Ein geflüchteter Mensch hält seine Wartemarke fürs Lageso in der Hand (Quelle: rbb/Julia Camerer)

Junger Afghane ringt mit dem Berliner Lageso - Wenn die Tage aus Warten bestehen

Die Lage am Berliner Lageso hat sich deutlich entspannt, längst campieren keine Flüchtlinge mehr draußen auf dem Gelände. Das heißt aber nicht, dass nicht mehr gewartet wird. Julia Camerer hat einen jungen Asylbewerber einen Tag am Lageso begleitet.

Es ist 5:30 Uhr, als Nowroz sich in die erste Warteschlange für diesen Tag stellt. Er hat einen Termin beim Lageso. Für 8 Uhr ist er bestellt. Es geht darum, dass er jetzt offiziell zur Untermiete wohnen darf und deswegen Geld für die Selbstverpflegung bekommen müsste. Doch ihm ist schon jetzt klar, dass der Tag lang wird.

Nowroz kennt das Lageso seit September vergangenen Jahres, als er nach monatelanger Flucht aus Afghanistan in Berlin gelandet ist. Über persönliche Bekanntschaften gelangte Nowroz damals direkt an ein Berliner Ehepaar. "Wenn die beiden mich nicht in ihre Familie aufgenommen hätten, wäre ich verrückt geworden oder hätte mir das Leben genommen, mir ging es sehr schlecht", erinnert er sich.

Eva und Alfred aus Steglitz hatten ein Zimmer übrig - und ein Ziel: "Wir haben die Leute gesehen, die hier auf der Straße gelebt haben, und ich habe mich zu Tode geschämt, dass in Berlin Leute auf der Straße leben, während wir so viel Platz haben", erinnert sich Eva. Das Ehepaar entschied, Nowroz aufzunehmen und dachte, dass eigentlich alle froh darüber sein müssten. "Aber das war eine Odyssee ohne Ende."

Traumatisiert in Berlin angekommen

Man sieht es ihm heute - acht Monate später - nicht mehr an, wie geschwächt er war. Nowroz ist Mitte 20, er hat ein abgeschlossenes Politikstudium – und keine Familie mehr. Viele waren schon tot, als er sich auf die Flucht begeben hat. Dass seine Eltern schließlich auch von den Taliban ermordet wurden, hat er in einem Flüchtlingslager in Italien erfahren. So kam er in Berlin an. "Nowroz war in einer ganz schwierigen seelischen Situation, in der es nach dem Verlust der Familie um Leben und Tod", erinnert sich Alfred. Seine Frau ist Sozialpädagogin, er ist Arzt.

Helfer erschrocken über Menschenfeindlichkeit in der Behörde

Das nach Außen sichtbare Chaos am Lageso gibt es jetzt im April nicht mehr. Um kurz nach halb sechs hat ein Mitarbeiter Nowroz‘ Terminzettel überprüft und ihm eine Wartenummer in die Hand gedrückt. Es ist die 1594. Er darf nun hinter die Absperrung. Mit ihm warten hier um die 200 Flüchtlinge. Die meisten sind dunkelhaarige Männer zwischen 20 und 40 Jahren.

Niemand regt sich auf oder schimpft. Anders Alfred und Eva. Obwohl sie gemütlich bei Wein und Wasser in ihrem Wohnzimmer in Steglitz sitzen – die Wut ist sofort wieder da. "Hätten wir vorher gewusst, was das an Zeit kostet, an Arbeit, an Behördenwillkür, welche Wut in einem aufsteigt, ich glaube nicht, dass ich das gemacht hätte", erklärt Eva. Man habe am Lageso ja nicht nur gewartet, sondern eine Unfreundlichkeit bis hin zu Menschenfeindlichkeit kennengelernt, erinnert sich Alfred. "So was habe ich noch nie kennengelernt, dass man vor einer Behörde steht und niemand ist zuständig und gibt einem Antwort oder man kann nachfragen."

