Noch immer 40 Turnhallen mit Flüchtlingen belegt - Bei den Sportvereinen wächst der Frust

Es brodelt im Berliner Breitensport: Viele Turnhallen können von den Vereinen nicht wieder benutzt werden, weil sie nach der Unterbringung der Flüchtlinge nicht saniert wurden oder immer noch belegt sind. So wartet in Wilmersdorf eine Volleyball-Abteilung sehnsüchtig auf die Rückkehr in ihre Sporthalle. Von Jakob Rüger

Es war ein Dienstag im November 2015. Plötzlich musste alles ganz schnell gehen. "Die Information kam irgendwann telefonisch, dass die Halle noch in der Nacht von Flüchtlingen belegt werden soll. Damit war klar, dass wir nicht nur keine Halle mehr hatten, sondern auch, dass unsere ganzen Materialien wie Netze und Bälle in der Halle eingeschlossen waren."

Thomas Raapke ist Leiter der Volleyball-Abteilung des Berliner Sportvereins 1892. Seit einem Jahr ist ihre Heimat - eine Schulsporthalle in der Prinzregentenstraße 34 in Wilmersdorf - eine Notunterkunft für Flüchtlinge. Das erste Mal seit dem Auszug der Sportler ist Thomas Raapke wieder an der Halle. Der Abteilungsleiter Volleyball kann es immer noch nicht fassen, dass bereits ein Jahr ins Land gegangen ist. "Es ist ein merkwürdiges Gefühl, vor der Halle zu stehen, wo ich sonst immer trainiert habe. Die Halle ist immer noch von den Flüchtlingen belegt und es ist nicht absehbar, wann sie wieder als Sporthalle genutzt werden kann." Seit einem Jahr ist der Großteil des Sportunterrichts der benachbarten Leopold-Ullstein-Schule ausgefallen. Ebenso trifft es die Vereine: Tischtennis, Hallenhockey, Handball - fast 1.000 Breitensportler sind allein von der Hallenschließung in der Prinzregentenstraße betroffen.

Vereinsaustritte und sinkende Einnahmen

Seit einem Jahr kann die Volleyball-Abteilung keinen Volleyball-Sport mehr anbieten. "Noch konnte man die meisten Mitglieder bei der Stange halten und sagen: 'Komm, eines Tages geht es wieder.' Doch mit jedem Monat, der ins Land geht, wird es schlimmer. Viele fragen sich, was sie noch in diesem Verein sollen. 'Ich zahle meinen Beitrag und bekomme keine Gegenleistung'." Thomas Raapkes Abteilung drohen Vereinsaustritte und damit sinkende Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge.

Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Dabei geht es gar nicht gegen die Flüchtlinge, der Unmut richtet sich einzig und allein gegen die Berliner Politik. Die hatte versprochen, die Halle Ende des Jahres wieder zur Verfügung zu stellen. Ein Plan, der zum Scheitern verurteilt ist. Die Behörden arbeiten zu schwerfällig und träge. Die Räumungen von Turnhallen und Sanierungen dauern zu lange.

Noch immer sind 40 Sporthallen mit Flüchtlingen belegt

Von 63 als Notunterkünften genutzten Sporthallen sind erst 23 wieder freigezogen. Nur zwei können bereits wieder genutzt werden. 3.543 Flüchtlinge leben nach Angaben der Sozialverwaltung noch immer in den 40 verbliebenen Sporthallen. Sind die Flüchtlinge erst einmal ausgezogen, muss die Halle saniert werden. Der Hausmeister der Sporthalle in der Prinzregentenstraße, Thomas Ernst, zeigt bei einem Rundgang die typischen Abnutzungserscheinungen. "Starke Abnutzungsspuren am Linolium, in den Sanitärräumen. Da ist eine Menge Sanierungsbedarf. Und niemand weiß wie der Hallenboden aussieht. Noch immer wohnen da ja Flüchtlinge und es liegen Fußbodenplatten darüber."

Thomas Ernst zeigt im Keller die Folgen eines Wasserschadens. Sichtbar sind die Schäden an den Decken und auch auf dem Kellerfußboden. So ist die Halle für den Sport nicht wieder in Betrieb zu nehmen. Es muss saniert werden. Doch nach dem Auszug der Flüchtlinge droht Streit. Waren die Schäden bereits vorher da oder wurden sie von den Flüchtlingen verursacht? Thomas Ernst dokumentiert alle auftretenden Schäden. Gutachten müssen dann klären, in welchem Umfang saniert werden soll, das braucht Zeit. Im Horst-Korber-Sportzentrum in Charlottenburg wurde ein halbes Jahr gestritten, welche Schäden saniert werden müssen. Erst jetzt kann die Sanierung beginnen. Gleiches befürchtet Thomas Ernst auch bei der Sporthalle in der Prinzregentenstraße.  "Meine Schätzung ist, dass die Halle das ganze Jahr 2017 nicht genutzt werden kann."

"Das ist ein Totalversagen"

Es ist ein Desaster für die Schüler der Leopold-Ullstein-Schule und für die Vereine. Andere Sporthallen in der Umgebung sind ausgelastet: für den Schulsport und den Breitensport. Der Frust und das Unverständnis auf die Berliner Politik wächst, nicht nur bei Thomas Raapke vom BSV 1892. "Das ist ein Totalversagen der Politik in diesem Bereich."

Was fehlt: Verbindliche Aussagen des Senats zur Zukunft der Sporthallen, es fehlen Alternativen und eine Perspektive, die irgendwann schwerwiegende Konsequenzen für den Breitensport haben kann. "Wenn es Mitte nächsten Jahres weder eine Halle noch eine Perspektive für die Öffnung gibt, dann hört die Volleyball-Abteilung wahrscheinlich auf zu existieren", sagt Thomas Raapke verbittert. Dafür müsste allerdings spätestens im Januar mit der Sanierung in der Prinzregentenstraße begonnen werden. Dort leben allerdings noch immer Flüchtlinge.

Beitrag von Jakob Rüger

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren