Übergangswohnheim in Berlin-Köpenick, Salvador-Allende-Viertel, undatierte Aufnahme, Foto: Imago/Hans Scherhaufer
Audio: Inforadio | 08.06.2016 | Marion Lucke

Container-Flüchtlingsdorf Köpenick - Vom Protest zur friedlichen Koexistenz

Vor eineinhalb Jahren kam das erste Containerdorf im Köpenicker Allende-Viertel kaum aus den Schlagzeilen. Noch bevor die ersten Flüchtlinge einzogen, marschierten die Rechten durchs Viertel - die Vorbehalte, auch die der Anwohner, waren groß. Doch dann formierte sich die Anwohnerinitiative "Allende2hilft". Von Marion Lucke

Kaum eine der Berliner Not- und Sammelunterkünfte für Flüchtlinge ist so bekämpft worden wie das erste Containerdorf im Köpenicker Allende- Viertel vor eineinhalb Jahren. Die Anlieger waren anfangs aufs Heftigste beunruhigt. Es gab Demonstrationen. Und fast ein Jahr hielten NPD-Anhänger noch Mahnwachen vor der Unterkunft. Inzwischen hat sich die Lage deutlich entspannt. Wie ist das gelungen und was ist der Stand der Dinge eineinhalb Jahre danach? 

Teile der Nachbarschaft fremdeln noch

Die Vögel zwitschern und nehmen ein Sonnenbad. Hochhausblöcke des Wohnviertels Allende 2 liegen fast idyllisch zwischen Kiefern und Birken, die farblich aufgepeppten Platten sind nicht weit vom Müggelsee entfernt. Dazu kommen ein Supermarkt, ein Lottoladen, ein Seniorenheim, eine Grundschule, die Kita und mittendrin - auf eine Brache gesetzt - das Containerdorf.

Auf die Frage, was sie mitbekommen von den Flüchtlingen, sagen die meisten Anwohner: "Nicht viel." Manche finden es seltsam, dass sie "morgens um fünf schon an der Bushaltestelle stehen“. Andere bemängeln, dass "die ganze Nacht Licht brennt". Man fremdelt noch. Auch im benachbarten Seniorenheim war die Skepsis anfangs groß. Inzwischen nicht mehr, sagt Leiter Christian Wölfel. "Die Erfahrungen sind hauptsächlich so, dass es wie eine normale Nachbarschaft ist und wir genau so viel oder wenig Kontakt haben. Es ist alles sehr ruhig hier."

Das bestätigt auch ein Vater, der seine Tochter auf dem Schulweg begleitet. Aber nicht weil er Angst um sie hat, sagt er. Einfach nur so.

Drei junge Syrer rauchen eine Shisha im Containerdorf Allendeviertel, Foto: P. Hermanns/rbb-inforadio ©
Drei Shisha rauchende Syrier

Das Fußballtraining ist ein Highlight

Schön, dass das inzwischen so ist, freut sich der Leiter der Flüchtlingsunterkunft, Peter Hermanns, beim Gang durch das "Dorf", das aus zwei sich gegenüber stehenden, bunt abgesetzten, dreistöckigen Containerreihen und dazwischen einer Grünfläche besteht. "Es gibt hier eine sehr engagierte Gartenbauinitiative, die zusammen mit Bewohnern die Beete pflanzt. Teilweise Zier- und teilweise Nutzpflanzen, die dann auch geerntet werden", so Hermanns. Das Gemüse und die Kräuter werden in den Gemeinschaftsküchen auf jeder Containeretage gebrutzelt.

Auf dem Gelände liegt ein Spielplatz für Kleinkinder, am anderen Ende der für die Großen mit Torwand und Basketballkorb. Auf einer Bank sitzen junge Männer, die Shisha rauchen. Aus ihrem CD-Player ertönt orientalische Musik. Woher sie kommen? Aus Syrien. Alle drei. Der Anteil der Syrer unter den insgesamt 400 Bewohnern wird immer größer. Zahlreich vertreten sind auch Iraker, Iraner, Afghanen und Eritreer. Zurzeit seien viele Familien mit Kleinkindern da, erzählt der Heim-Chef. Vor allem aber junge Männer zwischen 16 und 25. Kein Wunder, dass Fußball hier ein Highlight ist. "Sehr viele spielen Fußball. Wir haben zweimal in der Woche Training, da nehmen etwa 30 bis 40 Bewohner teil. Schön ist, dass Fußball auch die Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verbindet. Sie haben kein Problem damit, in einer Mannschaft zu spielen und kommen gut miteinander klar. Das ist ein guter Weg in die Integration", sagt Hermanns.

Die Ehrenamtlichen von "Allende2hilft" helfen

Im Erdgeschoß der zweiten Containerreihe befinden sich eine große Waschküche, Werkstatt, Bibliothek, Sport- und Aufenthaltsräume. "Wir haben hier einen Raum mit freiem Internet, wir leihen den Bewohnern auch Laptops aus – so können sie sich per Skype mit ihrer Familie verbinden."

