Flüchtlinge kommen am 01.11.2015 an den zu Notunterkünften hergerichteten Hangars des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof an (Quelle: imago/snapshot)

rbb exklusiv: Vorwürfe gegen Sicherheitskräfte in den Tempelhof-Hangars - Flüchtlinge beklagen Übergriffe von Security-Personal

Verbale Erniedrigungen, Handgreiflichkeiten und eine Pfeffersprayattacke: Flüchtlinge in der Notunterkunft auf dem ehemaligen Flughafengelände in Berlin-Tempelhof erheben schwere Vorwürfe gegen einige Security-Kräfte. Der Betreiber der Unterkunft sagt, er könne solche Vorfälle weder bestätigen noch dementieren. Er glaube aber nicht an drastische Übergriffe. Von Jo Goll und Torsten Mandalka

Seit fast vier Monaten sind auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof Flüchtlinge untergebracht. Inzwischen sind es über 2.000. Und seit fast vier Monaten wird über schwierige Verhältnisse geklagt: mangelhafte Hygiene, die zur Ausbreitung von Krankheiten führt, eine Massenunterbringung ohne Privatsphäre mit ständigem Lärm - die Menschen kommen kaum zur Ruhe. Jetzt kommt ein neuer Vorwurf hinzu: einige der knapp 200 Security-Kräfte seien übergriffig geworden und behandelten die Flüchtlinge wie "Untermenschen".

Riesige Hallen, graue Steinfußböden. Ein paar Jungs spielen Fußball zwischen den Verschlägen, ein Kleinkind ruft laut weinend nach seiner Mutter. Von Privatsphäre können die Menschen hier nur träumen, und das nicht nur, weil sich ein Dutzend Flüchtlinge eine Schlaf-Abteilung teilen müssen. An jeder Ecke stehen Security-Mitarbeiter. Manche begrüßen die Bewohner mit einem freundlichen Schulterklopfen. Aber nicht alle von ihnen sind nett, berichtet Menan, die aus der syrischen Hauptstadt Damaskus geflohen ist.

"Das ist ein Gefängnis und Ihr seid unsere Gefangenen"

Auf Arabisch sei ihr gesagt worden: "Das hier ist ein Gefängnis, Ihr seid Gefangene, und Ihr müsst machen, was wir Euch sagen." Sie müsse dankbar sein, dass sie überhaupt in Tempelhof sein dürfe. Das Leben der Deutschen sei kein Maßstab für sie: "Tempelhof reicht!"

Michael Elias, der Geschäftsführer des Betreibers Tamaja, nimmt auf diese Vorfälle angesprochen ganz offen Stellung. Er könne - angesichts von 500 Arbeitskräften in den Hangars - solche Vorfälle weder bestätigen noch dementieren. Es könne sich allenfalls um Einzelfälle handeln. Elias bittet die Bewohner, sich in solchen Fällen direkt an die Leitung zu wenden: "Ist so etwas gesagt worden, muss ich das wissen, und dann werde ich auch dagegen vorgehen."

Betreiber schließt Handgreiflichkeiten aus

Bei verbalen Erniedrigungen durch die Security-Kräfte sei es nicht geblieben, berichtet die Syrerin Neda. Ihr 20-jähriger Sohn sei von Security-Leuten zu Boden geworfen und mit Pfefferspray besprüht worden. Der Anlass: ein Streit, an dem der Sohn gar nicht beteiligt gewesen sei. Er sei nur aus Neugier herbeigeeilt. Weil er unter Asthma leide, sei dem jungen Mann die Luft weggeblieben. Eine Behandlung im Krankenhaus habe man ihm verweigert. In dem Fall kann sich Tamaja-Geschäftsführer Elias nicht vorstellen, dass das tatsächlich so geschehen ist: In den offenen Hallen gebe es "eine sehr hohe Sozialraumüberwachung" - also viele Zeugen, die mit Handys sofort Aufnahmen gemacht und diese auf Facebook eingestellt hätten. Insofern würde er einen solchen Vorfall "nahezu ausschließen". Im Gegenteil: Er sei selbst einmal dabei gewesen, als Flüchtlinge gegen Security-Leute handgreiflich wurden.

Betten der Fluechtlinge in Tempelhof-Hangar (Quelle: privat)
Schlafplätze in den Hangars

"Hier in Tempelhof sterbe ich jeden Tag"

Fest steht: Alle in den Tempelhofer Massenunterkünften stehen unter starkem Stress - die Bewohner am meisten, aber auch die Mitarbeiter. Das Kernproblem: Die Flüchtlinge haben keine Perspektive, die meisten leben schon seit vier Monaten in den Hallen. Michael Elias sagt deshalb: "Wir können versuchen, die Begleitmusik hier angenehmer zu machen. Aber es ändert eben nichts daran, dass es eine Notunterkunft in einem Hangar ist." Die Verweildauer müsse begrenzt werden. Klar sei, dass die Menschen in absehbarer Zeit ein Anrecht auf Plätze mit einer Privatsphäre haben.   

Den Schmied Hussein aus Aleppo treibt die Perspektivlosigkeit in den Hangars zur Verzweiflung: "Ich habe jetzt gar keine Hoffnung mehr", sagt er. "Vielleicht ist es besser, wenn ich nach Aleppo zurückgehe. Da werde ich erschossen. Dann sterbe ich. Das war‘s dann. Aber hier in Tempelhof sterbe ich jeden Tag."

Eine überfüllte Toilette in einem Tempelhof-Hangar (Quelle: privat)
Verstopfte Toilette in der Notunterkunft Tempelhof

Beitrag von Jo Goll und Torsten Mandalka

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