Der syrische Flüchtling Mustafa Suleiman in Kroatien (Quelle: Mohammad Al Bdewi)

rbb-Dokumentation | Flucht nach Berlin - Die Odyssee der Familie Suleiman

Mustafa Suleiman kommt aus Raqqa, der Hauptstadt des "Kalifats", das die Terrormiliz Islamischer Staat ausgerufen hat. Als sein Haus bombardiert wird, verlässt er mit seiner Familie Syrien. Er will nach Berlin. Viktoria Kleber hat die Familie für eine rbb-Dokumentation auf ihrer Flucht begleitet.

Um 19.00 Uhr, so hat Mustafas Suleiman es mit dem Schlepper ausgemacht, wird er ihn, seine Frau Abeer und seine drei Kinder vor einem Hotel in Izmir abholen und dann in ein Schlauchboot setzen, dass ihn übers Mittelmeer bringen soll. Vier Stunden hat er nun noch Zeit. In kleine Plastiktüten verpackt er im Hotelzimmer alle wichtigen Dokumente und sein Geld, bindet es sich mit festem Klebeband an seinen Körper. "Ich bin sehr nervös", sagt er. "Extrem nervös." Für die ganze Familie hat er Schwimmwesten besorgt. "Ich hoffe nur, dass wir sie nicht brauchen." Doch ob die Schwimmwesten die Familie im Notfall retten wird, weiß Mustafa Suleiman nicht. Viele sind mit Stroh gefüllt, ziehen die Flüchtenden im Wasser noch schneller nach unten.  

Als eine Bombe ihr Haus zerstörte, beschloss die Familie aus Syrien zu fliehen. "Es war nicht mehr auszuhalten", sagt Abeer Suleiman. "Ich hoffe nur, dass wir alle zusammen über das Mittelmeer kommen und keinen von den Kindern verlieren. Wenn wir sterben müssen, dann hoffe ich, dass wir alle gemeinsam sterben."

Der syrische Flüchtling Mustafa Suleiman und seine Kinder im in Griechenland (Quelle: Mohammad Al Bdewi)
Familie Suleiman in Griechenland

Von Izmir auf die griechische Insel Chios

Über einen Tracker in ihrem Mobiltelefon verfolgen wir am Abend den Weg der Familie Suleiman. Zunächst geht es in die Küstenstadt Çesme, von dort aus aufs Meer. Der Punkt auf der Karte, auf der wir die Suleimans verfolgen, geht schnell übers Mittelmeer - doch dann stoppt er. Später wird Mustafa Suleimen uns erzählen, dass der Motor kaputt gegangen ist. "Die Wellen waren unglaublich hoch, ich habe den Tod gesehen." Doch die griechische Küstenwache kam, brachte das Boot an Land der Insel Chios und die Flüchtenden ins Flüchtlingslager.

Es ist das erste Mal, das Familie Suleiman nun auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die Zelte, die das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen hier zur Verfügung stellt, reichen bei weitem nicht aus. Nachts ist es kalt. "Wir haben nicht geschlafen", sagt Abeer Suleiman,"die Decken haben gerade für unsere Kinder gereicht." Zwei Tage müssen sie auf Chios verweilen, bis ein Dampfer sie nach Athen bringt.

Der syrische Flüchtling Mustafa Suleiman und seine Kinder im Zug (Quelle: Mohammad Al Bdewi)
Keiner ist in Europa so schnell unterwegs wie die Flüchtlinge

Im Eiltempo durch Europa

In Athen steigt die Familie in Busse Richtung mazedonischer Grenze. Es ist Ende September, als die Familie am griechisch-mazedonischen Grenzübergang für einige Stunden wartet. Sie werden in Gruppen aufgeteilt, denn auf dem Weg nach Mazedonien sind zuvor einige Flüchtende überfallen worden, ihr Hab und Gut wurde ihnen abgenommen. "In großen Gruppen müssen wir keine Angst haben", sagt Mustafa, "ich hoffe, dass alles gut geht."

Nach Mazedonien reisen die Suleimans im Eiltempo durch Kroatien, Serbien und Ungarn. Keiner ist im Herbst 2015 so schnell unterwegs in Europa wie die Flüchtlinge. 24 Stunden am Tag werden sie von einer Grenze zur nächsten gekarrt und in Bussen durch das Land gefahren. Die Regierungen haben Angst, dass eine Grenze dicht macht und viele Flüchtlinge dann in ihrem Land bleiben wollen - darum geht es so schnell voran.

Ungarn - das Land vor dem sich Mustafa am meisten fürchtet

In Hegyeshalom, in Ungarn, treffen wir Familie Suleiman wieder. Um 2 Uhr nachts steigen die Suleimans mit rund 700 anderen Flüchtenden aus dem Zug. Es ist kalt. Drei Kilometer Fußmarsch bis nach Österreich liegen vor ihnen. Die drei Kinder sind erschöpft, sie schreien. Vor allem der Kleinste, Karam, gerade mal ein Jahr, hat Durst und brüllt.
Und dennoch: Mustafa ist erleichtert Ungarn gleich zu verlassen. Es ist das Land auf der Balkanroute, vor dem er sich am meisten gefürchtet hat. Denn bis im Spätsommer 2015 hat Ungarn noch Fingerabdrücke genommen, dann bestand die Gefahr dorthin zurückgeschickt zu werden - auch wenn man schon lange in Deutschland angekommen war. In Ungarn landen viele Geflüchteten im Gefängnis. "Es ist menschenunwürdig", sagt Mustafa. "Auch jetzt haben die Ungarn uns am ganzen Körper durchsucht, uns Feuerzeuge und Zigaretten abgenommen."

Kurz vor dem Grenzübertritt verteilen Freiwillige Essen und Trinken, auch für die Kinder. "Endlich", sagt Abeer Suleimen. Den ganzen Weg über hat ihr Baby geschrien. Mit Babynahrung lässt sich Karam beruhigen.

Der syrische Flüchtling Mustafa Suleiman und seine Kinder in Berlin am Bahnhof (Quelle: Mohammad Al Bdewi)
Ankunft in Berlin

Berlin - das Ziel der Familie Suleiman

Am nächsten Morgen steigen die Suleimans am Wiener Hauptbahnhof in den Zug nach Deutschland. Sie sind müde und sie sind erleichtert. "Zwei Wochen habe ich nicht mehr geduscht", sagt Mustafa. "Schau uns an, wie wir riechen." Nach dem Grenzübertritt nach Deutschland müssen sie ihre Fingerabdrücke abgeben, dann fährt ein Zug sie nach Berlin.
Am Hauptbahnhof wartet Mustafas Bruder Ibrahim auf die Familie. Als die Türen aufgehen, steigt Mustafa aus und nimmt seinen Bruder in die Arme. Sie küssen sich mehrmals auf die Wange. "Es ist so schön, dass wir endlich da sind", sagt Mustafa. Bruder Ibrahim ist selbst erst seit kurzem als Flüchtling anerkannt. Er hat einen Schlafplatz für die Familie bei Freunden organisiert. Dass die Zustände in Berlin rund um die Flüchtlinge chaotisch sind, hat er Mustafa bereits erzählt. Doch das scheint in diesem Moment egal. "Wir haben es geschafft", sagt Mustafa. "Wahnsinn."

Der Film "Flucht nach Berlin - Die Odyssee der Familie Sueliman“ ist am 19.03.2016 um 18:32 Uhr im rbb-Fernsehen zu sehen.

Beitrag von Viktoria Kleber

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