Flüchtlingsheim für LSBTI in Berlin-Pankow (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)

Erste Unterkunft für queere Flüchtlinge in Berlin - "Es hat lange gedauert, bis wir gehört worden sind"

Homosexuelle Menschen oder Transgender sind in großen Flüchtlingsunterkünften oft Anfeindungen ausgesetzt. Seit Dienstag gibt es für sie ein eigenes Heim in Berlin-Treptow. Auch die Sozialverwaltung unterstützt das Heim - sieht hier aber auch Argumente dagegen. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Es ist ein grauer und regnerischer Samstagnachmittag, als Dilek Kolat eintrifft – die Frau, auf die alle warten. Die Berliner Integrationssenatorin will sich in Berlin-Treptow ein neues Flüchtlingsheim anschauen, in dem ab Dienstag ausschließlich Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und intergeschlechtliche Menschen wohnen sollen, kurz LSBTI. Das traurige Wetter passt zum eigentlich traurigen Anlass: Denn das Heim wurde nötig, weil LSBTI in den normalen Flüchtlingsunterkünften Drohungen, Anfeindungen und Gewalt oft schutzlos ausgeliefert sind. Trotz dessen versucht Kolat, gute Stimmung zu verbreiten: "Es ist ein sehr guter Tag für die Regenbogenstadt Berlin", sagt sie energisch. Sie sei stolz auf diese Unterkunft und erhoffe sich eine Signalwirkung für die ganze Bundesrepublik.

Noch sind die Räume fast leer

Im krassen Kontrast zu Dilek Kolats ermunternden Worten steht an diesem Tag nicht nur das Wetter, sondern auch das Heim selbst: Das ist nämlich noch deutlich mehr Baustelle als schon gemütliche Unterkunft. Viele Zimmer sind noch so gut wie leer, nur wenige Tische und Stühle stehen einsam im Raum, Betten und Schränke kommen erst am Montag. Es riecht nach frischer Farbe, an vielen Stellen wird noch gehämmert und gebohrt. Die Wände sind weiß, es hallt in den Räumen, und Baustaub liegt auf dem gerade erst verlegten Laminat. Aber ab Dienstag sollen hier in 29 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen 122 Geflüchtete unterkommen.

Luxus erwartet sie nicht: In so gut wie allen Räumen sollen mehrere Betten stehen, manche sogar in Durchgangszimmern. "Das meiste sind Drei-Zimmer-Wohnungen, in denen andernorts eine drei- bis vierköpfige, kleine Familie wohnen würde", erklärt Stephan Jäkel. "Jetzt werden hier doppelt so viele Menschen unterkommen." Jäkel kümmert sich bei der Schwulenberatung Berlin, die das Heim betreiben wird, um homosexuelle Flüchtlinge - und die Unterkunft ist quasi sein Projekt: "Es geht auf den Endspurt zu, das ist alles auf den letzten Drücker, aber wir werden Dienstag mit den ersten drei Wohnungen anfangen und die ersten 17 Geflüchteten willkommen heißen", verspricht er.

Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) bei der Eröffnung einer Unterkunft für queere Flüchtlinge der Schwulenberatung deren Geschäftsführer Marcel de Groot (Quelle: dpa)
Dilek Kolat im Gespräch mit dem Geschäftsführer der Schwulenberatung Marcel de Groot

Berlin ist die zweite Stadt Deutschlands mit einer solchen Unterkunft

Die Schwulenberatung Berlin schätzt, dass allein im letzten Jahr 3.500 bis 4.000 LSBTI-Flüchtlinge nach Berlin kamen. Immer wieder gab es Übergriffe gegen sie: Allein der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) zählte von August bis Dezember 95 Fälle – und das sind nur die, bei denen sich die Opfer selbst an den LSVD gewandt haben. Die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt. Deshalb forderten verschiedene Initiativen und Verbände, die sich für LSBTI einsetzen, schon länger eine spezielle Unterkunft.

