Flüchtlinge stehen in Berlin auf dem Gelände der Rudolf-Harbig-Halle (Quelle: dpa)

Posse um Notunterkünfte am Berliner Olympiastadion - 1.100. Nein, 150! Ach so, doch 1.100.

Der Landessportbund fordert den Bürgermeister auf, die beiden Großsporthallen am Olympiastadion freizugeben - schließlich seien dort zeitweise nur noch 80 Flüchtlinge untergebracht. Die Sozialverwaltung dementiert, bestätigt - und dementiert diese Zahlen wieder. Wer hat recht? Von Sebastian Schneider und Robin Avram

Wieviele Flüchtlinge sind wo in Berlin untergebracht? Den Überblick über diese wichtige Frage sollte eigentlich die Sozialverwaltung des Senators Mario Czaja (CDU) haben. Doch zeitweise scheint dieser Überblick ziemlich verlorenzugehen. Das haben Recherchen von rbb online am Donnerstag gezeigt. "Es tut uns leid, wir hätten da nochmal nachfragen sollen", entschuldigte sich die Sprecherin Monika Hebbinghaus am Nachmittag.

Was war passiert?

Der Landessportbund Berlin (LSB) hatte den Senat aufgefordert, die Sporthallen am Berliner Olympiastadion freizugeben - und sie nicht länger als Notunterkünfte für Flüchtlinge zu nutzen. In der Rudolf-Harbig-Halle und im Horst-Korber-Zentrum seien zeitweise nur noch 80 Flüchtlinge untergebracht, schrieb der LSB-Präsident Klaus Böger in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Das Schreiben liegt dem rbb vor.

Angesichts dessen sei "die langfristige Zweckentfremdung dieses Hightech-Zentrums des Berliner Sports nicht zu rechtfertigen", argumentiert Böger. Durch die Belegung mit Geflüchteten würden an den Hallen Schäden in Höhe von 4,3 Millionen Euro entstehen.

Erste Anlaufstelle für Geflüchtete, die über Bayern nach Berlin kommen

Anruf bei der Sozialverwaltung: Die stellvertretende Sprecherin Monika Hebbinghaus dementiert die Zahl des LSB. Die beiden Hallen seien nicht mit 80, sondern mit 1.100 Menschen belegt. Rbb online berichtet und veröffentlicht das.

Rückruf von der Sozialverwaltung: Regina Kneiding, die Sprecherin und Vorgesetzte von Hebbinghaus korrigiert die Aussagen ihrer Kollegin: Die Kapazität der beiden Hallen betrage 1.100 Menschen, untergebracht seien dort derzeit aber nur 150 Menschen.

Die Sportstätten sind die erste Anlaufstelle für Geflüchtete, die aus Bayern nach Berlin kommen, mindestens bis zum 9. August sollen sie das auch bleiben, entschied der Senat. Die niedrigeren Zahlen begründet Regina Kneiding damit, dass momentan weniger Flüchtlinge Berlin über die Bayern-Route erreichten. Zum anderen würden die Menschen nach ihrer Ankunft tagesaktuell registriert und danach sofort in andere Unterkünfte geschickt.

"Wir wollen die Hallen natürlich so schnell wie möglich freigeben, genau wie der Landessportbund, sagt Kneiding. Aber: "Im Moment kommen pro Tag etwa 150 Geflüchtete nach Berlin. Im Januar hat die Stadt immer noch viermal so viele Menschen aufgenommen wie im Januar 2015." Der Eindruck, dass sich die Lage in Berlin deutlich entspannt habe, könne deshalb täuschen.

Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes Berlin (Quelle: dpa)
Der LSB-Präsident Klaus Böger fordert, die Hallen am Olympiastadion freizugeben

"Kann mir nicht erklären, wie die Verwaltung auf diese niedrigen Zahlen kommt"

Tatsächlich täuscht sich allerdings Kneiding mit ihren Zahlen, wie eine Nachfrage bei einem Verantwortlichen des Unterkunftbetreibers Albatros zeigt. "Am Mittwoch hatten wir hier 1.100 Menschen, am Donnerstag waren es mehr als 1.000", so seine überraschende Auskunft. "Wie die Gesundheitsverwaltung auf so viel niedrigere Zahlen kommt, kann ich mir nicht erklären. Die beiden Unterkünfte sind im Moment die zentralen Transithallen für Flüchtlinge in Berlin", sagt der Mann am Donnerstagnachmittag rbb online.

Damit konfrontiert, wie der Landessportbund dann auf die Zahl von 80 Flüchtlingen kommt, erklärt Heiner Brandi, der LSB habe diese Zahl am 12. Februar ermittelt. "Das ist der niedrigste Stand gewesen, der dem LSB bekannt ist", räumt Brandi allerdings ein. Seit dem 22. Februar sei die Zahl wieder gestiegen. Zuletzt seien insgesamt 800 Menschen in den beiden Hallen untergebracht gewesen.

Auch die berechneten 4,3 Millionen Euro Schaden in den Hallen seien der Höchstwert - so teuer werde es nur, falls beide Hallenböden ausgetauscht werden müssten. Das sei aber noch nicht sicher. Für den Plan des Senats, die Hallen als Reserve weiter zu belegen, zeigt Brandi dennoch kein Verständnis. "Es gibt doch Alternativen, zum Beispiel die Messe Berlin", rechtfertigt er sich.

Es entsteht der Eindruck: Der Landessportbund wollte hier mit nicht mehr aktuellen Zahlen Druck auf die Politik ausüben. Aber warum hat die Sozialverwaltung erstmal in diesen Chor eingestimmt?

"Wir haben das nicht genau genug gecheckt"

Drittes Gespräch mit der Verwaltung, jetzt ist wieder Monika Hebbinghaus dran. Sie bestätigt: Es sind derzeit tatsächlich wie vom Betreiber angegeben 1.100 Flüchtlinge in der Halle untergebracht. Wie die zwischenzeitlich kommunizierte Zahl von 150 Flüchtlingen zustande kam? Hebbinghaus erklärt das mit den Worten: "Die Liste mit den Belegungszahlen wird wöchentlich aktualisiert, wir haben das nicht genau genug gecheckt."

Ihr Chef wenigstens, der CDU-Sozialsenator Mario Czaja, hat dann bis zum Abend den Überblick - so ungefähr jedenfalls: "Gestern waren 1.000 Flüchtlinge in der Unterkunft", berichtet Czaja in der rbb-Abendschau.

Das Sportzentrum am Olympiastadion

Beitrag von Sebastian Schneider und Robin Avram

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