Haus in der Tempelhofer Königsstraße - hier wird eine Wohnung für Tagessätze zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt (Quelle: rbb/Andrea Everwien)
Video: Klartext | 10.02.2016 | Soos, Everwien

Vermieter kassiert Tagessätze - Das Riesengeschäft mit den Flüchtlingswohnungen

Bis zu 9.000 Euro Miete im Monat kassiert ein Wohnungsbesitzer in Tempelhof möglicherweise, weil er dort Flüchtlinge zu Tagessätzen unterbringt. Die Rechnung zahlt das Land Berlin. Der Hinweis eines Hörers brachte das rbb-Inforadio und "KLARTEXT" auf die Spur. Von Oliver Soos und Andrea Everwien

Inforadio-Hörer Frank Altenburg besitzt drei Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus in der Tempelhofer Königsstraße. Dort gab es lange Zeit einen Friseursalon in einer Wohnung im Erdgeschoß. Im September vergangenen Jahres hat die Besitzerin den Laden aufgelöst, das Gewerbe abgemeldet und die Wohnung verkauft: 70 Quadratmeter, drei Zimmer, für knapp 100.000 Euro.

Altenburg hat den neuen Eigentümer nie kennengelernt, doch er hat mitbekommen, dass der in der Wohnung offenbar eine nicht genehmigte Flüchtlingsherberge betreibt - ein lukratives Geschäft auf Kosten des Landes Berlin: "Ich fand es völlig in Ordnung, dass dort Flüchtlinge untergebracht werden", meint Altenburg, "aber absurd, dass Mondpreise bezahlt werden, für Unterkünfte von Flüchtlingen in einem normalen Mietshaus." Jeder normale Wohnungsvermieter mache sich strafbar, wenn die Miete 15 Prozent über dem Mietspiegel liege, erklärt Altenburg.

Ein Wohnzimmer in einer Flüchtlingswohnung (Quelle: rbb/Andrea Everwien)
Eines der drei Schlafzimmer in der Wohnung Königstraße

"Der Mann hieß Thomas"

Wir recherchieren und statten der "Flüchtlingswohnung" in der Königsstraße einen Besuch ab. Vom ehemaligen Friseursalon ist nicht mehr viel zu erkennen. Das große Schaufenster zur Straße ist mit einem Tuch zugehängt.

Ein junger Syrer, Anfang 20, öffnet uns etwas verschlafen und bittet uns herein. Die Wohnung wirkt auf den ersten Blick sauber und gemütlich. In drei geräumigen Zimmern sind insgesamt sechs Flüchtlinge untergebracht. In der winzigen Küche ist in einer Ecke eine Duschkabine eingebaut. Der syrische Flüchtling erzählt, dass er die Wohnung über einen Vermittler gefunden hat: "Der Mann hieß Thomas. Ein Freund von mir kannte ihn. Ich bin zu einem Büro gegangen und habe dort meinen Kostenübernahmeschein abgegeben."

Die HeuSa GmbH rechnet mit einer Kostenübernahme beim Lageso ab. (Quelle: rbb/Oliver Soos)

Der Schein vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) bestätigt, dass das Land Berlin die Kosten für die Unterbringung für ein Hostel beziehungsweise eine Pension übernimmt. "Als ich nach Berlin kam, wurde ich im Lageso gefragt, ob ich ein Flüchtlingsheim bevorzuge oder eine Kostenüberübernahme für ein Hostel. Ich habe mich für die Kostenübernahme entschieden. Thomas hat mich zu dieser Wohnung gebracht und gefragt, ob ich hierbleiben will. Ich habe gesagt: ja, die Wohnung ist sehr gut, hier gibt es nicht so viele Leute."