Nun ist diese endlich Realität – dank der Schwulenberatung Berlin. 20.000 bis 30.000 Euro hat die für das Berliner Heim vorgestreckt, schätzt ihr Geschäftsführer Marcel de Groot – denn ein Vertrag mit dem Senat ist noch nicht unterschrieben. "Ich glaube, ich habe in den letzten Monaten von keinem Träger gehört, der einen abgeschlossenen Vertrag bei Eröffnung hatte", erzählt Stephan Jäkel und gibt sich zuversichtlich: "Der wird schon kommen." Man gehe meistens in Vorleistung, anders sei solch ein Projekt gar nicht zu realisieren.

Die Unterkunft ist die erste dieser Größenordnung in Deutschland – aber bereits seit dem 1. Februar gibt es im fränkischen Nürnberg eine Unterkunft extra für LSBTI-Flüchtlinge. Allerdings bietet diese nur zehn Plätze auf zwei Etagen – deutlich weniger als das Berliner Pendant. Zudem gebe es dort im Gegensatz zum Treptower Heim keine Betreuung durch Mitarbeiter vor Ort, so Schwulenberatungs-Geschäftsführer Marcel de Groot.

Viele Freiwillige halfen beim Aufbau der Unterkunft

Etwa die Hälfte der Plätze in Berlin ist als Notunterkunft gedacht, in der die Flüchtlinge nur Sachleistungen und die tägliche Verpflegung aus einer hauseigenen Mensa bekommen – ähnlich wie auf dem Tempelhofer Feld. Die andere Hälfte der Plätze wird als Übergangswohnheim angeboten – in diesem müssen sich die Geflüchteten selbst verpflegen und wohnen ähnlich wie in WGs zusammen, nur mit deutlich mehr Leuten auf deutlich weniger Raum.

Beim Aufbau des Heimes halfen viele Menschen "aus der Community", wie Jäkel sagt – freiwillig und unentgeltlich: "Es gab unglaublich viele Anfragen und Angebote, denen wir gar nicht allen nachkommen konnten – damit haben wir wirklich nicht gerechnet!" Jetzt gebe es die ersten Angebote aus dem Kiez, von Nachbarinnen und Nachbarn, das alles sei "wahnsinnig toll."

Für LSBTI-Flüchtlinge ist das neue Heim ein Schutzraum

Die Nachbarn haben es sich genauso wenig nehmen lassen, beim Tag der offenen Tür vorbeizuschauen, wie viele Freunde und Helfer der Schwulenberatung. Unter ihnen ist auch Mahmoud Hassino. Der heute 40-jährige musste 2012 aus Syrien fliehen, weil er als Mann andere Männer liebt – und das kann dort mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Im Juni 2014 kam er schließlich nach Berlin, aber schon, als er sich am Lageso registrieren lassen musste, gab es Probleme: "Meinem Übersetzer hat nicht gefallen, dass ich aus politischen Gründen geflohen bin, an keine Religion glaube und außerdem noch schwul bin", erzählt er. "Deshalb hat er mich einfach verlassen und ich musste mir eine neue Übersetzerin suchen."

Im Flüchtlingsheim ging der Ärger weiter: "Ich habe mit Leuten, für die ich übersetzt habe, Probleme bekommen." Deshalb habe er den Sozialarbeitern gesagt, dass er sich in der Unterkunft nicht mehr sicher fühle, und dann bei Freunden übernachtet, bis sein Asylantrag durch war. Die Chance, sich zu Freunden zu retten, haben die meisten Geflüchteten allerdings nicht – darum ist ein Heim speziell für LSBTI wichtig.

Flüchtlingsheim für LSBTI in Berlin-Pankow (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)

Ob solche Heime die beste Lösung sind, ist umstritten

Bis nun das erste tatsächlich Realität geworden ist, hat es trotzdem Zeit gebraucht: Mehr als ein Jahr ist von der ersten Idee, die im Dezember 2014 noch lediglich eine einzige Wohnung vorsah, bis zur Eröffnung vergangen. "Uns hat es zu lange gedauert, wir hätten es gerne schon im Frühjahr letzten Jahres gehabt", so Stephan Jäkel. Aber zum einen sei der Bedarf immer weiter gestiegen, zum anderen "mussten wir auch Politik und Verwaltung überzeugen, dass die Probleme wirklich massiv sind und es wirklich einen Bedarf gibt". Die größte Schwierigkeit war laut Jäkel, Wohnraum zu finden – aber auch die Zusammenarbeit mit dem Lageso sei nicht immer einfach gewesen: "Es hat lange gedauert, bis wir da gehört worden sind."

