Inforadio-Ü-Wagen / Foto: rbb-Inforadio / A. Miersch
Audio: Inforadio | 17.02.2016 | Annette Miersch

Neue Notunterkunft in Tempelhof-Schöneberg - Rathaus Friedenau nimmt erste Flüchtlinge auf

Die Flüchtlinge können kommen: In den vergangenen Tagen haben rund 100 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer das Rathaus Friedenau in Berlin-Schöneberg zu einer neuen Notunterkunft umgestaltet. Am Mittwoch sind die ersten Asylsuchenden eingezogen. Bis Ende März sollen rund 400 Menschen folgen.

Mit dem Rathaus Friedenau hat der Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg seit Mittwoch eine neue Flüchtlingsunterkunft. Einige wenige Menschen haben am Mittwoch den Anfang gemacht - bis Ende März sollen insgesamt 400 Schutzsuchende folgen.

Zunächst ist das über 100 Jahre alte Gebäude als Notunterkunft vorgesehen, aus der die Flüchtlinge auf andere Einrichtungen verteilt werden sollen. Ab 2017 soll das Rathaus dann selbst zu einer auf Dauer angelegten Gemeinschaftseinrichtung werden. Betreiber der Unterkunft ist der in Cottbus ansässige gemeinnützige Verein "Soziale Initiative Niederlausitz" (SIN), der seit 2006 in der Berliner Sozialarbeit aktiv ist und seit 2015 auch Flüchtlingsunterkünfte betreibt: eine Notunterkunft in Reinickendorf und eine Turnhalle in Kladow.

Auch Familien mit Kindern werden erwartet

Wie rbb-Reporterin Annette Miersch berichtet, waren am Mittwoch die Umbauarbeiten noch in vollem Gange. Armin Wegner, Vereinsvorstand von SIN, ist aber zuversichtlich, dass im Rathaus Friedenau schon bald ein geregelter Betrieb stattfinden wird. Dabei sei die neue Unterkunft vor allem für "besonders schutzbedürftige Menschen" gedacht, zum Beispiel für Familien mit Kindern oder für Rollstuhlfahrer, so Wegner. Neben Mehrbett-Zimmern würden auch Einzelzimmer zur Verfügung stehen: "Wenn der Bedarf besteht, dass eine einzelne Unterbringung erfolgen muss, passiert auch das", sagte Wegner am Mittwoch.

Unterstützt wird der neue Betreiber von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern, die sich in der Bürgerinitiative "Friedenau hilft" zusammengetan haben. Zu einer Info-Veranstaltung am Dienstagabend waren etwa 100 Ehrenamtliche gekommen. Sie wollen künftig diverse Angebote planen, zum Beispiel Lesezirkel, Deutschkurse oder Spielkreise für Kinder. Wegner geht davon aus, dass solche Angebote "auf jeden Fall dazu beitragen zu integrieren".

Überwiegend Zustimmung bei den Nachbarn

Bei den Anwohnern in Friedenau stößt die Unterbringung von Flüchtlingen überwiegend auf Zustimmung. Auf dem Wochenmarkt, unmittelbar vor dem Rathaus auf dem Breslauer Platz, sagte eine Frau, dass sie diese Art der Nutzung gut findet - "bevor das Rathaus leer steht". Außerdem werde in der Gegend "eine Menge geboten". So könnten die Flüchtlinge auch Einkaufsmöglichkeiten nutzen.

Ein Ladeninhaber hat schon gehört, dass es sich bei den künftigen Bewohnern um besonders schutzbedürftige Menschen handelt und glaubt, "dass sie einen möglichst ruhigen Start ermöglicht haben wollen". Neue Kundschaft sehe er in ihnen aber "erst in ferner Zukunft". Ein anderer Anwohner ist überzeugt: "Wir sind hier genau mitten drin und an der richtigen Stelle." Das Rathaus Friedenau sei als Standort gut geeignet, wenn man die Menschen integrieren wolle: "Es ist wichtig, dass sie in innerstädtischen Zentren sind, Kontakt mit Deutschen haben und auch die Sprache lernen und sich an hiesige Gesetze und die Verfassung gewöhnen".

Jugendamt war Ende des Jahres ausgezogen

Es gibt aber auch andere Stimmen. Ein Anwohner fürchtet, dass sich die Flüchtlinge "vermummen" könnten oder die Frauen auf der Straße eine Burka tragen. Inzwischen werde es etwas viel mit den Flüchtlingen, sagt ein anderer Mann. "Langsam muss Schluss sein."

Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin Tempelhof-Schöneberg (Quelle: imago/Caro)
Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg

Erste Pläne, das Rathaus Friedenau zur Flüchtlingsunterkunft zu machen, hatte es schon im vergangenen Sommer gegeben, doch bis es soweit war, mussten noch einige Probleme gelöst werden. So gehört das Gebäude seit 2015 zwar dem Land Berlin, doch bis Ende des Jahres war noch das Jugendamt des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg dort untergebracht.

Wie Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) rbb online am Freitag sagte, sind die Mitarbeiter wie geplant auf andere Standorte verteilt worden. Die Abteilungen, die für die Ortsteile Friedenau und Schöneberg zuständig sind, wurden ins Rathaus Schöneberg verlagert, die für den gesamten Bezirk zuständigen Abteilungen sind in den Tempelhofer Ortsteil Mariendorf gezogen.

Gerhart-Hauptmann-Bibliothek bleibt bis auf Weiteres geschlossen

Offen ist derzeit noch, wie es mit der Gerhart-Hauptmann-Bibliothek weitergeht. Wegen der umfangreichen Umbauarbeiten im Rathaus ist die Bücherei seit Ende des Jahres geschlossen. Da auch die Toilettenanlagen umgebaut wurden, wird die Bibliothek künftig mit einem anderen Zuschnitt leben müssen. Für PC-Arbeitsplätze und Internet komme möglicherweise ein neuer Raum im Untergeschoss in Frage, sagte Kultur-Stadträtin Jutta Kaddatz (CDU) rbb online am Freitag. Dieser müsse aber baulich erst noch erschlossen werden.

Ob die dafür zur Verfügung gestellen Landesmittel (zweimal 300.000 Euro in 2016 und 2017) ausreichen, ist nach Auskunft von Kaddatz noch offen. Bis die Bibliothek ihre reguläre Arbeit wieder aufnehmen kann, werde demnächst wieder der Bücherbus vor dem Rathaus parken - "damit wir in der Umbauzeit unsere Kunden nicht verlieren".

Innenansicht von Flüchtlingsheim im Rathaus Friedenau neu aufgestellt (Quelle: Annette Miersch/rbb)
Ein Flur im Rathaus Friedenau, das 1913 in neobarockem Stil erbaut wurde.

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