Mit einem Zettel von Haus zu Haus geschickt

Auf den ersten Blick hat sich vieles entspannt. Antworten aber gibt es auch heute keine auf Nowroz‘ Fragen. Nach dreieinhalb Stunden erscheint seine Nummer. Schnell schlüpft er unter dem Absperrband durch. Er bekommt Einlass in einen Raum, in dem ihm eine Sachbearbeiterin einen Zettel in die Hand drückt. Wortlos versucht sie ihm mit hilflos wirkender Pantomime verständlich zu machen, dass er hier warten soll. Dabei spricht Nowroz inzwischen Deutsch. Englisch sowieso. In Kabul hat er als Übersetzer gearbeitet für die amerikanischen Soldaten.

Von Haus A wird er nun zum Haus J geschickt. Warum und was dort geschieht, kann ihm niemand sagen. Immerhin wartet er dort nur ein paar Minuten im Treppenhaus. Dann steht er in einem Großraumbüro, in dem die Mitarbeiter so eng nebeneinander arbeiten, dass sich ihre Schultern fast berühren. Ein junger Mann nimmt wortlos den Zettel entgegen, den Nowroz gerade erst ausgehändigt bekommen hat, tippt ein paar Sekunden in den Computer und drückt ihm einen neuen Zettel in die Hand. Auf dem steht seine nächste Station: Zelt 7b.

Flüchtlinge warten im Zelt vorm Lageso (Quelle: rbb/Julia Camerer)
Stühle gibt es nur an einer Seite, ansonsten nur Stehplätze.

Es ist ein großes überheiztes Wartezelt. Ein kleines Mädchen schreit minutenlang. Alle versuchen wegzuhören. Nowroz erzählt, dass er Nachrichten aus Afghanistan nicht ertragen kann. Sie machen ihn tagelang traurig. Seine Gasteltern berichten, dass die anfängliche Willkommens-Euphorie einem Alltag gewichen ist, der vieles Fremde und Befremdliche hat. Irgendwann kommt ein junger blonder Mann ins Zelt. Alle scheinen zu wissen was jetzt passiert: Sie stehen auf und versammeln sich um ihn.

Behördenmitarbeiterin stellt keine Fragen

Der Mann ruft die Namen derer auf, die ihm folgen sollen – und zwar wieder zurück ins Haus A. Nowroz muss dieses Schauspiel ein paar Mal erleben, bevor sein Name dabei ist. Schließlich ist auch er zurück in Haus A. Hier nimmt ihm eine Sachbearbeiterin seinen Ausweis und den Berlinpass ab und verschwindet. Nowroz muss weitere drei Stunden warten, bevor sie ihn ins Büro ruft. Es ist inzwischen nach 19 Uhr.

Als er wieder aus dem Büro kommt, ist er niedergeschlagen: "Sie brauchte fünf Minuten. Ich wollte ihr erklären, worum es geht. Aber sie sagte, das kannst du beim nächsten Termin machen. Sie hat alles erledigt, ohne mich einmal anzuhören."

Seit dem 21. März hat Nowroz die offizielle Genehmigung, nicht mehr im Erstaufnahmelager wohnen zu müssen. Doch er hat wieder nur einen Bescheid für Taschengeld bekommen, wie es Flüchtlinge in Unterkünften bekommen, in denen sie mit Essen versorgt werden. Doch er muss sich selbst versorgen und ihm steht Verpflegungsgeld zu.

Für ihn ist es erniedrigend, Eva empört sich: "Er hatte alle Belege dabei, den Mietvertrag mit dem notwendigen Stempel und die Aussetzung der Wohnverpflichtung. Sie hätte nur die Papiere anschauen müssen!" Da wisse man nicht mehr, was man dazu sagen soll, meint Eva. "Ob man lachen soll, vor Wut platzen oder sich fragen, in welchem Kafka-Roman man gelandet ist."

Für Nowroz und seine Berliner Gasteltern hat sich in den vergangenen acht Monaten wenig verbessert. Dieser Tag am Lageso sei beispielhaft: 14 Stunden warten, und das Ergebnis ist ein falscher Bescheid. Gegen den leiten sie natürlich Widerspruch ein - wieder einmal.

tagebuch: Vom warten am lageso

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Beitrag von Julia Camerer

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