Ob es dauerhaft eine gute Lösung ist, die Opfer von Anfeindungen und Gewalt in eigenen Heimen zu separieren, ist umstritten – denn die Homophobie in den Köpfen so mancher Heimbewohner geht davon natürlich nicht einfach weg. Auch Flüchtlingen, die noch nicht geoutet sind, hilft so ein Heim nur wenig. Die Polizei habe die Schwulenberatung außerdem gewarnt, dass die Unterkunft zur Zielscheibe für Anschläge werden könnte. Stephan Jäkel meint aber auch: "Die meiste Zeit, in der unsere Sozialarbeiter Flüchtlingen helfen, ging bislang für die Suche nach sicheren Unterkünften drauf." Die zuständige Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales sagt dagegen: Ein Heim wie das in Treptow sei nicht der Weisheit letzter Schluss, und es gebe genug Argumente dafür, aber auch dagegen.

122 Plätze reichen noch lange nicht aus

Mahmoud Hassino, der selbst aus Syrien geflohen ist, fordert, dass auch in den anderen Flüchtlingsheimen dringend etwas geschehen müsse, denn: "Immer, wenn Du eine homophobe Attacke oder einen sexuellen Übergriff meldest, passiert nichts!" Seit letztem Jahr gebe es Schulungen für Heimleiter und Sozialarbeiter, hält Integrationssenatorin Kolat dagegen: "Mein Ziel ist, wirklich alle Sozialarbeiter und Heimleiter in Berlin so zu schulen, dass sie sich dieser Problematik bewusst sind und wissen, dass es hier eine spezielle Unterkunft gibt." Zudem gibt es neuerdings beim Sozialdienst am Lageso eine offizielle Ansprechpartnerin für die Belange der homosexuellen und transgeschlechtlichen Flüchtlinge – das hatte der LSVD schon seit langem gefordert.

Die 122 Plätze im Treptower Heim sind bei geschätzt mehreren Tausend homosexuellen Flüchtlingen natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Wir denken, dass mehr Einrichtungen notwendig sind", meint Schwulenberatungs-Geschäftsführer Marcel de Groot. "Aber wir fangen erstmal mit der ersten an und gucken dann, wie es weitergeht." Konkrete Planungen für eine zweite LSBTI-Unterkunft gebe es noch nicht, "aber wir sind im Gespräch", so de Groot. Vor allem, wenn in Zukunft mehr Flüchtlinge trauen, sich zu outen, könne der Bedarf noch einmal steigen.

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit

Erstrebenswert wäre es natürlich, die Geflüchteten nicht massenhaft in Heimen unterzubringen, sondern möglichst schnell in richtigen Wohnungen. Das sieht auch Dilek Kolat so, schränkt jedoch ein: "So lange es notwendig ist, dass Flüchtlinge in Not- und Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind, erachte ich es für sehr, sehr wichtig, dass es gesonderte Unterkünfte für LSBTI-Flüchtlinge gibt."

Für die Schwulenberatung Berlin ist bis zum Einzug der ersten Bewohner am Dienstag noch viel zu tun – aber auch danach: "Die eigentliche Arbeit geht ja auch jetzt erst los", sagt Stephan Jäkel. Bislang hat die Schwulenberatung im Betreiben von Flüchtlingsunterkünften keine Erfahrung: "Die ersten Wochen werden bestimmt auch ein bisschen chaotisch", versucht Jäkel dementsprechend die großen Erwartungen ein bisschen zu dämpfen. Er selbst wird die Unterkunft übrigens nicht führen: Ein Team von fünf Menschen wird das Heim managen, manche von ihnen haben bisher schon bei der Schwulenberatung gearbeitet.

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