Seit Januar berichten Chadi Bahouth (im Bild) und Khalid Al Aboud als Reporter-Tandem für Kulturradio und Inforadio. (Quelle: rbb/Ursula Vosshenrich)

Interview | Deutsch-Arabisches Reporter-Tandem - Vom Abgeordnetenhaus bis zur Neuköllner Eckkneipe

Sie haben die Grüne Woche besucht oder die deutsche Kultur in einer Berliner Eckkneipe erkundet: Das deutsch-arabische Reporter-Team Chadi Bahouth und Khalid Al Aboud berichtet seit Beginn des Jahres aus Berlin. In ihrer neuen Reportage haben sie eine Straßenumfrage zur AfD gemacht. Im rbb-Interview schildern sie ihre Eindrücke von Berlin und was sie noch gemeinsam erkunden wollen.

Seit Januar berichten Chadi Bahouth und Khalid Al Aboud (im Bild) als Reporter-Tandem für Kulturradio und Inforadio. (Quelle: rbb/Ursula Vosshenrich)

Khalid Al Aboud ist seit Ende 2014 in Deutschland. Er stammt aus Daraa im Süden von Syrien. Dort hat er als Journalist gearbeitet und für verschiedene Newsletter und Infoportale über Jugend und Kultur geschrieben. Von 2013 bis 2014 berichtete er für ein in Paris angesiedeltes syrisches Exil-Radioprogramm als Reporter aus Jordanien.

rbb: Was sind Deine Eindrücke von Berlin? Was magst Du? Was magst Du nicht?

Khalid Al Aboud: Ich mag Berlin, weil es eine große multikulturelle Stadt ist. Hier leben Menschen aus allen Ländern der Welt. Außerdem gibt es hier ein sehr reges kulturelles Leben, überhaupt Kunst, Kultur, Musik und Politik.

Was ich nicht so mag, ist die Wohnungssituation. Es ist so schwer, eine Wohnung zu finden! Was ich auch nicht mag, ist das kalte Wetter. Manchmal ist es ja ganz gemütlich, aber oft ganz schön hart.

Wo wohnst Du in Berlin?

Ich wohne jetzt in Marienfelde im Flüchtlingswohnheim. Mir gefällt es da, es ist ruhig und der Ort hat ja eine besondere Bedeutung für die deutsche Geschichte. Hier war ja das Notaufnahmelager für Menschen aus der DDR. Ich war mit Chadi in der Erinnerungsstätte in der Ausstellung.

Was möchtest Du in Berlin noch kennen lernen?

Erst mal muss ich richtig Deutsch lernen. Für die Zeit danach habe ich einige Ideen. Ich will auch von den Berlinern erfahren, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt wieder aufgebaut haben.  

Was magst Du an der Arbeit als Tandem mit Chadi?

Ich mag es, mit Chadi zusammen zu arbeiten. Er ist ein erfahrener Journalist, hat gute Ideen und ich lerne Deutsch, wenn wir zusammen unterwegs sind. Außerdem war er auch einmal ein Flüchtling und manchmal sehe ich mich auch da, wo er jetzt ist. Er spricht gut Arabisch und Deutsch, ich hoffe, ich werde in ein paar Jahren auch so gut Deutsch sprechen.

Seit Januar berichten Chadi Bahouth (im Bild) und Khalid Al Aboud als Reporter-Tandem für Kulturradio und Inforadio. (Quelle: rbb/Ursula Vosshenrich)

rbb: Ein paar Worte zu Deinem familiären Hintergrund...

Chadi Bahouth: Ich stamme aus einer Familie, die auf beiden Seiten aus Minderheiten besteht, mein Vater ist katholischer Palästinenser, meine Mutter griechisch-orthodoxe Libanesin. Zwischen den Stühlen zu agieren, wurde mir quasi in die Wiege gelegt.
 
Wie erlebst Du die Tandem-Reportagen mit Khalid?

Die gemeinsamen Reportagen sind tatsächlich ein neuer Blick auf die Stadt, aber nicht in dem Sinne, wie es vermutlich jeder kennt, wenn ein Freund als Tourist da ist, sondern in dem Sinne, dass es auch eine Reise in meine eigene Vergangenheit ist. Am eindringlichsten wurde das beim Besuch im Aufnahmelager Marienfelde, als ich erkannte, hoppla, es könnte sein, dass Du als Kind mal hier gelebt hast.

Erlebst Du Gemeinsamkeiten mit ihm oder Überraschungen?

Die größte Überraschung war festzustellen, wie deutsch ich tatsächlich bin. Das entspricht in etwa dem Gefühl nach einer Auslandsreise wieder in Berlin anzukommen. Mein Heimatgefühl, das unmittelbar mit dieser Stadt verbunden ist, bekommt jedes Mal einen gehörigen Schub.
 
Was habt Ihr schon gemeinsam erkundet?

Wir waren beispielsweise in der AGB, bei der Grünen Woche, in der Philharmonie und auf Berlins Straßen und durften immer wieder feststellen, dass die Berlinerinnen und Berliner ein wahnsinnig freundliches Volk sind. Gerade wegen der Berliner Schnauze.

Wie arbeitet Ihr dabei zusammen?

Solange wir als Team zusammenarbeiten, ist die Aufteilung simpel. Jeder macht alles. Sobald Interviews dazukommen, wird es komplexer, da wir Arabisch und Deutsch mischen, manchmal noch Englisch, am Ende aber muss ein deutsches Stück herauskommen. Für mich bedeutet das, den Faden der Geschichte im Kopf zu behalten, zu übersetzen und dabei noch aktiv am Geschehen teilnehmen. Beizeiten ist das sehr herausfordernd, aber eben auch extrem reizvoll.
 
Was bedeutet es für Dich, Arabisch-Deutsch zu arbeiten?

Plötzlich ist der Araber in mir gefragt, wow! Das kommt schon fast einer Akzeptanz des arabischen Teils in mir durch die deutsche Gesellschaft gleich. Der nämlich besitzt kaum Raum in Deutschland. Die Forderung, Notwendigkeit, etc. nach und von Integration führt bei vielen Menschen mit Migrationsgeschichte dazu, dass sie den ausländischen Teil stiefmütterlich behandeln. Der aber ist auch ein Teil von ihnen und will gesehen werden. Auch das ist Teil von Integration, sie eben nicht als Einbahnstraße zu verstehen.

Was möchtest Du noch mit Khalid erkunden, welche Themen reizen Dich?

Ganz natürlich kommen Themen auf, die mit Integration zu tun haben, aber eben auch solche, die davon weit weg erscheinen, wie zum Beispiel ein Besuch eines Fußballspiels oder einer Eckkneipe und gerade dadurch wieder sehr nahe an ihr dran sind.

Was möchtest Du ihm vielleicht zeigen in Berlin?

Mein Berlin, die kleinen Nischen, die diese Stadt bietet, die unberührten Orte, die Winkel, die nur die Menschen des jeweiligen Kiezes kennen, die vielen Gesichter dieser Stadt, die so wandlungs- und anpassungsfähig ist, dass kein Reiseführer ihr jemals wirklich gerecht werden könnte.

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