Was ist, was wird in Tempelhof? - Die Flüchtlinge, der Flughafen und das Feld

Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist die größte Flüchtlings-Notunterkunft Berlins – und die soll nach den Plänen des Senats noch erheblich erweitert werden. Um temporäre Bauten auch etwas außerhalb des erlaubten Bereichs zu errichten, wurde sogar das Tempelhof-Gesetz geändert. Die Planungen sind bisher allerdings noch etwas ungenau. Von Thorsten Gabriel

Einst warteten hier Flugzeuge auf ihren nächsten Abflug, jetzt wohnen in den riesigen Hallen Flüchtlinge. Vier der Hangars am ehemaligen Flughafen werden mittlerweile als Notunterkunft genutzt: Kleine Einheiten mit Doppelstockbetten, abgetrennt durch Sperrholzwände, reihen sich dicht an dicht. Zwei weitere Hangars werden derzeit vorbereitet, um noch mehr Flüchtlinge aufnehmen zu können. Bis zu 4.000 könnten es dann allein im Flughafengebäude sein.

Von eingehaltenen Mindeststandards an Unterkünfte spricht niemand. Auch der für Flüchtlingsfragen zuständige Berliner Staatssekretär Dieter Glietsch betont, es handle sich um eine Not- und nicht um eine Gemeinschaftsunterkunft: „Wir wissen alle, dass Tempelhof kein Ort ist, wo Flüchtlinge lange leben sollten“, sagte er zuletzt am Donnerstag vor einer Woche bei einer Bürgerversammlung in der ehemaligen Abflughalle. Tempelhof solle ein Ort sein, an dem Geflüchtete ankämen und registriert würden, an dem sie aber allenfalls ein paar Tage oder auch Wochen, aber nicht Monate bleiben sollten, skizzierte Glietsch die Zielvorstellung.

Bisher ist kaum jemand wieder ausgezogen

Aber daran hakt es im Augenblick noch. Eingezogen sind bislang rund 2.500 Geflüchtete, wieder ausgezogen nur wenige. Die bürokratischen Mühlen mahlen einfach zu langsam – beziehungsweise sie kommen wegen des Andrangs an Flüchtlingen einfach nicht hinterher. Der Flüchtlingsrat und die Initiative „100% Tempelhofer Feld“ sprechen von unhaltbaren, menschenunwürdigen Zuständen, und davon, dass Tempelhof einfach kein geeigneter Ort zur Unterbringung sei. Der Senat setzt dagegen auf Ausdehnung statt Eindämmung: Mehr Infrastruktur, mehr Fläche seien notwendig, nur so lasse sich die angespannte Situation entzerren und das Ziel erreichen, viele Flüchtlinge in kurzer Zeit in Tempelhof ankommen zu lassen um sie möglichst schnell weiter zu vermitteln. In feste Quartiere und, wo möglich, auch in Arbeit.

Die Skizzen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sehen nicht nur weitere Unterkünfte außerhalb der alten Gebäudemauern vor, sondern auch umfangreiche Flächen für die Versorgung der Geflüchteten, für Bildung, Kultur und Sport. Dafür soll in erster Linie das 23 Hektar große Vorfeld vor den Hangars genutzt werden. Zusätzlich sind die links und rechts angrenzenden Flächen des Vorfeldes zur temporären Bebauung vorgesehen. Die sind zwar ebenfalls betoniert, gehören rein rechtlich aber zur Fläche des Tempelhofer Feldes, das vor zwei Jahren per Volksentscheid quasi mit einem Entwicklungsverbot belegt wurde.

Vier Prozent der Freifläche dürfen jetzt bebaut werden

Jetzt wurde das Volksgesetz geändert – nach fast dreimonatiger Diskussion. Aus Sicht der Regierungskoalition ist es nur ein geringfügiger und vor allem vorübergehender Eingriff in den Gesetzestext. Aus der Perspektive derjenigen, die einst den Volksentscheid für sich entschieden, ist es dagegen ein Affront. Da half es wenig, dass die Koalition den Änderungstext noch mehrmals veränderte – um den Verdacht auszuräumen, die Regierung wolle das Bauverbot auf dem Feld mehr oder weniger durch die Hintertür aushebeln.

