Ein Flüchtling namens Elias steht vor der Notunterkunft in Berlin-Tempelhof. (Quelle: rbb/Nina Amin)

Interview | Tamaja GmbH managed THF-Hangars - "Obdachlosigkeit vermeiden ist höchste Priorität"

Seit Ende Oktober betreibt Michael Elias mit seiner Tamaja GmbH die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Zeit zum Vorbereiten gab es nicht, die Hangars mussten rasend schnell bezugsfertig gemacht werden. Jetzt allerdings müsse der Freestylemodus langsam mal beendet werden, sagt Elias im Gespräch mit dem rbb.

rbb: Herr Elias, als Sie diese Aufgabe hier übernahmen – wurden Sie da ins kalte Wasser geworfen oder gab es viel Betreuung vom Senat?

Letztendlich hieß es: machen Sie mal. Aber am Ende ist das hier ein Teamplay. Das heißt alle haben miteinander funktioniert und jeder hat ganz schnell seine Rolle gefunden. Die Sicherung, die Verpflegung, die Reinigung, die Unterbringung und der Rest gingen in enger Abstimmung. Zu sagen wer wann wie kommt, dass die Busse kommen und nicht zehn auf einmal. Dann gab es Fehler und es kamen mit einem Mal drei gleichzeitig und dann standen doch 50 Menschen draußen. Aber das Interessante ist, dass - bei aller anderen ärgerlichen Auseinandersetzung die Operativen aus dieser Ebene schon sehr gut funktioniert haben.

Wie würden Sie Ihre Verpflichtungen beschreiben?

Absolutes Krisenmanagement. Das finden Sie auch in der Industrie, wenn Unternehmen Schieflagen haben, Sanierungen oder Insolvenzen drohen. Hier haben wir noch eine ganz wichtige humanitäre Komponente, nämlich dass von der Handlung Menschen betroffen sind. Wir müssen Kräfte bündeln, Dienstleister an den Tisch kriegen, partnerschaftliche Kooperationen abschließen. Dann auch mal ein Stück weit bereit sein ins Risiko zu gehen, gehört  irgendwie dazu. Wenn man vorher immer weiß was einen erwartet passieren viele Dinge nicht.

Der Senat will diesen Standort ausbauen. Bis zu 7.000 Menschen sollen hier irgendwann leben. Wenn Sie an diese Pläne denken, was haben Sie dann für ein Gefühl?

Im Moment herrscht noch Planlosigkeit. Es kursieren Zahlen von 7.000, 8.500 und 12.000 in der Vergangenheit. Jetzt hat man sich auf diese 7.000 irgendwie eingependelt. Dann tauchen Pläne auf, auf denen irgendwelche Gebäude links oder rechts hingestellt werden. Abwarten.  Wir haben eine faktische Realität, das sind sechs Hangars. Die sind hergerichtet, müssten aber noch fertiggestellt werden, und das beschäftigt uns so dermaßen. Den Rest lassen wir auf uns zukommen. Wir sind jetzt in der 13. oder 14. Woche, und wir sind sehr weit gegangen. Jetzt muss tatsächlich Stabilität in die Prozesse kommen. Wir nennen das den Freestylemodus, in dem wir waren, und der muss jetzt raus. Das könne Sie so vielen Mitarbeiten nicht zumuten, das können Sie den Bewohnern nicht zumuten.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat darauf hingewiesen, dass ich die Fluktuation hier hoch sei. Wohin gehen die Menschen, auch in Wohnungen?

Nein, bis jetzt nicht. Faktisch ist es so, dass hier eine Verdichtung stattgefunden hat, die wahrscheinlich der mangelnden Alternative geschuldet ist. 95 Prozent der Leute, die hergekommen sind, sind noch hier. Die haben teilweise jetzt schon Leistungsbezüge nach SGB II [Arbeitslosengeld II] und sind in Jobcentren gemeldet. Die haben schon längst Anspruch auf andere Unterkünfte. Wir machen das den Behörden gegenüber auch deutlich, ohne die Menschen auf die Straße zu setzen, um ein Mindestmaß an Rechtstaatlichkeit zu dokumentieren.

Sind Sie an dem Punkt zu sagen: Es geht nicht mehr, wir müssen das Konzept ändern?

