Eine Frau mit Kopftuch geht am 12.08.2015 in einer Flüchtlingsunterkunft in Rudolstadt (Thüringen) einen Gang entlang (Quelle: dpa)

Gewalt gegen Frauen in Flüchtlingsheimen - "Die Frauen wissen nicht, an wen sie sich wenden können"

Viele geflüchtete Frauen fühlen sich auch nach ihrer Flucht in Deutschland nicht sicher. Denn sie sehen sich in den Flüchtlingsunterkünften Gewalt ausgesetzt - durch den Partner oder durch Mitbewohner. Sozialarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften versuchen, die Frauen besser zu schützen. Von Laura Will

Viele geflüchtete Frauen, die sexuelle Gewalt erleben, sprechen nicht darüber. Das erlebt auch Nivedita Prasad von der Alice Salomon Hochschule immer wieder. "Gewalt ist ja was sehr Intimes, sexualisierte Gewalt sowieso. Bis sie das jemand erzählen, müssen sie doch wissen, dass sie in guten Händen sind und dafür brauchen sie Angebote", sagt Prasad. "Das können Gesundheitsangebote oder auch Essensangebote sein - einfach Angebote, die vertrauensbildend sind."

Solche Angebote macht die Professorin für Sozialpädagogik gemeinsam mit ihren Studenten in der Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf. Beim Schutz von Frauen muss etwas passieren, diese Erfahrung hat Prasad in vielen Gesprächen gemacht. "Das Problem in diesen Unterkünften ist die Enge von sechs bis sieben Quadratmeter pro Person. Es gibt keine Räume, in denen Frauen einfach für sich sein können", sagt Prasad. Außerdem gebe es kein ordentliches Beschwerdemanagement. "Wenn etwas passiert, wissen die Frauen nicht, an wen sie sich wenden können und was dann geschieht."

Bislang gibt es keine Statistiken über Gewalttaten gegen Frauen

Wie oft es in Flüchtlingsunterkünften zu Gewalt gegen Frauen kommt, darüber gibt es keine Zahlen. Hinweise liefert aber zum Beispiel eine Studie aus Brandenburg. "Ende 2014 gab es dort 28 Gemeinschaftsunterkünfte. In denen wurden die Sozialarbeiter und die Bewohnerinnen nach Gewalt befragt. Während die Sozialarbeiter über geschlechtsspezifische Gewalt gesprochen haben und bestätigten, dass es diese gibt, haben die Bewohnerinnen nichts dazu gesagt", sagt Heike Raabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte.

Eine Flüchtlingsfrau mit Kind (Quelle: dpa)
Während Sozialarbeiter von Gewaltvorfällen gegen Frauen in den Unterkünften berichten, schweigen die Bewohnerinnen meist.

Um Frauen besser schützen zu können, müsse es ein verbindliches Gewaltschutzkonzept mit einheitlichen Standards für alle Arten von Unterkünften geben. Wichtig sei vor allem eine Sensibilisierung des Personals für das Thema. "Das geht von der Leitung bis hin zum Wachschutz. Jeder muss in seiner Einrichtung wissen, was zu tun ist, wenn ein Verdachtsfall auftritt oder ein konkreter Fall gemeldet wird", sagt Raabe. Neben getrennten sanitäre Anlagen bräuchte es nach Raabes Ansicht spezielle Frauenräume in den Unterkünften, in die die Frauen sich zurückziehen können.

Immer wieder den Dialog mit den Frauen suchen

Mit dem Thema Gewalt und Frauen in Unterkünften wird unterschiedlich umgegangen. Das Georg-Kriedte-Haus in Berlin-Tempelhof ist eine Gemeinschaftsunterkunft. Sama ist eine der Bewohnerinnen. Sie ist gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Tochter aus dem Irak geflohen. "Ich bin nicht immer im Heim und habe nicht so viel Kontakt mit anderen. Außerdem gibt es hier Security-Mitarbeiter, die uns beschützen", sagt Sama. Mit den Männern im Heim habe sie keine Probleme. Auch auf der Flucht habe sie keine sexuelle Gewalt erlebt.

Die Heimleiterin Christiane Wahl sucht immer wieder den Dialog mit den Frauen. "Die Weitervermittlung ist wichtig, deshalb versuchen wir die jungen Frauen an die Beratungsstellen zu bringen", sagt Wahl. Wie viele Frauen hier wirklich von Gewalt betroffen sind, ist unklar. Denn ein Problem ist das Schweigen.

Beitrag von Laura Will

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