Familie Stein und der syrische Flüchtlng Hamid (Quelle: rbb/Sylvia Tiegs)
Audio: Inforadio | 07.12.2016 | Sylvia Tiegs

Reportage | Berliner Familienleben mit syrischem Flüchtling - "Am schwersten ist das Wort Eichhörnchen"

Vor einem Jahr hat Familie Stein aus Berlin-Zehlendorf den syrischen Jugendlichen Hamid als Pflegesohn aufgenommen. Jetzt hat Sylvia Tiegs die Familie zu Hause besucht. Seit Hamid einzog, ist einiges passiert - und seine Zukunft sieht er mittlerweile in Deutschland.

Montagabend um halb acht, Susanne Stein (Name von der Redaktion geändert) brät Steaks, viele Steaks. An die Mengen hat sie sich inzwischen gewöhnt. Denn seit einem Jahr ist die Familie zu fünft: Susanne und ihr Mann Michael, die beiden Töchter Nina, Hanna – und Hamid. Der 18-Jährige ist vor knapp zwei Jahren aus Aleppo geflohen, bei Familie Stein in Berlin-Zehlendorf ist er jetzt angekommen: "Meine Pflegefamilie ist toll", sagt er, "das ist super".

Willkommen auf Arabisch

Dass es "super" werden könnte mit Familie Stein, ahnte Hamid schon, als er vor einem Jahr bei ihnen einzog. Da hatten sie sich schon kennengelernt und gemerkt: Sie mögen sich. Dann kam Hamid in sein zukünftiges Zimmer: gemütlich unterm Dach, Holzfußboden, Bett und Schreibtisch hergerichtet. An der Wand ein Plakat. Hamid hat es hängen lassen: "Meine Pflegefamilie hat es für mich gemacht. Darauf steht auf Arabisch 'Willkommen'. Ich fühle mich hier wie bei meiner eigenen Familie."

Hamid sorgt sich um seine "Pflegeschwestern"

"Er hat es uns aber auch leicht gemacht", sagt die vierzehnjährige Nina über ihren syrischen Pflegebruder: "Er ist mir sehr ans Herz gewachsen, weil er ein offener, lieber Mensch ist und sich für sehr viel interessiert." Dank Hanna und Nina kommt Hamid (der mittlere dreier Brüder) nicht nur in den Genuss, plötzlich großer Bruder zweier Schwestern zu sein. Er bekommt auch hautnahen Anschauungsunterricht, wie Mädchen in Deutschland aufwachsen – im Vergleich zu Syrien.

"Manchmal gab es Diskussionen, wenn sie abends länger alleine weg waren", sagt Susanne Stein. "Wir haben ihm dann erklärt, wie wir unsere Mädchen erziehen, und dass das hier okay ist. Das musste er natürlich erstmal schlucken." Denn Hamid frage nicht aus Kontrollwahn, sondern aus Sorge, warum seine Pflegeschwestern abends alleine unterwegs sein dürfen. Er habe schon öfters erzählt, wie schlimm manche Flüchtlinge über Frauen reden, etwa am Alexanderplatz.

Die Familie vertraut Hamid

Die Art und Weise, wie Hamid davon berichtet und wie er mit ihren Töchtern umgeht, gibt Susanne Stein die Gewissheit: Ihr syrischer Pflegesohn hat nichts gemeinsam mit Männern, die Frauen missachten oder angreifen. Deshalb verunsichere sie der aktuelle Fall in Freiburg überhaupt nicht, sagt sie. Dort steht ein junger Flüchtling unter dem dringenden Verdacht, eine Studentin vergewaltigt und ermordet zu haben.

Sie und ihr Mann vertrauen Hamid, weil er sich seit einem Jahr an ihre Bedingungen hält: "Wir haben von Anfang an gesagt: Tue, was du denkst, aber respektiere, wenn die anderen anders denken."

Und das hat sie ihm natürlich auf Deutsch gesagt. Niveau A2 hat Hamid erreicht. Bis zum höchsten Level, C2, sind es noch vier Stufen. Welche Wörter ihm am schwersten fallen? Hamid verdreht die Augen: "Alle, alle Wörter." Er lacht: "Am schwersten ist Eichhörnchen".

Hamid sieht seine Zukunft in Deutschland

So humorvoll nimmt Hamid viele Hürden auf seinem Weg ins deutsche Leben – bis auf eine: die Geschichte seiner Flucht. Bis Griechenland floh die Familie aus Aleppo gemeinsam, dann zog Hamid alleine weiter über die berüchtigte Balkanroute, bis nach Berlin:  "Ich will das vergessen, es tut noch weh, denn es ist noch frisch für mich."

In Deutschland sieht der 18-Jährige seine Zukunft. Hamid besucht ein Oberstufenzentrum, später will er eine Ausbildung machen. Das kann er auch, denn er hat hier volles Asyl bekommen. Warum ihn die Behörden nicht nach Griechenland zurückgeschickt haben, verwundert und erfreut seine Berliner Pflegeeltern gleichermaßen. Begründet hat das Bundesamt für Migration seine Entscheidung nicht.

Als Hamids Pass im Sommer ausgestellt war, packten die Steins die Koffer – und flogen mit ihm nach Athen zu seinen Eltern und den beiden Brüdern. "Wir konnten uns zwar nicht unterhalten", sagt Susanne Stein, "aber er hat übersetzt. Es war sofort eine große Herzlichkeit da. Das haben wir als extrem rührend und berührend empfunden. Es war wahnsinnig toll."

Eine Brücke zwischen den Familien gebaut

"Es war eine Erleichterung, auch die Eltern zu kennen. So ist jetzt auch eine Brücke zwischen beiden Familien geschlagen", sagt ihr Mann. Eine Brücke, die viel trägt: Hamids Eltern wissen nun, bei wem ihr Sohn in der Fremde lebt – und das wiederum beruhigt Hamid in Berlin: "Wenn meine Eltern glücklich sind, ist für mich alles okay."

Sehr okay findet Hamid auch, dass seine Mutter Rezepte nach Berlin schickt, die seine Pflegeeltern begeistert nachkochen. Den Entschluss, ihn aufzunehmen, hat der Pflegevater kein einziges Mal bereut: "Es ist eine Bereicherung. Man ist ganz anders involviert, beschäftigt sich mit der anderen Gedankenwelt, wie es für ihn ist, in dieser fremden Kultur zu leben."

Auf dem Jugendamt hat man Familie Stein gesagt, sie seien eher die Ausnahme. Immerhin haben haben in Steglitz-Zehlendorf noch 35 weitere Familien den Schritt gewagt, einen jungen Flüchtling in Pflege zu nehmen – so viele wie in keinem anderen Berliner Bezirk. Bei manchen ist es schief gegangen. Nicht bei den Steins, auch wenn es manchmal schwierig war.

Der Text ist eine leicht gekürzte Fassung der Reportage von Sylvia Tiegs. Die komplette Version können Sie oben im Audio-Player hören.

Beitrag von Sylvia Tiegs, Inforadio

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