Ein geflüchtetes Mädchen lernt in einer Willkommensklasse und schreibt an die Tafel (Quelle: rbb/Kirsten Buchmann)

Willkommensklassen für Tempelhofer Flüchtlingskinder - Hausaufgaben im Hangar

Von den etwa 2.000 Flüchtlingen in den Tempelhofer Hangars in Berlin sind etwa 450 schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Etwa 200 von ihnen lernen schon Deutsch in Willkommensklassen der angrenzenden Bezirke. Weitere Klassen sollen eingerichtet werden - aber bisher reicht es nicht für alle. Von Kirsten Buchmann

Die elfjährige Niloufar besucht seit rund drei Wochen eine Willkommensklasse in Kreuzberg. Mit der U-Bahn fährt sie morgens aus ihrer Unterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof zur Aziz-Nesin-Schule. Von acht Uhr bis 13.30 Uhr lernt Niloufar dort bei ihrer Lehrerin, Selda Kirkgöze, Deutsch. Diese gibt der Klasse in dieser Stunde eine Aufgabe. Die Schüler sollen in einer langen Buchstabenschlange einzelne Wörter suchen. Niloufar beugt den Kopf über ihr Buch und liest: "Limo". Sie schreibt das Wort richtig an die Tafel.

In ihren ersten Wochen in der Willkommensklasse habe sie schon viel gelernt, und sie habe zwei Freundinnen gefunden. Deshalb gehe sie gerne in die Aziz-Nesin-Schule, sagt Niloufar.

Flucht aus Afghanistan

Im afghanischen Kandahar besuchte Niloufar drei Jahre lang die Schule. Auf ihrer langen Flucht, unter anderem durch Pakistan und die Türkei nach Deutschland, konnte sie nicht weiter lernen. Seit drei Monaten lebt sie mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in der Notunterkunft in Tempelhof. Nun freue sie sich, während der Woche einen Teil des Tages aus dem Hangar herauszukommen und in ihre Willkommensklasse zu gehen. Sie habe auch schon ein Ziel, was sie einmal werden wolle: Lehrerin.

Ein geflüchtetes Mädchen lernt in einer Willkommensklasse in Berlin-Kreuzberg (Quelle: rbb/Kirsten Buchmann)
Etwa 200 Kinder aus der Unterkunft im ehemaligen Tempelhofer Flughafen haben bereits einen Schulplatz - aber mehr als 200 weitere warten noch darauf.

Mehr als die Hälfte der Tempelhofer Kinder hat noch keinen Schulplatz

Dafür lernt Niloufar auch am Nachmittag. In einer Zwölfbett-Kabine aus Messebauteilen im Hangar 2 in Tempelhof hilft ihre Mutter ihr bei den Hausaufgaben. Das heißt: Deutsch sprechen, lesen und schreiben lernen. Während Niloufar und etwa 200 weitere Kinder schon damit begonnen haben, warten in den Hangars allerdings noch immer rund 250 junge Flüchtlinge auf einen Schulplatz. Das lässt sich aus Zahlen des Betreibers und der Bezirke errechnen. Denn insgesamt leben in den Hangars rund 450 schulpflichtige Kinder.

Damit sie die Schule besuchen können, sind in Friedrichshain-Kreuzberg weitere sechs Willkommensklassen für 72 Kinder geplant. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg wird, nach der Einschätzung der CDU-Bezirksbildungsstadträtin Jutta Kaddatz voraussichtlich im Frühsommer, eine ehemalige Schule, die Teske-Schule, wiedereröffnen, und dort unter anderem Willkommensklassen für Kinder vom Tempelhofer Feld unterbringen.

Wann wie viele von ihnen dort hinkommen werden, steht laut der Stadträtin noch nicht fest. "Ich will auf keinen Fall, dass es eine reine Flüchtlingsschule wird", sagt Jutta Kaddatz. Die Senatsbildungsverwaltung sieht dieses Modell ausdrücklich als eine Übergangslösung. Priorität hat es aus ihrer Sicht, die Flüchtlingskinder in bestehende Schulen zu integrieren.

Die Schulkinder in der Tempelhofer Notunterkunft

Dem Betreiber Tamaja zufolge leben in der Notunterkunft Tempelhofer Feld 452 schulpflichtige Kinder (Stand: 23.2.2016). In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es derzeit 14 Willkommensklassen, die für Schüler vom Tempelhofer Feld eingerichtet wurden. In jeder Klasse kommen zwölf Kinder unter, das macht also 168 Plätze. Sechs weitere Klassen sind für Schüler vom Tempelhofer Feld geplant.

Insgesamt sollen sich die Willkommensklassen für die Kinder aus der Notunterkunft in diesem Bezirk auf sieben Schulen verteilen:

  • Lenau-Schule: zwei Klassen
  • Lemgo-Schule: vier Klassen
  • Hunsrück-Schule: vier Klassen
  • Aziz-Nesin-Schule: vier Klassen
  • Carl-von-Ossietzky-Schule: zwei Klassen
  • Lina-Morgenstern-Schule: zwei Klassen
  • Robert-Koch-Schule: zwei Klassen

In diesen Schulen stünden die dafür notwendigen Räumlichkeiten zur Verfügung, erklärte der Kreuzberger Schulstadtrat Peter Beckers.

In den ebenfalls an das Tempelhofer Feld angrenzenden Schulen in Neukölln gibt es laut dem Bezirk bisher keine Willkommensklassen für die Kinder aus der Notunterkunft. (Stand: 23.2.2016)

Die Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg

Beitrag von Kirsten Buchmann, Inforadio

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