Maryam Somaya Graßmann vom RCI und Mit-Organisatoren des Karnevals der Geflüchteten (Quelle: privat / Maryam Graßmann)

Interview | Mitorganisatorin Graßmann über "Karneval der Geflüchteten" - "Wir sind Krieger des Friedens und der Wahrheit"

Am Sonntag wird ein neuer Karnevalszug durch die Straßen der Hauptstadt ziehen: der Karneval der Geflüchteten. Maryam Graßmann vom Refugee Club Impulse (RCI) ist Mitorganisatorin des ersten Zugs dieser Art. Sie glaubt, Menschen, die gerade aus politischen Gründen geflohen sind, haben eher Lust auf Karneval als auf eine Demo.

Frau Graßmann, wie werden Sie sich denn am Sonntag beim "Karneval der Geflüchteten" verkleiden?

Maryam Graßmann: Ich? (lacht) Ich werde ein riesengroßes, blaues, schlumpfartiges Kostüm anziehen. Und die Damen, mit denen ich in der Motardstraße einen Workshop gemacht habe, haben alle das gleiche Kostüm in einer anderen Farbe an. 

Sollen die Kostüme etwas Bestimmtes ausdrücken?

Wir haben Waffen, die Blumen schießen, und eine Steinschleuder, die ebenfalls eine Blume wirft. Wir sind also Krieger des Friedens.

Welche Kostümierungen neben den erwähnten Schlumpfkriegern gibt es noch?

Bei uns im RCI haben wir den arabischen Geschichtenerzähler Sindbad und Vieles aus der barocken Zeit. Das kommt aber auch dadurch, dass wir viele Kostüme von den großen Theatern geschenkt bekommen haben. Die Leute haben sich die Kostüme dann selbst ausgesucht. Ich weiß nicht, ob man jedem eine klare Aussage geben kann. Da steckt auch ganz viel Phantasie drin. Genau wie in den Masken, die wir in den Workshops erarbeitet haben. Da ist viel Interpretation möglich. 

Warum wird das denn am Sonntag ausgerechnet ein Karneval – und kein Spaziergang, Streifzug oder Protestmarsch?

Wir wollen das Gelächter von unten haben. Das Motto des RCI ist ja: "Niemand gibt uns eine Stimme, wir nehmen sie uns". Aber wir wollen auch nicht mit dem Zeigefinger auf alle zeigen, sondern eher mit einem grotesken Humor die Wahrheit sagen. Die Geschichten, die nicht wirklich zu Wort kommen, sollen so erzählt werden. Der Karneval ist dafür eine gute Gelegenheit. Wir wollten nicht den Karneval der Kulturen, weil wir nicht Kultur und Folklore zeigen wollen, sondern wir wollen wirklich authentisch die Stimme erheben. 

Was genau passiert am Sonntag? Um 12 Uhr ist Treffpunkt am Platz der Luftbrücke ...

Jedes Theater [des Bündnisses "My Right Is Your Right!"] hat einen Wagen, ein paar teilen sich auch einen. Unser Motto ist neben "You are here, we are here because you were there" auch "Stop Antimuslim Racism". Mit Bezug auf diese Themen haben wir auch unsere Reden entwickelt, die Wagenkostümierungen und unsere eigene Verkleidung. Alles zielt ein bisschen darauf ab, dass wir Krieger des Friedens und der Wahrheit sind.

Um 12 Uhr treffen sich alle am Platz der Luftbrücke, und da gibt es dann fast zwei Stunden lang so etwas wie ein Camp. Wir werden da mit Musik und mit verschiedenen Workshops loslegen. Da kann man sich auch schnell noch bemalen oder das Gesicht schminken. Bei uns wird auch der "Dance Code Workshop" stattfinden. Mit den Dance Codes wollen wir ab der Prinzenstraße anfangen. Das heißt, dass wir zu bestimmten politischen Slogans wie "We are here, we will fight. Freedom of movement ist everybody's right" Bewegungen machen, die wiederholt werden sollen. Der Workshop beginnt bereits am Platz der Luftbrücke, damit dann an der Prinzenstraße so viele Menschen wie möglich die Bewegungen zu dem Slogan machen können. Und so hat jeder der acht Wagen seine Botschaft. 

