Blauer Himmel rahmt am 02.02.2016 in Berlin das Grand City Hotel Berlin Mitte in Wedding ein. In dem Gebäude könnten bald auch Flüchtlinge untergebracht werden. (Quelle: Paul Zinken/dpa)
Video: Abendschau | 02.02.2016 | Agnes Taegener

Berlin verhandelt mit Hotelgesellschaft - Check-In für Flüchtlinge?

Knapper Wohnraum, etliche umgewidmete Sporthallen: Berlin hat große Probleme, Flüchtlinge unterzubringen. Nun verhandelt der Senat mit einer großen Hotelkette, tausende Zimmer dauerhaft anzumieten - laut Medienberichten verlangt die Hotelgesellschaft aber 50 Euro pro Nacht und Flüchtling.

Berlins rot-schwarzer Senat steht in Verhandlungen mit einem großen Hotelbetreiber über eine Anmietung von Hotelplätzen für Flüchtlinge. Es gehe insgesamt um 10.000 Plätze in 22 Hotels in Berlin, die zur Gesellschaft "Grand City Hotels" (GCH) gehören, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) unter Berufung auf Senatskreise schreibt. Zu der in Berlin ansässigen GCH gehören laut eigener Darstellung des Unternehmens jedoch nur 18 Hotels in Berlin, darunter fünf Hotels der Wyndham-Kette und vier Hotels der Holiday-Inn-Kette.

Senatssprecherin Daniela Augenstein bestätigte die Verhandlungen am Dienstag, wollte aber keine Einzelheiten nennen: "Die Gespräche sind völlig offen", betonte sie. "Das heißt, Summen, die heute in der Zeitung eine Rolle gespielt haben, oder auch die Höhe der Kapazitäten sind noch nicht geklärt. Insofern können wir auch nicht über Endsummen sprechen, sondern wir sind im Moment in Gesprächen und am Ende dieser Gespräche wird ein Ergebnis stehen", sagte Augenstein dem rbb. Auch über die beabsichtigte Mietdauer machte Augenstein keine Angaben.

Auch die GCH hielt sich auf Anfrage der rbb-Abendschau bedeckt: "Es wurde keine Vereinbarung getroffen und es gibt keine Bestätigung hinsichtlich bestimmter Hotels, Räume oder Preise und insbesondere keine Bestätigung der Zahlen, die zurzeit (...)  genannt werden", teilte das Unternehmen schriftlich mit.

Hotelgesellschaft fordert angeblich 50 Euro pro Kopf und Tag

Laut FAZ gehe es in den Verhandlungen mit der GCH um eine längerfristige Anmietung von mehreren Jahren. Wie es in dem Bericht weiter heißt, soll die Hotelgesellschaft pro Nacht und Platz 50 Euro verlangen. Dies entspreche monatlichen Kosten von 1.500 Euro pro Flüchtling, das wären pro Jahr 18.000 Euro. Es wäre auf die reinen Übernachtungskosten bezogen eine der teuersten Varianten, Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Erstaufnahme- und Gemeinschaftseinrichtungen sind deutlich günstiger.

Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen: Auch in Dresden verhandelte die Stadt mit der GCH über die Unterbringung von rund 1000 Flüchtlingen in dem Hotel
Wyndham Garden. Dort hatte sich die Stadt mit der GHC laut einem Bericht der Sächsischen Zeitung auf eine Miete von 20 Euro pro Flüchtling und Tag geeinigt. Vor anderthalb Monaten zog die GCH dann allerdings das fertig verhandelte Angebot kurzfristig zurück, weil der Platz für Hotelgäste benötigt würde.

Berlin will Unterbringung nicht um jeden Preis

Die Berliner Verwaltung ist offenbar nicht gewillt, 50 Euro pro Kopf und Tag zu bezahlen. "Es ist nicht gesagt, ob es bei den Gesprächen zu Ergebnissen kommen wird", sagte Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD). Denn im Schnitt zahle die Stadt für die Unterbringung von Flüchtlingen deutlich weniger. "Normalerweise streben wir an, Flüchtlinge für etwa 10 Euro pro Tag unterzubringen", sagte Kollatz-Ahnen.

Die Tagessätze für die Unterbringung in Hostels liegen bei 37,50 Euro, Berlin hatte sich daher zuletzt darum bemüht, die Zahl der Hostel-Plätze zu reduzieren. Von den rund 43 000 in der Hauptstadt untergebrachten Flüchtlingen lebten nach Daten der Sozialverwaltung derzeit nur noch rund 1,5 Prozent in Hostels. Ende vergangenen Jahres waren es noch fast dreimal so viele.  

Dehoga: Tourismus würde nicht leiden

Dem Tourismus würde die Flüchtlings-Unterbringung in Hotels nach Einschätzung der Branche nicht schaden. "Wir haben mehr als ausreichend Kapazität, auch wenn 10 000 Betten wegfallen würden", sagte Kerstin Jäger vom Berliner Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Für die Hotels sei es attraktiv, Bettenkontingente zu verkaufen und so eine gesicherte Auslastung zu haben.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte zu Jahresbeginn angekündigt, im Notfall auch leerstehende Gewerbe- und Büroräume sowie Hotels beschlagnahmen zu lassen - "gegebenenfalls sogar im Konflikt mit den Besitzern." Blockaden oder "absurde finanzielle Vorstellungen" von Privatleuten werde er nicht länger dulden.

Nach Angaben der Berliner Sozialverwaltung kamen im vergangenen Jahr knapp 80.000 Flüchtlinge in Berlin an, 43.000 von ihnen wurden bislang hier untergebracht, mehrere Tausend alleine in Hangars des Flughafengebäudes in Tempelhof untergebracht. Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist derzeit die größte Flüchtlings-Notunterkunft Berlins, weitere temporäre Bauten am Rand des Felds sind geplant. Außerdem hat der Senat etliche Turn- und Sporthallen in der Stadt zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert.

mit Informationen von Agnes Taegener

Zahlen und Fakten

  • Zahlen - Wie viele Flüchtlinge kommen?

  • Ankunft - Wie funktioniert die Aufnahme der Flüchtlinge?

  • Andrang - Wie viele Flüchtlinge kommen pro Tag in die Erstaufnahme?

  • Status quo - Wie viele Flüchtlinge sind offiziell registriert?

  • Verteilung - Wie werden die Flüchtlinge auf Bezirke und Landkreise verteilt?

  • Wohnen - Wer muss dafür sorgen, dass Unterkünfte zur Verfügung stehen?

  • Unterkunft - Wo werden die Flüchtlinge untergebracht?

  • Unterbringung - Wer zahlt?

  • Wohnort - Welchen Einfluss hat ein Asylbewerber darauf?

  • Ausblick - Gibt es genügend Unterkünfte?

  • Unterkünfte - Wann dürfen Sporthallen ungewidmet werden?

  • Jobs - Dürfen Flüchtlinge arbeiten?

  • Geld - Wieviel bekommt ein Flüchtling im Monat?

  • Geldquelle - Wie bekommen Asylbewerber ihr Geld?

  • Smartphone - Haben sie einen Anspruch darauf?

  • Krankheit - Sind Asylbewerber versichert?

  • Kita - Flüchtlingskinder Anspruch auf einen Platz?

  • Organisation - Wie werden die Kinder auf die Kitas verteilt?

  • Schulen - Gibt es genug Lehrer für die Flüchtlingskinder?

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