Hassan (Quelle: rbb/Nina Amin)

Sprachmittler in den Tempelhofer Hangars - "Die Leute hier warten ohne Ende"

Übersetzer werden in den Tempelhofer Hangars dringend gebraucht. Besonders gefragt sind "Sprachmittler" mit Arabisch-Kenntnissen, denn die Hälfte der rund 2.000 Bewohner sind Syrer und Iraker. Hassan Tabanaj ist selbst vor drei Jahren nach Berlin geflohen. Nun hilft er in den Hangars - und freut sich über den Job. Von Nina Amin

Hassan Tabanaj steht - umringt von mehreren Syrern - im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Geduldig fragt der junge Mann aus Damaskus sie nach ihren Papieren, füllt die komplizierten Antragsformulare für ihre Integrationskurse aus. Zwar sind die Formulare teilweise auch auf Arabisch. Aber das "Behördendeutsch" versteht keiner im Hangar, meint Hassan: "Das ist wirklich sehr schwierig, das müssen wir für die Leute ausfüllen."

"In Syrien kann ich nicht helfen - also helfe ich hier"

Eigentlich ist es Hassans Job, als sogenannter Sprachmittler während der Deutschkurse zu helfen. Hassan arbeitet für die Sprachschule "startcon". Die Schöneberger Privatschule führt Einstiegskurse durch, die von der Bundesagentur für Arbeit finanziert werden. Seit die Notunterkunft in Betrieb genommen wurde, bieten Deutschlehrer der Schule in den Hangars täglich Unterricht an. Hassan ist mehrmals wöchentlich dabei und hilft im Unterricht bei Übersetzen.

Für den studierten Kommunikationswissenschaftler ist es sein erster richtiger Job seit seiner Flucht nach Deutschland. In Damaskus hatte Hassan nach seinem Studium im Marketingbereich  gearbeitet. Seine Flucht nach Berlin vor drei Jahren legte sämtliche Karrierepläne erstmal auf Eis. Bei "startcon" bekam er seinen ersten Job in Deutschland. Zwar auf zwei Monate befristet, aber immerhin. Er habe das Bedürfnis, seinen Landsleuten zu helfen, sagt Hassan. "Ich bin seit drei Jahren hier, und ich möchte den Menschen aus meiner Heimat helfen. In Syrien habe ich nicht die Möglichkeit, also mache ich es hier."

Neuankömmlinge kennen die Abläufe nicht

Der 34-Jährige macht viel mehr als "nur" übersetzen. Er hört sich die Sorgen der Hangar-Bewohner an. Alle wollen schnell raus aus der Notunterkunft. Eine Gruppe syrischer Frauen, die seit vier Monaten auf engstem Raum in der lauten Halle lebt, beschwert sich bei seinem Hangar-Besuch: über das Essen, den schlechten Geruch in den riesigen Hallen, die Enge in den Schlafkabinen. Sogar in Syrien wäre es da besser, meint eine junge Frau. Lächelnd schüttelt Hassan den Kopf. Das sei natürlich Quatsch, aber für die Frau eine Art, ihren Frust auszudrücken. "Manche Leute haben keine Geduld, aber es ist auch niemand gekommen, um ihnen zu erzählen, wie es hier läuft. Sie warten nur ohne Ende." Die Menschen hätten keine Ahnung, wie der Prozess ablaufe und wie lange es dauere bis ihr Asylantrag geprüft sei.

Ewiges Warten mit hunderten Menschen auf engstem Raum, lange Schlangen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) - Hassan Tabanaj hat das alles nicht erlebt. Er habe Glück gehabt, dass er schon 2013 nach Berlin kam, findet er - vor den tausenden Flüchtlingen, die seit letztem Jahr in die Stadt kamen. Mit seiner Frau lebt er inzwischen in einer kleinen Wohnung. Das Paar erwartet bald sein erstes Kind. Beruflich will Hassan jetzt durchstarten. Er weiß, dass seine Arabischkenntnisse sehr gefragt sind.

Weitere Übersetzer werden dringend gebraucht

In der Notunterkunft in den Tempelhofer Hangars sind acht vom Senat finanzierte Integrationslotsen im Einsatz. Sie sprechen unter anderem Arabisch und Farsi. Wie der Großteil der Bewohner. Außerdem helfen laut Senat zehn dort untergebrachte Geflüchtete als 1-Euro-Jobber bei leichten Übersetzungstätigkeiten aus.  Bei rund 2.000 Menschen in den Hangars reicht das bei Weitem nicht.

Das weiß auch Sozialsenator Mario Czaja (CDU). Er bekräftigte kürzlich, das Land Berlin brauche in allen Unterkünften mehr Sprachmittler. Für Flüchtlinge sei das eine gute Chance, in Arbeit zu kommen. Konkrete Zahlen, wie viele genau gebraucht werden – landesweit oder in der Tempelhofer Unterkunft - gibt es nicht.

Hassan Tabanaj könnte sich einen Job als Sprachmittler oder Integrationslotse beim Land Berlin vorstellen: "Dann könnte ich beide Ziele erreichen: Den Leuten helfen und meine Karriere machen." Das, schwärmt der junge Syrer lächelnd, wäre toll.

Beitrag von Nina Amin

Das könnte Sie auch interessieren

Zimmer in der Notunterkunft THF im ehemaligen Flughafen Tempelhof am 28.11.2016 (Quelle: rbb/Thomas Blecha)

Leben in den Hangars - Die Vergessenen von Tempelhof

Mehr als 1.000 Geflüchtete leben noch in den Hangars in Tempelhof. Viele werden dort ihr zweites Weihnachten verbringen. Auf andere Unterkünfte müssen sie noch warten - die Containerdörfer auf dem Vorfeld sind nicht vor Frühjahr 2017 fertig. Von Nina Amin