Der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Volker Schlöndorff nimmt an einer Demonstration unter dem Motto "Schluss mit dem Massenmord in Syrien" am 07.12.2016 vor der russischen Botschaft in Berlin teil (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)

Interview | Volker Schlöndorff über Syrien-Demonstrationen - "Das Nichtstun der Politik treibt uns auf die Straße"

Gegen den Irak-Krieg gingen einst 500.000 Menschen auf die Straße. Gegen den Krieg in Syrien waren es im Dezember gerade mal 2.000. Zu ihnen gehört Regisseur Volker Schlöndorff. Im Interview erklärt er, warum er mit der traditionellen Friedensbewegung inzwischen wenig anfangen kann.

Zusammen mit anderen Kulturschaffenden hatte der Regisseur Völker Schlöndorff Anfang Dezember zu einer Demonstration gegen den syrischen Bürgerkrieg vor der russischen Botschaft aufgerufen. Damals kamen mehrere hundert Menschen. Am 4. Advent gab es eine Demonstration vor dem Berliner Reichstag und eine am Hermannplatz in Berlin. Zu diesen beiden kamen rund 2.000 Menschen.

Herr Schlöndorff, wie enttäuscht sind Sie über die geringe Teilnahme an den Friedensdemonstrationen?

Ich bin nicht enttäuscht, aber ich wundere mich und versuche, es zu verstehen. Hat es vielleicht mit dem Internet zu tun, dass die Leute heute auf eine andere Art und Weise Öffentlichkeit suchen? Das hatten wir ja früher nicht. Wenn uns was nicht gepasst hat, sind wir auf die Straße gegangen. Das scheint aus der Mode zu kommen.

Warum gehen Sie persönlich auf die Straße?

Wenn man so viele von diesen grauenhaften Bildern und Meldungen in sich aufgenommen hat, dann muss man ja irgendwie reagieren. Dann geh ich spontan am liebsten mal raus und spreche mit anderen. Da kann ich mich nicht vor den Computer setzen und irgendwelche Tweets absetzen. Ich glaube, das muss sichtbar sein.

Ist auch eine Art Trägheit und Desinteresse zu bemerken?

Es gibt andere Beispiele, wo es keine Trägheit gab, aber die Leute eigentlich vielleicht viel weniger betroffen sind. Ich muss sagen, das Freihandelsabkommen lässt mich ziemlich kalt. Aber wenn ich einen Flüchtlingsstrom von einer Million Menschen nach Deutschland habe kommen sehen, dann muss ich mich doch fragen: Wo kommen die Leute her? Warum geben sie alles auf, was sie haben? Warum leben sie seit einem Jahr in Turnhallen oder in Tempelhof? Das hat seinen Grund: Das sind die Bombardierungen und das ist dieser Krieg. Eine andere Frage, die ich mir dann stelle: Warum kommen sie selbst eigentlich nicht? Ich glaube, wir haben an die 100.000 geflüchtete Syrer allein in Berlin. Da könnte doch zum Beispiel die Hälfte auf die Straße gehen, wenn es um ihre Heimatstadt geht. Ich verstehe es nicht.

Könnte es sein, dass die komplizierte Interessenlage in Syrien dazu führt, dass es schwer ist, Massen zu bewegen?

Bei Bürgerkriegen ist es so, dass es eigentlich ein sehr einfaches Bild gibt. Es gibt zwei Parteien: Es gibt die, die Waffen haben. Und es gibt die, die keine haben – die Zivilisten. Und die Zivilisten sind immer die Opfer. Denn die, die Waffen haben, halten schön Abstand voneinander und ballern in die Mitte, wo die Zivilisten sind. Das habe ich selbst so während des Libanonkriegs erlebt. Da gab es ungefähr genauso viele Parteien. Es gibt einfach die Zivilisten und für die müssen wir Partei ergreifen – ganz egal, was die da draußen machen.  

Kann es sein, dass eine Art Abstumpfungseffekt eintritt, sodass der Krieg nicht mehr öffentlich von Interesse ist?

Das ist schon möglich. Aleppo ist so nah und wir haben jetzt durch die Flüchtlinge eine direkte Nabelschnur geradezu mit diesem Konflikt. Die Kanzlerin und Volker Kauder haben es angesprochen. Die verstehen auch nicht, dass es da nicht mehr Empörung gibt. Es gäbe dann vielleicht auch mehr Verständnis für die Flüchtlinge.

Sie hatten zur Demonstration vor der Russischen Botschaft aufgerufen. Die üblichen Gruppen der Friedensbewegung wollten da nicht mitziehen. Verstehen Sie das?

Ja, aber ich würde mal sagen, das sind die Ewiggestrigen. Das interessiert mich nicht. Wir wollten darauf hinweisen, dass es außer denen, die mit ihren Kalaschnikows rumhantieren, auch welche gibt, die mit Raketen und Flugzeugen aus der Luft bombardieren. Und eine Stadt wie Berlin, die bombardiert worden ist, die weiß das sehr genau. Das Zynischste daran ist, dass sie gezielt Krankenhäuser und Schulen aus der Luft angegriffen haben, um dadurch Panik bei der Bevölkerung auszulösen, damit die Bevölkerung die Stadt verlässt. Und da gibt es eben doch einen Mann, der den Befehl hat. Das ist Putin. Deshalb fand ich es richtig, dass man ihn anprangert und das man sagt: 'Dieses Aleppo, das wird dein Guernica. Das ist die Schande, die an dir ankleben wird.‘ Wenn man das nicht auf der Straße öffentlich macht, dann geht es gleich zur Tagesordnung über.

Andere warnen davor, nur Russland an den Pranger zu stellen.

Jeder warnt auf seine Weise. Das ist eine Demonstration zunächst einmal in eine Richtung gewesen. Vorm Reichstag war eine andere Demonstration, die von den Syrern selbst organisiert war. Ich glaube, die Hauptsache ist, dass man überhaupt die Kriegsparteien anklagt.

Müssten dann nicht die USA und Europa genauso an den Pranger?

Deshalb gehen wir ja auf die Straße, um überhaupt ein Bewusstsein zu wecken. Natürlich sind wir Europäer auch Schuld. Natürlich haben die Amerikaner Schuld, dass sie da nicht wenigstens schon vor Jahren eine No-Fly Zone eingerichtet haben. Es ist diese Empörung über das Nichtstun der Politik, die uns auf die Straße treibt.

Wie wollen Sie und Ihre Kollegen aus der Kulturszene weiter vorgehen? Ergeben denn Demonstrationen noch einen Sinn angesichts der aktuellen Situation in Syrien?

Man muss weitermachen, weil es ein zweites Aleppo geben wird und man muss ein zweites Aleppo verhindern. Alle, die dort evakuiert werden, werden in eine andere Stadt gebracht und man wird sie dort genauso wenig in Frieden leben lassen oder ihre eigene syrische Republik ausrufen lassen wie in Aleppo. Es ist ganz klar, dass das Morden weitergehen wird.

Das heißt, Sie werden sich weiter engagieren.

Auf jeden Fall!

 

Das Interview führte Norbert Hansen vom rbb-Inforadio

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