Zimmer in der Notunterkunft THF im ehemaligen Flughafen Tempelhof am 28.11.2016 (Quelle: rbb/Thomas Blecha)

Leben in den Hangars - Die Vergessenen von Tempelhof

Mehr als 1.000 Geflüchtete leben noch in den Hangars in Tempelhof. Viele werden dort ihr zweites Weihnachten verbringen. Auf andere Unterkünfte müssen sie noch warten - die Containerdörfer auf dem Vorfeld sind nicht vor Frühjahr 2017 fertig. Von Nina Amin

Eins fällt auf, wenn man tagsüber zwischen den Schlafkabinen in den Hangars umherläuft: Die fast unnatürliche Ruhe, obwohl noch mehr als 1.000 Menschen in den riesigen Hallen leben. "Viele sind natürlich tagsüber unterwegs, die Kinder in der Schule" sagt Michael Elias, Geschäftsführer der Betreiberfirma Tamaja. Aber es sei auffällig, dass viele Bewohner immer ruhiger, teilweise apathisch werden.

"Schlafen und Essen - das sind die größten Probleme"

Mohamed Samer aus Aleppo und Nedah Alatrash aus Damaskus leben schon seit über einem Jahr in Tempelhof. Sie teilen sich eine Schlafkabine im Hangar 2. Ihre Fahrräder hängen an der Kabinenwand, auf dem oberen Platz der Doppelstockbetten liegen die Koffer. Der Schafplatz darunter ist provisorisch mit Laken abgehängt - für ein bisschen Privatsphäre. "Es ist besser geworden", sagt Nedah mit Blick auf sein Bett. "Früher waren wir zu sechst".

Die beiden jungen Syrer haben schon viel erreicht. Mohammed ist Straßenbauer und hat in Berlin gerade ein Praktikum im Gartenbau absolviert. "Aber das ist vorbei. Jetzt mache ich nichts." Nedah ist Koch. Zwei Tage die Woche lernt der 21-Jährige in einem Hotel in der Landsberger Allee den deutschen Küchenbetrieb kennen. Er hat schon viel Deutsch gelernt. Aber das Lernen fällt schwer. "Nachts ist es hier laut, schlafen ist schwer," meint Nedah. Auch, dass er nicht selbst kochen kann, stört den Berufskoch. "Das Essen hier schmeckt nicht so gut." 

"Lethargie und psychische Auffälligkeiten häufen sich"

Nichts zu tun zu haben, nicht selbstständig in den eigenen vier Wänden leben zu können - das zermürbt. Knut Fischer arbeitet seit einem Jahr als Sozialarbeiter für die Betreiberfirma "Tamaja Berlin GmbH". "Immer mehr Bewohner sind depressiv oder selbstmordgefährdet", sagt er. In den Hangars sei keine Therapie möglich, aber Therapieplätze außerhalb seien rar. Oft scheitert es auch an der Sprache. Extra eingestellte Psychologen helfen dem 100-köpfigen Tamaja-Team, den Geflüchteten das Leben einfacher zu machen.

Strenge Sicherheitsvorkehrungen für relative Ruhe

Deren Konzept scheint aufzugehen: Trotz fehlender Privatsphäre sind gewalttätige Vorfälle weniger geworden. Die Notunterbringung vor über einem Jahr ist zur Dauerlösung geworden. Sie wurde ausgebaut - wer jetzt in die Hangars will, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Taschen werden gescannt, wie am Flughafen. "Wirkt übertrieben, ist aber nötig", sagt Geschäftsführer Elias.  "Jetzt gibt es weniger Probleme", sagt auch der Langezeitbewohner Alatrash. Die Sicherheitsleute, die an allen Türen und Bereichen der Hangars stehen, kontrollieren zusätzlich, wer rein und wer raus geht. Einer spielt mit einem kleinen Jungen Ball. Die Mutter zieht ihn weg. "Nicht alle sind gut", raunt die afghanische Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte. 

Sport gegen Langeweile und Frust

Einzigartig für eine Berliner Notunterkunft ist das Freizeitangebot für die Bewohner. In Hangar 1, wo im Herbst 2014 die ersten Geflüchteten in Zelten untergebracht wurden, ist heute eine große Sportarena: ein Boxring, ein abgetrennter Kraftraum, ein Gymnastikfeld. Andreas Schneider koordiniert bei Tamaja die ehrenamtlichen Sportangebote. "Das Angebot der Vereine und von Privatleuten für die Geflüchteten ist riesig", so Schneider. Von Yoga-Klassen für Frauen bis hin zu Kinderzirkus sei alles dabei. "Die Frauen kommen allerdings selten. Meistens sind Männer und Kinder hier."  Ziel sei es langfristig, die Leute in den Sportvereinen in der Umgebung unterzubringen. 

Seit Anfang der Woche hat die Halle eine neue Attraktion: einen Bolzplatz. Mojtaba Yousofi kickt hier mit seinem Freund. Der 14-Jährige lebt mit seinen Eltern in den Hangars. Er geht in Kreuzberg zur Schule, spielt im Fußballverein. Später will er zu Hertha. Dem Hertha-Kapitän, Vedad Ibišević, hat er das schon gesagt, als der den Platz eingeweiht hat. "Aber um Profispieler zu werden, müssen wir gut essen und schlafen," sagt Mojtabas 17-Jähriger Freund Majid, der auch von einer Fußballkarriere träumt. "Das geht in den Hangars nicht."  

Vier von sieben Hangars sind noch bewohnt

Beitrag von Nina Amin

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