Auf dem Feld selbst wird man von Flüchtlingsunterkünften wohl auch in Zukunft kaum etwas mitbekommen. Denn die zwei Flächen seitlich des Vorfeldes machen keine vier Prozent der gesamten Freifläche aus.

Vorsichtig skizziert sind dort in der grafischen Darstellung der Stadtentwicklungsverwaltung insgesamt fünf Platzhalter für Traglufthallen. In einem früheren Entwurf hatten diese noch eine U-Form und waren mit der Anmerkung versehen, sie böten Platz für je 700 Menschen. Was also einer zusätzlichen Unterbringungskapazität von 3.500 Plätzen entspräche. Zusammen mit den bis zu 4.000 Unterkunftseinheiten im Gebäude selbst, ergäbe sich also eine Maximalkapazität von knapp 7.500 Plätzen.

Die Planungen des Senats

Tempelhofer Feld: Aktuelle Pläne des Senats für eine Erweiterung der Massenlager für Geflüchtete auf dem Tempelhofer Feld (Quelle: rbb-online/MityaChurikov)
Die Planungen des Senats zum Ausbau der Flüchtlings-Unterkunft im und um das ehemalige Flughafengebäude. Auf dem Vorfeld sollen temporäre Bauten errichtet werden.

Sieben Gebäude plus Unterbringungshallen

Auf dem Vorfeld selbst sind vorläufig sieben weitere mobile Gebäude – mutmaßlich Traglufthallen – geplant. Dort sollen allerdings keine Menschen untergebracht werden, sondern hier werden Versorgung und gesellschaftliches Leben organisiert. Neben einem Zentrum zur medizinischen Versorgung und einem Jobcenter dominieren vor allem Sportflächen: Ein Fußballfeld mit Tribüne, daneben vier Sportplätze mit Nebenräumen, die als Multifunktionsfläche für Veranstaltungen unterschiedlicher Art genutzt werden könnten. Entgegen ersten Plänen soll es zwar keine Schule auf dem Gelände geben, allerdings ein Bildungszentrum, in dem Schulvorbereitungskurse angeboten werden sollen. Den eigentlichen Unterricht sollen die künftig rund 1.200 Kinder in Willkommensklassen der Grundschulen in den angrenzenden Bezirke besuchen. Vorgesehen ist außerdem, eine Großküche und eine Lagerhalle auf dem Vorfeld einzurichten.

Wann mit der Aufstellung all dieser temporären Gebäude begonnen wird, ist noch nicht klar. Ein Sprecher der Stadtentwicklungsverwaltung erklärte lediglich, dass die zuständigen Baubehörden alles in die Wege leiten könnten, wenn die  zuständigen Senatsverwaltungen, etwa die für Gesundheit und Soziales, das Startsignal gäben. In jedem Falle seien bauvorbereitende Maßnahmen notwendig – Dienstleistungen, die zunächst ausgeschrieben werden müssten.

Bisher kaum mehr als grobe Überlegungen

Wenn man sich die Pläne und Skizzen des Senats etwas genauer anschaut wird deutlich: Es sind kaum mehr als grobe Überlegungen. Von „möglichen Nutzungen“ ist die Rede. Allein bei der Frage, welche Feldflächen nun eigentlich genutzt werden sollten, wurde viermal umgeplant. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auch diesen Skizzen noch etliche weitere folgen. Die Grundsatzfrage aber ist fürs erste entschieden und per Gesetz beschlossen: Die Freiflächen seitlich des Vorfeldes dürfen nun zur Flüchtlingsunterbringung genutzt werden – allerdings befristet bis zum 31. Dezember 2019.

Provisorien über Provisorien

Beitrag von Thorsten Gabriel

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