In seinem Handy hat der Flüchtling ein Foto des Kostenübernahmescheins gespeichert. Auf diesem steht: "Für eine Notunterbringung in einer gewerblich genehmigten Unterkunft, für bis zu 50 Euro pro Person, pro Tag."  Der Schein ist ausgestellt vom Lageso für die Unterkunft "Hostel/Pension HeuSa GmbH, im Kratatzer Weg, in 16775 Berlin." Diese Adresse ist merkwürdig, denn in Berlin gibt es weder einen Kratatzer Weg, noch eine Postleitzahl, die mit 16... beginnt. Offenbar eine erfundene Adresse.

Ein Schlafzimmer in einer Flüchtlingswohnung (Quelle: rbb/Andrea Everwien)
Schlafzimmer in der Wohnung Königstraße

Im Wohnungsflur hängt ein Zettel, auf dem die wahre Adresse der HeuSa GmbH steht: Kraatzer Weg, in 16775 Gransee. Also Brandenburg. Dann wäre das Berliner Lageso gar nicht zuständig. Vielleicht deshalb die erfundene Adresse.

GmbH mit Sitz in Brandenburg

Auf dem Zettel stehen auch eine Handynummer und der volle Name der Kontaktperson Thomas. Wir zücken unsere Smartphones, googeln und finden schnell eine Verbindung zwischen Thomas und dem Wohnungsbesitzer, dessen Name uns auch bekannt ist. Die beiden haben im Kraatzer Weg in Gransee gemeinsam eine GmbH angemeldet, mit mehreren Geschäftszweigen, darunter ein Onlineshop, ein Modelabel und eine Plattform für Ferienwohnungen in Berlin.

Wir verabschieden uns von dem syrischen Flüchtling. Draußen wählen wir die Handynummer von Thomas und geben uns als Flüchtlingshelfer aus.

Das Telefonat mit Thomas

"Ja Hallo."

"Spreche ich mit Thomas?"

"Ja."

"Ich betreue eine syrische Familie, die ich unterbringen muss, und da habe ich Ihre Nummer bekommen. Haben sie etwas für uns?"

"Ja, wir haben im Moment drei Wohnungen, eine zum Beispiel in Köpenick, eine andere direkt über unserem Büro in Wilmersdorf ..."

"Die Flüchtlinge haben eine Berechtigung, in eine Wohnung zu ziehen."

"Tut mir leid, wir haben nur Notunterkünfte, wir brauchen dafür Kostenübernahmescheine vom Lageso."

Das Berliner Büro der Heusa GmbH befindet sich in Wilmersdorf. (Quelle: rbb/Oliver Soos)
Das Büro der Heusa GmbH in Berlin Wilmersdorf

Bezirk will sich um den Fall kümmern

Nach dem Telefonat ist klar, dass die HeuSa GmbH offenbar an mehreren Stellen Flüchtlinge mit Kostenübernahmescheinen unterbringt.

Wir wollen die Wohnung in der Tempelhofer Königstraße überprüfen lassen und kontaktieren das Bezirksamt Tempelhof-Schönberg. Sozialstadträtin, Sybill Klotz, erklärt, in der von uns genannten Adresse sei kein Gewerbe angemeldet, keine Unterkunft, kein Ferienapartment oder Ähnliches – also auch keine Notunterkunft für Flüchtlinge.

Wenn auf dem Kostenübernahmeschein "Hostel" stehe, dann bräuchte es auch eine bauaufsichtliche Genehmigung, erläutert uns die Grünen-Politikerin, aber auch die liege für die genannte Wohnung nicht vor: "Insofern gehe ich davon aus, dass da ein Vertrag mit jemandem abgeschlossen wurde, der nicht über die notwendigen Voraussetzungen verfügt."

Die Wohnung in der Königstraße ist also eine herkömmliche Wohnung, und die HeuSa GmbH bekommt dafür vermutlich zwischen 4.500 und 9.000 Euro Miete. Denn das Land Berlin zahlt für seine Kostenübernahmescheine meistens zwischen 25 und 50 Euro pro Person und Tag.

Der Bezirk wird die Flüchtlingswohnung jetzt überprüfen, das sichert Sibyll Klotz zu. Die Bauaufsicht sei informiert.