Zwei Erzieher, sechs Sozialarbeiter, zwei Hausmeister, Verwaltungskräfte und der Wachschutz sorgen in Köpenick für einen geregelten Ablauf und das Miteinander. Im Flur hängt ein Wochenplan.

Die Ehrenamtlichen der Anwohnerinitiative "Allende2hilft" hätten einen großen Anteil daran, dass es jetzt so entspannt zugeht, sagt Hermanns. Anfangs gab es, gesteuert von der NPD, Demonstrationen gegen die Flüchtlinge. Die NPD hatte daran anknüpfen können, dass die Anwohner von der Politik nur sparsamst informiert wurden.

So mancher Vorbehalt der Anwohner wurde entschärft

Dirk Warbelow von "Allende2 hilft", Ur-Berliner aus Köpenick, erinnert sich. "Es kam einfach nur die Information, dass ein Containerdorf gebaut wird, in das 400 Flüchtlinge einziehen. Und 'viel Spaß damit' im weitesten Sinne", so Warbelow. Und das in einer Gegend, wo man das bisher nicht kannte, sagt er. Auf die Fragen "wieso, wann und wie" gab es erst einmal keine Antworten vom Bezirk und Senat. "Da waren dann schnell Gerüchte im Umlauf wie die, dass die Kriminalitätsrate steigen würde, auf die Kinder besonders aufgepasst werden müsse und Frauen abends nicht mehr vor die Tür gehen könnten, weil die Ausländer kämen, die ihnen etwas antun könnten", sagt Warbelow. "Es gab beispielsweise mal das Gerücht, der Lidl-Supermarkt würde wegen zu vieler Diebstähle schließen. Einige Monate später hatte er tatsächlich zu. Aber nur, weil angebaut wurde."

So mancher Vorbehalt wurde entschärft, weil es nicht so kam wie befürchtet. Aber damals hat sich Warbelows Initiative erstmal zusammengetan, um Informationen zu sammeln beim Senat und beim Bezirksamt. Und beim Betreiber der Flüchtlingsunterkunft, dem Internationalen Bund, der die ausgestreckte Hand sofort ergriffen hat. Dann haben sie alles ins Netz gestellt. "Wir haben relativ schnell eine Facebook- und eine Internet-Seite ins Leben gerufen und haben da die gesammelten Informationen verbreitet", erzählt Warbelow.

Die, die einfach nur Angst hatten, seien dadurch schon etwas beruhigt gewesen. Im Netz haben sie sich auch mit den teils hämischen Kommentaren auseinandergesetzt und ihr Wissen in die allmählich anlaufenden Info-Veranstaltungen eingebracht.

Immer mehr Anwohner wollten den Flüchtlingen helfen

Es ging darum, sich auf die neue Situation einzustellen, sich zu arrangieren; und zu verhindern, dass die Situation eskaliert, als die Flüchtlinge noch gar nicht da waren, die Rechten aber schon durchs Viertel marschierten. Eine Woche später kamen dann die Linken dazu. Und weil gerade Weihnachtszeit war, haben sie beschlossen, parallel zu den Demonstrationen ein Adventssingen zu machen. "In Spitzenzeiten waren das bis zu 80 Personen, die gemütlich mit der Kerze in der Hand beieinander standen und Adventslieder gesungen haben. So haben wir das quasi geblockt bekommen."

Es haben sich dann immer mehr Anwohner gemeldet, die den Flüchtlingen helfen wollten. Mit Sachspenden, aber auch in der Alltags- und Freizeitgestaltung. Damit das Engagement nicht ins Leere läuft, wurde mit der Heimleitung abgestimmt, was gebraucht wurde. Und allmählich entstand ein recht geselliges Miteinander. Das gilt natürlich nicht für alle, räumt der Heimleiter ein. "Vor nicht allzu langer Zeit ist eine Familie mit Tomaten beworfen worden. Es gibt auch verbale Entgleisungen von Nachbarn. Aber: Es sind ganz wenige."

Ein Leben in friedlicher Ko-Existenz

Ruhestörung ist häufiger ein Thema, gerade im Sommer, wenn die Container von der Sonne aufgeheizt und die Bewohner lange draußen sind. Da muss man dann Kompromisse finden, sagt Heim-Chef Hermanns. Es gab auch mal einen Mann, der Frauen belästigt hat. Aber der musste noch am gleichen Tag ausziehen.

Die Anlieger akzeptieren inzwischen, dass es die Unterkunft gibt. Man lebt in friedlicher Koexistenz. Und mehr, so Hermanns, könne man sich erstmal nicht wünschen.
 

Beitrag von Marion Lucke, Inforadio

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