Diskussion über alleinreisende minderjährige Flüchtlinge (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 16.02.2016 | Sylivia Tiegs

"Das kann auch mal ein halbes Jahr dauern" - Tausende minderjährige Flüchtlinge warten auf Vormünder

Ungefähr 5.000 alleinreisende junge Flüchtlinge leben inzwischen in Berlin, und wenn sie minderjährig sind, brauchen sie einen Vormund. Seit Oktober kümmert sich Christa Markl-Vieto darum, Vormünder zu finden. Dabei ist die Jugendstadträtin durchaus erfolgreich, doch die Verfahren ziehen sich in die Länge. Von Sylvia Tiegs

Christa Markl-Vieto von den Grünen wollte alles richtig machen, als sie sich im Oktober mit einem Appell an die Öffentlichkeit wandte. Die Jugendstadträtin von Steglitz-Zehlendorf ist für ganz Berlin zuständig, wenn es um die Suche nach Vormündern für jugendliche Flüchtlinge geht. Jetzt, ein gutes Vierteljahr später, ist Christa Markl-Vieto vorsichtig geworden.

Zu viele Minderjährige - zu wenig Personal

"Ich werde dieses Mal nicht den gleichen Fehler machen wie im Herbst. Da habe ich nämlich gesagt: "Wir brauchen Vormünder, bitte melden Sie sich!", so die Stadträtin, "Und dann haben sich die Leute gemeldet und sind jetzt ganz enttäuscht, weil es nicht so schnell geht."

Denn gar nichts geht schnell in der Versorgung der alleinreisenden jungen Flüchtlinge. Weil sehr viele Bedürftige auf sehr wenig Personal treffen. Auch bei den Vormündern. Die Suche nach ihnen ruht auf zwei Säulen: den Amtsvormündern - und den Freiwilligen. Amtsvormünder hat Steglitz-Zehlendorf viel zu wenige. Eigentlich darf ein Amtsvormund nur maximal 50 Mündel betreuen. Bei den jugendlichen Flüchtlingen geht diese Rechnung derzeit nicht auf, sagt die zuständige Stadträtin.

Steglitz-Zehlendorf hat zusätzliche Stellen beantragt

"Wir hatten Situationen, wo einzelne Amtsvormünder bis zu 90 Kinder betreut haben. Das wollen wir aber nicht, denn die Aufgabe ist ganz klar, einmal im Monat das Mündel zu sehen und zu sprechen, und das ist einfach ab irgendeiner Zahl nicht mehr möglich." Natürlich müsse man an der einen oder anderen Stelle Abstriche machen, sagt Markl-Vieto, "aber es ist kein gutes Konzept, an der Stelle die Qualität runterzufahren."

Steglitz-Zehlendorf hat zusätzliche Stellen beantragt und auch bewilligt bekommen: Bis Ende des Jahres sollen insgesamt etwa 16 Amtsvormünder für die jugendlichen Flüchtlinge bereitstehen. Aber auch sie könnten höchstens 800, vielleicht 1.000 Minderjährige betreuen, obwohl jetzt schon rund 5.000 in der Stadt sind.

Freiwillige Vormünder müssen lange warten

Hier nun kommen die Freiwilligen ins Spiel: Buchstäblich hunderte Bürger haben sich seit dem Herbst gemeldet, darunter allein 750 Berliner Rechtsanwälte. Das Problem ist, dass jeder Ehrenamtler überprüft, geschult und von einem Familiengericht bestellt werden muss. Auch damit kommt die Stadt nur sehr, sehr schleppend hinterher. Stadträtin Christa Markl-Vieto weiß das - und bittet um Geduld.

"Ich bitte die Menschen, die sich melden, sich darauf einstellen: Das geht nicht 'ratzfatz' - man muss geschult werden, man muss Gespräche haben, und es kann auch sein, dass nicht sofort Kinder zur Verfügung stehen. Das kann auch mal ein Viertel- oder ein halbes Jahr dauern, aber dann sind Sie sehr gebraucht."

Bevor allerdings ein minderjähriger Flüchtling einen Vormund bekommen kann, muss er erst einmal registriert und auch vom Alter her überprüft worden sein. Auch an dieser Stelle klemmt es: 1.800 jugendliche Flüchtlinge in Berlin warten noch auf dieses Verfahren. Zuständig dafür ist die Senatsverwaltung für Jugend.

Beitrag von Sylvia Tiegs

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