Nein. Was die Raumkonzepte betrifft, haben wir eine Entwicklung gemacht. Wir haben in Hangar eins mit den Zelten angefangen und haben sehr schnell in Hangar drei und vier mit einem Messe-Leichtbaukonzept weitergemacht. Dort haben wir gelernt, dass die Gänge zu eng waren. Das konnten wir in Hangar zwei korrigieren, auch in denen, die jetzt noch anstehen: fünf, sechs und sieben. Wir stellen fest, dass die Bewohner das annehmen. Sie haben auch innen Freiflächen zum Bewegen. Die Kinder fahren hier Rollerskates und huschen durch die Gegend. Es entstehen Plätze in den Hangars, die von allen genutzt werden können.

Mit der Perspektive, dass die Leute geplant vielleicht vier, fünf, sechs Wochen hier sind halten wir es auch für möglich, das hier sinnvoll zu betreiben.

Die Erfahrung zeigt, dass die Leute jetzt schon zwei bis drei Monate hier sind. Das wird sich auch künftig vermutlich nicht ändern, oder?

Das würde ich anders einschätzen. Dass es jetzt nicht funktioniert, liegt an dieser großen Bugwelle, die seit September, Oktober auf die Stadt zukam. Wir wissen, dass es große Ambitionen gibt, große Gemeinschaftsunterkünfte oder auch Erstaufnahmen mit einem höheren Qualitätsstandard zu öffnen. Wir stehen sehr eng in Verbindung mit dem LKF [Koordinierungsstab für Flüchtlingsmanagement, d. Red.] und haben dort schon so etwas wie Reservierungen, wenn wir wissen, dass in einem Objekt Plätze verfügbar sind. Sodass die Menschen als erstes hier rauskommen und wir hier wieder die Neuannahmen bedienen können. Wenn diese Perspektive nicht wäre, würden wir anders denken. Wir sehen aber die Bemühungen. Wir sehen auch tatsächlich, dass Berlin bis jetzt, toi toi toi, weitestgehend die Obdachlosigkeit vermeiden konnte. Das ist im Moment einfach die höchste Priorität.

Dass der Zustand den wir jetzt haben, das Ergebnis des Gesamtversagens der letzten Jahre ist, das haben wir jetzt alle verstanden. Wir müssen jetzt da durch. Wichtig ist, dass die Leute nicht auf der Straße sind, und dass die Kräfte wirken, um eine langfristige Perspektive zu entwickeln.

Was meinen Sie zu den Plänen des Senats, hier eine Arbeitsvermittlung und Integrationsstelle mit zu integrieren?

Gas geben, forcieren: Das unterstützen wir. Weil die Bewohner hier durchaus einen qualifizierten Hintergrund mitbringen. Die Menschen, die zu uns kommen, hatten einfach das Privileg, hier herzukommen. Das dürfen wir nicht außer Acht lassen. Die Menschen kommen in ihrer Gesellschaft aus der Mittelschicht, die sagen, sie wollen hier aktiv werden. Wenn es da Wege gibt - und die gibt es in Zusammenarbeit mit dem Senat für Arbeit, Integration und Frauen:  Arrivo, Bridge und diese Projekte - und wenn wir das hier verorten können, dann unterstützen wir auch, dass über die Sozialarbeit aktive und fähige Leute ganz schnell in die Arbeit kommen.

Das Gespräch mit Michael Elias führte Nina Amin

Provisorien über Provisorien

Häufig gestellte Fragen

  • Wie viele Flüchtlinge sollen künftig in den Hangars leben?

  • Mit wie vielen schulpflichtigen Kindern rechnet der Senat?

  • Wo sollen die Kinder beschult werden?

  • Welche Hangars sollen belegt werden?

  • Wie sollen sie eingerichtet werden?

  • Welche Neubauten plant der Senat vor Ort, und wo sollen sie stehen?

  • Wie soll die Versorgung mit Sanitäranlagen sein?

  • Sind Gemeinschaftsräume geplant?

  • Wird es Einkaufsmöglichkeiten auf dem Gelände geben?

  • Wo ist das "Willkommen-in-Arbeit-Büro" untergebracht?

  • Sind Anknüpfungspunkte in die umliegenden Wohngebiete geplant?

  • Was wird mit Veranstaltungen, die in den Hangars oder auf dem Vorfeld geplant sind?

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