Zahlreiche Menschen nehmen am "Carnival Al-Lajiìn_Al-Lajiàat / Karneval der Geflüchteten" am 20.03.2016 auf dem Platz der Luftbrücke in Berlin teil (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 20.03.2016 | Freya Reiss

Kritik an anti-israelischen Teilnehmergruppen - "Karneval der Geflüchteten" zieht durch Kreuzberg

Bei leichtem Nieselregen ist am Sonntag der "Karneval der Geflüchteten" vom Platz der Luftbrücke durch den Berliner Stadtteil Kreuzberg gezogen. Die Teilnehmer wollten mit kreativen Mitteln gegen eine ausgrenzende Flüchtlingspolitik demonstrieren, wie es hieß. Doch auch am Karneval selbst gab es Kritik.

Der "Karneval der Geflüchteten" ist am Sonntagnachmittag durch Berlin gezogen. Die Berliner Polizei zählte rund 2.500 Teilnehmer bei dem Umzug, die Veranstalter sprachen von 5.000 Menschen. Sie versammelten sich zunächst am Platz der Luftbrücke in Berlin-Tempelhof, um gegen die geplante Unterbringung von weiteren Tausenden Flüchtlingen auf dem nahe gelegenen Tempelhofer Feld zu demonstrieren.

Von da zogen die Flüchtlinge und Unterstützer durch den Berliner Stadtteil Kreuzberg. Die Route führte dabei über den Mehringdamm, die Gneisenau- und Baerwaldstraße und Gitschiner Straße in Richtung Kottbusser Tor. Von da ging der Karnevalszug weiter über die Reichenberger Straße und Ohlauer Straße, um am Abend mit einer Abschlusskundgebung am Spreewaldplatz zu enden. 

Flashmobs, Performances und Workshops

Zu dem Karneval einen Tag vor dem Internationalen Tag gegen Rassismus hatte ein selbstorganisiertes, anti-rassistisches Bündnis aufgerufen, das sich nach eigenen Angaben im November 2014 mit dem Ziel gegründet hatte, sich in die Berliner Flüchtlingspolitik einzumischen. Unterstützt wurde ihre Aktion unter dem Motto "My Right is Your Right" unter anderem von Berliner Theatern, Gewerkschaftern, Kirchenvertretern und Nachbarschaftsinitiativen.

Laut Veranstalter war das Ziel des Karnevals, auf die Lage vieler Flüchtlinge in Berlin aufmerksam zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Probleme und Gefühle - auch künstlerisch - auszudrücken. Deshalb gab es im Rahmen des Umzugs neben Musik und Kostümen auch Flashmobs, Performances und Workshops. Damit wollte man nach Karnevalstradition den herrschenden Strukturen eine Kultur des Lachens und des kreativen Widerstands entgegensetzen, hatte es im Vorfeld geheißen.

Polizei mit 170 Beamten im Einsatz

Neben einer unterhaltsamen Aktion für Flüchtlinge gehe es aber auch darum, die Berliner für das Thema zu sensibilisieren, wie Mitorganisatorin Maryam Graßmann rbb online im Interview vorab sagte: "Der Karneval will in erster Linie die deutsche Bevölkerung erreichen, um die Wahrheit der Geschichten und das Innere der Geflüchteten aufzuzeigen. Aber wir wollen auch klar machen, dass es so, wie die politische Entwicklung verläuft, kein Wunder ist, wenn immer mehr Flüchtlinge kommen", sagte Graßmann.  

Die "Karnevalisten" zogen hinter acht, mit politischen Botschaften versehenen Umzugswagen hinterher, auf denen unter anderem ein Bleiberecht und die Bewegungsfreiheit für die Flüchtlinge gefordert wurden. Die Polizei war mit rund 170 Beamten im Einsatz, um den friedlichen Verlauf zu gewährleisten. "Wir wünschen uns, dass es friedlich bleibt, wissen aber auch, dass Emotionalität im Raum steht. Deshalb sind wir auf alles vorbereitet, um sensibel, aber auch konsequent vorzugehen", hatte Einsatzleiterin Tanja Knapp dem rbb-Inforadio am Sonntagmittag gesagt.

Streit um Teilnehmergruppen

Dass der Karneval nicht nur auf Begeisterung stieß, hatte sich vorab in den sozialen Medien abgezeichnet. Denn israel-feindliche Gruppierungen hatten ebenfalls zur Teilnahme am Karneval aufgerufen, was vor allem von linken Gruppen oder auch dem "Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus" heftig kritisiert wurde.

So wurden als Beteiligte am "Karneval der Geflüchteten" unter anderen die "BDS Group Berlin" und "F.O.R. Palestine" aufgeführt, die in der Vergangenheit wiederholt die Abschaffung Israels gefordert haben. Mittlerweile ist die Liste der Beteiligten auf der offiziellen Website nicht mehr verfügbar - aber in älteren Mitteilungen nachzulesen.

Auf die Kritik an den Bündnispartnern angesprochen, reagierten manche Teilnehmer eher genervt. "Wir haben diesen Karneval ein Jahr lang vorbereitet, um über die Geflüchteten und ihre Rechte zu reden. Wenn irgendein Idiot sich ein Mikrofon nimmt und was anderes sagt, dann können wir das nicht verhindern", sagte etwa Stefan Fischer-Fels vom Berliner Grips Theater am Sonntag dem rbb. Das Bündnis des Karnevals erklärte auf Nachfrage der rbb-Abendschau, dass es Aktionen Einzelner nicht verhindern könne, der Karneval aber ein Zeichen gegen jede Form von Rassismus - also auch gegen Antisemitismus - setzen und für Menschlichkeit eintreten wolle.


Mit Informationen von Michael Hölzen

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