Eine sehr künstlerische Aktion also. Kommen auch Flüchtlinge, die keine künstlerischen Ambitionen haben?

Die Veranstaltung für offen für jeden. Sie ist zwar künstlerisch, aber wir sehen jeden Menschen als Künstler an. Jeder hat ja eine künstlerische Ader, die er irgendwie entfalten kann. 

Haben Sie in den Flüchtlingsunterkünften für den Karneval geworben?

Ja, wir haben Flyer verteilt. Der ist für die Internetseite in acht verschiedenen Sprachen übersetzt worden. Wir haben auch über Plakate und über Mitarbeiter in den Heimen geworben. Ich selbst bin auch Mitarbeiterin in einem Heim, dadurch habe ich alle Kontakte aktiviert, die aktivierbar sind. Es muss übrigens nicht jeder verkleidet kommen. Aber: je bunter, desto besser.

Ist denn den Geflüchteten überhaupt nach Karneval zumute?

Ja, vielen Geflüchteten ist nach Karneval. Ich glaube, es ist wichtig für sie, einfach mal locker zu lassen, Musik zu hören und auch etwas zu hören, mit dem sie sich identifizieren. Wie zum Beispiel durch den Geschichtenerzähler, der die eigene Geschichte, eventuell anders verpackt, erzählt. Aber trotzdem geht es auch darum, Spaß an der ganzen Sache zu haben. Das ist wichtig. Man hat, glaube ich, mehr Lust auf einen Karneval als auf eine Demonstration, wenn man gerade aus extrem politischen Kontexten kommt und noch verletzlich ist.

Die andere Sache ist aber auch, dass die, die bei den ganzen Workshops mitgemacht haben und jetzt dabei sind, Geflüchtete sind, die wollen, dass sich etwas ändert. Sie sagen, wir müssen auf die Ursachen schauen, und wir müssen auch schauen, was hier los ist. Alle die davon gehört haben, sind sofort dabeigewesen. Auch urbane Hinterhof-Künstlerateliers aus Neukölln machen beispielsweise mit.

Eine Montage von drei Plakaten für den Karneval der Geflüchteten auf farsi, arabisch und französicsh (Quelle: myrightisyourright.de)

Wen will der "Karneval der Geflüchteten" erreichen?

Der Karneval will in erster Linie die deutsche Bevölkerung erreichen, um die Wahrheit der Geschichten und das Innere der Geflüchteten aufzuzeigen. Aber wir wollen auch klar machen, dass es so, wie die politische Entwicklung verläuft, kein Wunder ist, wenn immer mehr Flüchtlinge kommen. Man muss auch schauen, inwiefern Deutschland an den Konflikten beteiligt ist. Einer der Wagen hat auch ganz klar die Botschaft "Stop to sell weapons", also den Waffenverkauf zu stoppen. Die Botschaft des Karnevals soll aber über die deutsche Bevölkerung hinaus getragen werden, es soll eine globale Message sein. Es geht darum, dass wir anerkennen müssen, dass wir multikulturell geworden sind und darin die positiven Aspekte erkennen sollten – und sehen, dass wir zusammenleben können. 

Ist auch das von der AfD geprägte ablehnende Klima in Deutschland ein Thema?

Nach dem, was jetzt politisch geschehen ist, ist uns der Karneval noch wichtiger. Umso mehr wissen wir, warum wir das machen. Definitiv spielt es auch für alle Beteiligten eine Rolle. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Situation auch in den Redebeiträgen Erwähnung finden wird.  

Gibt es spezielle Sicherungsmaßnahmen für den Karneval, der ja offiziell eine angemeldete Demonstration ist?

Erst einmal ist alles mit der Polizei abgesprochen. Die wird auch schon gleich um 10 Uhr in der Früh da sein, wenn die ganzen Wagen ankommen. Da wird alles durchgegangen. Dann stellt auch jeder Wagen mindestens zehn Sicherheitskräfte, die rosafarbene Westen mit dem "My Right Is Your Right!"-Emblem tragen. Und wir haben eine Sicherheitsstruktur aufgebaut mit Walkie-Talkies und Absprachen - eben auch mit der Polizei. So sind die allgemeinen Auflagen.

Das Interview führte Sabine Prieß

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