Auch in Mitte viele Fälle von Betrug

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Der Sozialstadtrat des Bezirks Mitte, Stephan von Dassel, hat mehrfach Verfügungen gegen Personen eingereicht, die Flüchtlinge gewerbsmäßig in Privatwohnungen unterbringen. Aktuell hat er einen Fall aus dem Wedding auf dem Tisch, erzählt er.

Vor einigen Monaten habe seine Dienststelle einen Antrag auf gewerbliche Nutzung von 19 Wohnungen in der Wollankstraße bekommen. Das Amt habe den Antrag abgelehnt. Bei einem Besuch in der vergangenen Woche habe sich dann herausgestellt, dass sich in allen diesen Wohnungen Flüchtlinge befanden – allerdings nicht in einem normalen Mietverhältnis, sondern zum Tagespreis von 50 Euro pro Person. Das seien keine Einzelfälle, sagt von Dassel: "Ich bin sicher, dass allein zum jetzigen Zeitpunkt das Land Berlin einen dreistelligen Millionenbetrag ausgibt, nur weil Flüchtlinge zu Tagessätzen in Wohnungen untergebracht werden anstatt zu Wohnungsmieten."

Schwierige Beweislage vor Gericht

Stephan von Dassel spricht von Ordnungswidrigkeiten. Der Bezirk Mitte habe mehrfach Bußgelder über 10.000 Euro verhängt. Doch jedes Mal hätten die Geschäftemacher Einspruch eingelegt, die Fälle seien vor Gericht gelandet und dümpelten dort seit Monaten herum, weil die Beweislage schwierig sei, so von Dassel.

Der Grünen-Politiker kritisiert auch das Lageso, weil es auf seine Hinweise nicht reagiere. In den zweckentfremdeten Wohnungen seien immer noch Flüchtlinge untergebracht. Verantwortlich für das Lageso und die Flüchtlingsunterbringung ist die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales.

Wir fragen nach einem Interview, wollen wissen, warum das Land Berlin Flüchtlinge in Fake-Hostels unterbringt und wie viel Geld an die HeuSa GmbH gezahlt wurde. In einer allgemein gehaltenen schriftlichen Antwort heißt es, man erstatte in diesen Fällen Anzeige, wenn man feststelle, dass ein Anbieter strafrechtlich relevant handle. Der Senatssprecher weist darauf hin, dass es in Zukunft eine weiße Liste von seriösen Immobilienanbietern geben wird, die gemeinsam mit den Bezirken erarbeitet werden soll.

HeuSa will keine Auskunft geben

Schließlich fahren wir nach Wilmersdorf ins Berliner Büro der HeuSa GmbH und klingeln. Eine junge Frau öffnet die Tür. Wir fragen nach Thomas, und ob er bereit wäre, dem rbb Auskunft über seine Flüchtlingsunterkünfte zu geben. Die Frau verschwindet kurz und kommt dann wieder. Thomas habe kein Interesse, mit uns über unsere Recherchen zu sprechen. Vermutlich stören sie seine Geschäfte.

Eine Recherche von Inforadio und dem rbb-Politikmagazin "Klartext". Die Fernsehreportage wurde Mittwochabend um 22:15 im rbb-Fernsehen ausgestrahlt und steht in Kürze als Video zur Verfügung.

Das könnte Sie auch interessieren

Zimmer in der Notunterkunft THF im ehemaligen Flughafen Tempelhof am 28.11.2016 (Quelle: rbb/Thomas Blecha)

Leben in den Hangars - Die Vergessenen von Tempelhof

Mehr als 1.000 Geflüchtete leben noch in den Hangars in Tempelhof. Viele werden dort ihr zweites Weihnachten verbringen. Auf andere Unterkünfte müssen sie noch warten - die Containerdörfer auf dem Vorfeld sind nicht vor Frühjahr 2017 fertig. Von Nina Amin