Innenansicht der Flüchtlingsunterkunft im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Berlin. (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 11.03.2016 | Jo Goll und Sascha Adamek

Vorwürfe gegen Berliner Sozialverwaltung - Maulkorb für christliche Flüchtlinge?

Erst erlebten sie Diskriminierungen durch muslimische Mitbewohner - nun geben sie an, dass sie darüber zum Schweigen gebracht werden sollten: Christliche Flüchtlinge aus dem Iran erheben schwere Vorwürfe gegen den Pressesprecher der Berliner Sozialverwaltung. Von Sascha Adamek und Jo Goll

Der Iraner Mohammadreza Madadi hätte niemals gedacht, dass ihn sein christlicher Glaube noch einmal in Gefahr bringen könnte. Im Dezember 2015 war er nach Deutschland geflüchtet. Der frühere Moslem war bereits in Iran Besucher einer kleinen christlichen Hausgemeinde. Da der Übertritt vom Islam zum Christentum in seiner Heimat verfolgt wird, floh er nach Berlin.

Im Tempelhofer Hangar bewegte Mohammadreza Madadi sich mit T-Shirt vor der Essensausgabe, ließ sein auf den Oberarm tätowiertes Kreuz sehen. Sofort sei er schräg angesehen worden und umstehende Flüchtlinge hätten ihn als einen Kuffar, einen Ungläubigen, beschimpft.

Sein Bekannter, Hamidreza Pirghasemi, berichtet ebenfalls von alltäglichen Drangsalierungen: "Wir waren unter der Dusche und plötzlich haben wir gesehen, dass Shampooflaschen auf uns flogen und als wir in der Essenschlange waren, haben die Muslime uns schräg angesehen und uns beleidigt, dass wir unsauber sind und wollten verhindern, dass wir in die Kantine gehen."

Staatsschutz ermittelt wegen Todesdrohungen

Am 12. Februar eskalierte im Hangar die Situation. Nach Medienberichten wurde eine Gruppe Iraner, die in der Bibel lasen, von Dutzenden radikalen Muslimen umringt. Die Polizei, die gerade wegen einer anderen Auseinandersetzung in der Unterkunft war, griff ein. Am 24. Februar berichtet die "BZ" über die Übergriffe und die Todesangst der christlichen Iraner. Namentlich wird auch der Iraner Mohammadreza Madadi zitiert. Unter der Dusche sollen nun am selben Tag Afghanen darüber gesprochen haben, wie man die christlichen Iraner umbringen könne. Ein 19-jähriger Afghane wird vorübergehend festgenommen - der Staatsschutz nahm Ermittlungen auf, die noch andauern. Mohammedreza Madadi selbst erfuhr davon zunächst nichts.

"Dann bitte keine Interviews mehr"

Für die beiden Iraner Mohammadreza Madadi und Hamidreza Pirghasemi wurde die Situation nun unerträglich. Der Pressesprecher von Sozialsenator Mario Czaja, Sascha Langenbach schaltete sich ein und sprach mit beiden persönlich. Gegenüber dem rbb sagten die beiden Iraner aus, Langenbach habe ihnen eine sichere Unterkunft zugesagt allerdings verbunden mit der Aufforderung: "Dann bitte keine Interviews mehr mit Journalisten vom Fernsehen oder der Zeitung." Die beiden vertrauten darauf und wurden am folgenden Tag in die neue Unterkunft in der Colditzstraße gebracht. Dort aber wurden sie nach einer langen Wartezeit abgewiesen und zurück in die Hangars gefahren.

Mohammadreza Madadi (links hinten) und Hamidreza Pirghasemi (vorne rechts) im Interview mit dem rbb. (Quelle: rbb | Joachim Goll)
Mohammadreza Madadi (hinten links) und Hamidreza Pirghasemi (vorne rechts) im Interview mit dem rbb.

Tags darauf erfuhren sie von Pfarrer Gottfried Martens von der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeitsgemeinde Berlin-Steglitz, dass muslimische Afghanen darüber gesprochen hatten, sie umzubringen. Sie verließen die Hangars sofort und kamen in eine von Pfarrer Martens vermittelte sichere private Unterkunft. Martens sagte dem rbb dazu, er halte es für problematisch, "Flüchtlinge auf diese Weise unter Druck zu setzen", die aus einem Land kommen, wo sie keine Meinungsfreiheit hatten.

Auf eine detaillierte Anfrage waren Czajas Pressesprecher Sascha Langenbach und die Senatsverwaltung nicht zu einer Stellungnahme gegenüber dem rbb bereit.

Ökumenischer Rat fordert besseren Schutz

Emmanuel Sfiatkos ist Vorsitzender des Ökumenischen Rates Berlin Brandenburg. (Quelle: rbb | Sascha Adamek)
Emmanuel Sfiatkos ist Vorsitzender des Ökumenischen Rates Berlin Brandenburg.

Der Vorsitzende des Rates, Emmanuel Sfiatkos unterstrich im rbb-Interview nochmals, dass christliche Flüchtlinge in Heimen einem Klima der Angst ausgesetzt seien. Man sei gegenwärtig dabei, eine genaue Dokumentation der Fälle zu erstellen. "Diese Menschen hatten geglaubt, dass sie in Deutschland Schutz erhalten", sagte Fiatkos. Nun müsse auch die Politik sich des Schutzes drangsalierter christlicher Flüchtlinge annehmen.

Die beiden Iraner Mohammadreza Madadi und Hamidreza Pirghasemi fühlen sich mittlerweile sicher. Eine deutsche Familie aus der evangelischen Gemeinde von Pfarrer Martens nahm sie auf. Nach zwei Nächten griffen sie zum Smartphone und gaben einen Text in den Google-Übersetzer ein, erzählt Pfarrer Martens: "Danke für zwei Nächte Schlafen ohne Angst!"

Langenbach spricht von einem Missverständnis

Am Freitagnachmittag schickte Sascha Langenbach doch noch eine Antwort: Danach beruhe die Geschichte auf einem "Missverständnis". Er habe "den Betroffenen zu vermitteln versucht, dass die bloße Kommunikation mit der Presse zur Lösung ihres Problems hier wenig zielführend ist." Und: "Dass diese Aussagen im Verständnis der Betroffenen miteinander verknüpft und in einen „wenn-dann“ Zusammenhang gebracht wurden, war nie meine Absicht. Zumal die Presse ja bereits von beiden auf verschiedenen Kanälen informiert worden war. Ich habe lediglich versucht, durch meine Vermittlungstätigkeit den Umzug zu beschleunigen. Meine Hilfe habe ich aber nie an eine Bedingung geknüpft oder gar Garantien abgegeben."

Beitrag von Sascha Adamek und Jo Goll

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